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Schachspieler sind gut, Spielerinnen schön

 
Chess Chimp
Im Jahr 1955 spielt ein Affe im Londoner Zoo gegen ein Mädchen Schach. © William Vanderson/Fox Photos/Getty Images

Die deutsche Schachjugend (DSJ) lässt auf ihrer Website aktuell wieder die Spieler des Jahres wählen. Insgesamt 20 Kandidaten werden zur Wahl angeboten, in den Altersklassen U20 und U14 gibt es jeweils eine Jungen- und Mädchenkategorie. Die Überschrift über dem Wahlaufruf lautet:

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Beste, die Schönste im Land?“

Dieser Satz, der ganz unverhohlen zu unterschiedlichen Beurteilungskriterien für Jungen und Mädchen aufruft, stimmt nachdenklich. Hat die Schachjugend wirklich den gesamten Diskurs zum Thema Geschlechterstereotype, der in den vergangenen anderthalb Jahren geführt wurde, komplett verschlafen?

Umso schlimmer, da sie es ja eigentlich besser wissen müssten. Der Eintrag vor dem Wahlaufruf wirbt für eine Kampagne für Kinderschutz und gegen sexualisierte Gewalt im Sport. Auch der diesjährige Aprilscherz der DSJ, bei dem eine neue Gender-Richtlinie im deutschen Jugendschach angekündigt wurde, gemäß der jetzt auch deutsche Meisterschaften unter Trans- und Intersexuellen sowie Transgendern ausgetragen werden sollen, zeugt von einem gewissen Bewusstsein für brisante Themen.

So peinlich die Spieglein-Spieglein-Überschrift klingt, so nah ist sie doch an der Realität. Das an die Gebrüder Grimm angelehnte Zitat birgt viel Wahres in sich. Wer sich darüber beschwert, dass Jungen und Mädchen in der Schule nicht gleich behandelt werden, war noch nie bei Jugendschachturnieren. Ab der Altersklasse U14 werden die deutschen Meisterschaften getrennt nach Geschlechtern ausgetragen – spielstarke Mädchen sind bei den Jungen herzlich willkommen, der Rest dümpelt in eigenen Mädchenturnieren vor sich hin wie Aborigines in ihrem abgeschiedenen Reservat. Werden ihnen Trainer zur Seite gestellt, nehmen sich diese oft nur wenig Zeit. Die Männerteams sind besser und wichtiger.

So wird von allen Seiten die allgemein akzeptierte Haltung untermauert, dass Mädchen nur Schach zweiter Klasse spielen, dort sowieso keine Zukunft haben, aber vielleicht gut vor dem Spiegel aussehen.

38 Kommentare

  1.   Hochfinanz

    Männersport in der Männerwelt.
    Aber in der Formel1 ist’s noch schlimmer.
    Rennfahrer Boxenluder

    Hauptsache die Mädchen können machen, was ihnen Spaß macht.
    Die Anerkennung haben sie natürlich nicht, aber das ist auch sekundär.
    Die Freude an dem was man tut, das ist das Wichtigste.

  2.   Leonardo Bosco

    „…Affe im Londoner Zoo gegen ein Mädchen Schach…“

    Ahem… wer hat denn nun gewonnen? ;-)


  3. Ich finde man sollte nur Gemischtgeschlechtlich Schach spielen. Wenn das zur Folge hat, das Mädchen keine Preise bekommen, dann ist das eben so.

    Das man allerdings die Schuld für unterschiedliche Leistungen bei jedem anderen Sucht als bei den Spielerinnen, das ist ein Feigenblatt. Wäre es andersrum (Mädchen besser) dann würde man den „dummen, faulen Jungs“ ohne mit der wimper zu Zucken die Schuld daran geben.

    PS: Bei körpersport gilt das übrigends auch. In Paar Wochen beginnt die Fußball WM. Nicht die Männer Fußball WM. Frauen können theoretisch da auch hin. Schaffen es nur von der Leistung nicht. In unteren (Männer) Liegen hat man ab und zu Frauen im Tor. Die Männerliegen sind also keine, sondern Unisex-Liegen.


  4. >>spielstarke Mädchen sind bei den Jungen herzlich willkommen, der Rest dümpelt in eigenen Mädchenturnieren vor sich hin wie Aborigines in ihrem abgeschiedenen Reservat. <>Meisterschaften unter Trans- und Intersexuellen sowie Transgendern ausgetragen werden sollen<< als Aprilscherz zu deklarienen, zeugt für mich eher von Überheblichkeit und Schubladendenken. Was durch den dämlichen Leitspruch bestätigt wird.


  5. ==spielstarke Mädchen sind bei den Jungen herzlich willkommen, der Rest dümpelt in eigenen Mädchenturnieren vor sich hin wie Aborigines in ihrem abgeschiedenen Reservat. ==
    Für mich hört sich das so an, als wenn da tatsächlich gravierende Unterschiede in der Spielstärke sind? Dann macht so eine Unterteilung durchaus Sinn.
    Und mit Verlaub, ich weiß nicht, was die Aborigines von diesem Vergleich halten.
    ==Meisterschaften unter Trans- und Intersexuellen sowie Transgendern ausgetragen werden sollen== als Aprilscherz zu deklarienen, zeugt für mich eher von Überheblichkeit und Schubladendenken. Was durch den dämlichen Leitspruch bestätigt wird.

  6.   Kamasutra

    Ihr Feministen werdet von Tag zu Tag schlimmer und unlogischer.
    Jetzt habt ihr also jemanden gefunden dem ihr die Schuld dafür geben könnt dass Frauen nicht in die Weltelite vorstossen können.
    Femismus ist wirklich die verkommenste von allen Religionen.

  7.   T Müller

    Zunächst einmal: die betreffende Überschrift ist wahrlich unangemessen, da stimme ich zu. Absurderweise interpretiert die Autorin daraus eine systematische, böswillige Absicht einer gesamten Sportart und all ihrer Trainer.

    Ich habe selbst die gesamte Jugend in einem Schachverein gespielt und komme daher zu dem Schluss, dass die Autorin dergleichen nie getan hat und wohl sogar mit genau keinem Menschen, der je in einem Verein zugange war, eine Unterhaltung geführt hat. Wozu auch recherchieren, wenn das eigene Weltbild doch bereits vollständig abgerundet ist? Zunächst einmal wurde (in Baden-Württemberg) NICHT nach Geschlechtern getrennt, weder im Training, noch in Ligaspielen und nur gelegentlich in Turnieren, da die statistisch deutlich unterrepräsentierten Mädchen sonst rein mathematisch nur geringe Chancen auf die unter Kids begehrten Medaillen oder Pokale hätten.

    Die Deutsche Meisterschaft (die nur ein Bruchteil der Vereinsspieler je erreichen) wird getrennt ausgeführt. Wiederum: Würde das nicht passieren, ginge ein gewaltiger Proporz der Titel an Männer. Gibt es eine Frau, die sagen wir in der Altersklasse u20 auf dem Niveau der Besten SpielerInnen unter 20 spielt, so steht es ihr frei, die Männer zu schlagen. Dafür braucht man kein bestimmtes Geschlecht, sonder eine bestimmte Spielstärke. Ist es Ihrer Meinung nach NUR dem internationalen Sexismus geschuldet, dass seit Jahr und Tag ein Großteil (beileibe nicht alle!) der Schach-Weltelite männlich ist? Nur dann kann ich ihre leider wirklich nicht korrekten Schlussfolgerungen auch nur nachvollziehen.

    Trainer widmen Mädchen weniger Zeit? Welch grundloser Vorwurf – ohne jeglichen Beleg. Überhaupt lief das Training meist im gegenseitigen Spiel, mit gelegentlichen „Unterrichtsstunden“ erfahrener und starker Spieler ab, die eine Eröffnung oder eine Stellung vorstellten und analysierten.

    Dieser Kommentar ist wirklich der unsachlichste, am schlechtesten recherchierte und von Emotionen überladendste Stuss, den ich hier je lesen durfte (und dass, obwohl er nicht wenig Konkurrenz hat). Unfassbar, dass so etwas hochgeladen wird.


  8. „[…] wie Aborigines in ihrem abgeschiedenen Reservat“

    Im englischen Sprachraum spricht man inzwischen nicht mehr von Aborigines, weil das Wort eine diskriminierende Komponente habe, sondern von Aboriginals. Was das nun für einen Unterschied macht, weiß ich allerdings nicht.

    Jedenfalls scheint mir dieser Artikel aber die politische und soziale Lage der Aborigines/-nals zu verharmlosen. Oder sind weibliche Schachspielerinnen etwa dreimal so häufig arbeitslos wie der Rest der Bevölkerung, haben schlechtere oder gar keine Schulbildung, eine um zehn Jahre niedrigere Lebenserwartung, eine doppelt so hohe Kindersterblichkeit und stellen einen um das fünffache überproportionalen Anteil der Gefängnisinsassen?

  9.   probono

    Wo ist da der Unterschied, z.B. zum Fußball? Auch hier finden in den Medien fast ausschließlich Übertragungen des Männer statt.

  10.   Attox

    Das Problem ist tatsächlich recht immens. Ich habe ähnliches selbst schon bei Turnieren erleben können. Eigentlich eine Schande wenn man bedenkt dass Frauen wie die Polgar-Schwestern (vorallem Judith) gezeigt haben, dass Frauen auf Spitzenniveau locker mithalten können.

    Vor allem bei den aktuellen Jugendtalenten, wie Hou Yifan, zeigt sich doch deutlich, dass Frauen zu unrecht als zweitklassig abgestempelt werden.