‹ Alle Einträge

Natürlich ist Schach Sport

 

Im Mai beschloss das Bundesministerium des Inneren, Schach nicht mehr zu fördern. Fehlende Eigenmotorik, kein Sport, lautete die Begründung. In der Kasse des Deutschen Schachbunds drohten bald 130.000 Euro zu fehlen. Im Juni nahm der Haushaltausschuss des Bundestags den Zug des BMI zurück. Schach wird auch künftig gefördert. Aber es bleiben Fragen: Ist Schach förderungswürdig? Ist Schach Sport?

carlsen12Schachweltmeister Magnus Carlsen beim Fußball (Foto: Ionut Anisca)

Meine Schachblog-Kollegen haben an dieser Stelle schon geschrieben, warum sie, obwohl selbst große Schachfans und -spieler, an Schach als echtem Sport zweifeln. Ich möchte dem hier etwas entgegenhalten: Ja, Schach ist ein Sport. Und sollte noch viel mehr als bisher gefördert werden. Weil zum Sport auch das Denken gehört.

Eine moderne demokratische Gesellschaft sollte ihre Mitglieder zum Denken ermuntern. Es ist kein Zufall, dass Aufklärer und Wegbereiter der Vernunft wie Benjamin Franklin, Jean-Jacques Rousseau und Denis Diderot begeisterte Schachspieler waren. Ebenso wenig ist es Zufall, dass wirtschaftlich und technisch aufstrebende Nationen wie China und Indien vor 30 oder 40 Jahren, als sie am Beginn dieser Entwicklung standen, keinen einzigen Schachgroßmeister hatten, jetzt aber zu den führenden Schachnationen der Welt gehören.

Studien haben gezeigt, wie gut Schach für Kinder und Jugendliche ist. Schach, so die Erkenntnis der Wissenschaftler, fördert Konzentrationsfähigkeit, mathematische Fähigkeiten und nicht zuletzt soziale Kompetenz. Auch nicht schlecht für eine Gesellschaft.

Überhaupt sollte zunächst die Grundfrage geklärt werden: Was ist eigentlich Sport? Das lässt sich nur schwer eindeutig definieren. Einen Versuch macht das Sportwissenschaftliche Lexikon von 1992: „Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich Sport zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt. Eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung lässt sich deshalb nicht vornehmen. Was im allgemeinen unter Sport verstanden wird, ist weniger eine Frage wissenschaftlicher Dimensionsanalysen, sondern wird weit mehr vom alltagstheoretischen Gebrauch sowie von den historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gegebenheiten bestimmt.“

Oder einfacher: Sport ist, was eine Gesellschaft dafür hält. Und das ändert sich.

Selbst die Sportverbände, die eigentlich wissen sollten, was sie da organisieren und betreiben, sind sich uneinig. So legt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bei seiner Sportdefinition Wert auf „Eigenmotorik“. Also entsprechen „Denkspiele, die Dressur von Tieren sowie Motorsport ohne Einbeziehung solcher motorischer Aktivitäten …“ nicht dem Sportverständnis des DOSB.

Das Internationale Olympische Komitee sieht das anders und zählt deshalb auch Schach und Bridge zu den anerkannten Sportarten. Noch umfassender fällt die Definition von Sportaccord aus, dem Internationalen Dachverband „aller bedeutenden Sportverbände“. Für diesen Weltverband zählt beim Sport der Wettkampfcharakter, wobei zu viel Glück eine Disziplin als unsportlich disqualifiziert. Außerdem dürfen keine Lebewesen zu Schaden kommen und es darf kein unangemessenes Risiko für die Gesundheit bestehen.

Die Sportarten teilt Sportaccord in fünf Kategorien ein: „Überwiegend physisch, überwiegend geistig, überwiegend motorisiert, überwiegend auf Koordination beruhend und überwiegend im Zusammenspiel mit Tieren.“ Wer also Schach als Sport sehen möchte, der sollte sich auf das Internationale Olympische Komitee oder besser noch auf Sportaccord berufen.

Unabhängig von allen Definitionen kann man sich auch fragen: Was macht Sport aus? Was zeichnet einen guten Sportler und eine gute Sportlerin aus? Liest man Berichte über Sport und Sportler, sind die unsichtbaren Phänomene wie Spielverständnis, Intelligenz und Wettkampfmentalität dabei mindestens ebenso wichtig wie Eigenmotorik. So beginnt ein Porträt des deutschen Basketballstars Dirk Nowitzki von Sebastian Moll in der Berliner Zeitung vom 11. Juni 2011: „Natürlich ist Leistungssport niemals reine Kopfsache, wie die Gurus des mentalen Trainings es gerne predigen. Und doch gibt es Momente im Sport, in denen das Können der Kontrahenten annähernd gleich ist und die Psyche über Sieg oder Niederlage entscheiden muss.“

In seinem Buch More than a Game erinnert sich Phil Jackson, einer der erfolgreichsten Basketballtrainer aller Zeiten, wie er mit Basketball angefangen hat: „Ich glaube nicht, dass ich ein besonders begabter Athlet war, es war einfach nur so, dass ich unter Stress gut war, vom Spielen etwas verstand und Wettkampf liebte.“ (Phil Jackson, Charley Rosen, More than a Game, New York 2001, S.20;)

phil jacksonPhil Jackson (Foto: Keith Allison, Wikipedia)

Wie der Ausdruck „begabter Athlet“ verrät, unterscheidet Jackson zwischen den körperlichen und den mentalen Fähigkeiten eines Sportlers. Einstellung und Psyche seiner Teams waren ihm sehr wichtig. Vor einem entscheidenden Spiel seiner Los Angeles Lakers gegen die Portland Trail Blazers in den NBA-Play-Offs ordnete er keine zusätzlichen Trainingseinheiten an, sondern erklärte seinen Spielern mit der Philosophie des „achtfachen Pfads“ Grundlagen buddhistischer Ethik. Jackson wollte damit das Zusammenspiel seiner teils mit übergroßem Ego ausgestatteten Spieler fördern. Die Lakers gewannen.

buddha2Buddha: Symbol für Ruhe und mentale Kraft (Foto: Furnace Mountain Zen Center, Kentucky, USA)

Sport, so könnte man folgern, ist ein spielerischer Wettkampf gegen sich selbst oder andere, bei dem es auf das gelungene Zusammenspiel von Körper, Geist und Psyche ankommt. Kein Wunder, dass immer mehr Sportler meditieren, autogenes Training betreiben, das konstruktive Selbstgespräch üben und den Rat von Mentaltrainern suchen, um ihre Leistungsmöglichkeiten besser auszuschöpfen. Wer hingegen die Eigenmotorik als entscheidendes Merkmal des Sports betont, zeigt wenig Sinn für Psyche und Geist, aber Gespür für Geld. Denn Eigenmotorik kann man sehen, zeigen und somit besser vermarkten.

Beim Schach spielt die Eigenmotorik keine große Rolle. Stattdessen steht das Denken im Vordergrund und dafür ist das Gehirn zuständig. Was das so treibt und tut, sieht man nicht. Ein Teil des Körpers ist es dennoch. Und viele Menschen sind dankbar und froh, wenn es gut funktioniert.

20 Kommentare


  1. Ja klar doch, und ein Bekannter meinte neulich zu mir, dass er sich beim Golf spielen mindestens so sehr konzentriere, wie ich beim Felsklettern in 100 Meter höhe.


  2. Wahrscheinlich hat Ihr Bekannter recht – wenn er seinen Sport mit der gleichen Intensität ausübt, wie Sie.

  3.   dth

    Kommt eben auf die Definition von Sport an.
    Wenn man unter Sport die nicht auf einen Zweck gerichtete, geregelte Leistungserbringung sieht, ist alles Sport, wo es irgendwie darum geht „sinnlos“ eine Leistung zu erbringen. Gewichtheben genauso wie Schach oder um die Wette Wörter Buchstabieren.
    Setzt man für Sport körperliche Aktivität, d.h. entweder Kraftanstrengung oder körperliche Koordination voraus, ist Schach keiner. Sicher ist Schach anstrengend, geistige Arbeit ist auch sehr anstrengend. Auch braucht man beim Sport natürlich sein Gehirn, aber vor allem die räumliche Wahrnehmung, Koordination usw. Überdurchschnittliche, intellektuelle Leistungsfähigkeit ist auch in anderen Sportarten nicht gefordert.
    Ich frage mich ohnehin, warum es unbedingt so wichtig ist, ein Sport zu sein. Musizieren, Dichten oder mathematische Beweise führen gilt auch nicht als Sport und bedarf auch Übung, Talent und Anstrengung.
    Kein Sport zu sein, macht die Beschäftigung ja nicht weniger interessant.


  4. Endlich ein fachlich fundierter Artikel dazu im Schach-Blog. Und ein guter dazu.


  5. Man kann Sport natürlich so fassen, dass auch Schach Sport ist. Die Frage, die man dann aber stellen muss:
    Warum _nur_ Schach?

    Es gibt viele andere Arten von „Denksport“. Sicherlich sind nicht alle so populär, evtl. auch nicht so komplex, aber dennoch sehr anspruchsvoll.
    Sei es nun Dame, Go o.ä.

  6.   Case793

    Da wüsste ich doch gerne ob für Herrn Fischer auch eSport als Sport gilt? Oder warum genau Schach im Gegensatz zu diesem förderungswürdig sein soll? Denn alles was Herr Fischer aufführt, gilt auch für eSport; auf jeden Fall so weit er Strategie-Spiele betrifft.


  7. Schach ist ein Sport: Man kann es ernsthaft trainieren. Man kann sich ständig verbessern – genauso wie ein Fussballer zu Beginn sich eher physisch verbessert, während gegen Ende seiner Karriere eher das Gespür für Taktik und Spielsituationen zum tragen kommt.

    Schach ist ein Sport, weil es vom Spieler alles abverlangt. Wer wie ich schon mal vierstündige Partien gespielt hat, weiss, wie das ist. Nachlassende Konzentration bedeutet leicht eine Niederlage.

    Hingegen ist das Risiko, sich zu verletzen oder zu sterben, eher klein. Fussballer mit Herzattacken gibts immer wieder. Ebenso Langstreckenläufer. Aber mir ist nicht bekannt, dass jemals ein Schachspieler am Brett verstorben ist.

  8.   Eric

    schach als sportdisziplin zu deklarieren verwässert die eventuell unklare bedeutung des begriffes „sport“ vollends. wenn schach sport ist, dann sind auch sämtliche andere aktivitäten, wie in den vorherigen kommentaren erwähnt, sportarten: kartenspiele, monopoly, reiten, zauberwürfel lösen, computerspiele spielen, auto fahren, …
    tatsächlich ersuchen die funktionäre diese zuordnung aus reinen prestige- und geldgründen, denn anders als bei anderen nicht-physischen betätigungen ist schach ein sicherlich alterwürdiges spiel mit großer lobby ähnliches gilt für das reiten oder den motorsport.


  9. Das BMI wird die nächsten Jahre die Förderung für die Schachverbände nach diesem Warnschuss vielleicht tatsächlich einstellen. Deutschland hat als Schachnation einen besonderen Ruf in der Welt z.B. mit der Schachbundesliga die wahrscheinlich die stärkste der Welt ist, auch wenn wir nicht gerade einen Carlsen oder Kramnik haben, und auch wenn es eine andere Bedeutung wie in z.B. in Russland oder Armenien hat. Viele von den guten Spielern wie Carlsen etc. sind überhaupt erst durch die überhaupt vorhandene Förderung nach Deutschland in die Schachbundesliga gekommen.
    Anders als bei Motorsport usw. (wo prinzipiell auch eine gewisse eigenmotorische Fähigkeit fehlt), ist Schach eben kein Sport wo viel Geld drin steckt, da hier einerseits das breite Publikum und andererseits die Förderungswilligkeit der Sponsoren fehlt.
    Aber so ist das eben heutzutage, wenn sich kein finanzieller Vorteil ergibt, dann ist es auch nur eingeschränkt förderungswürdig.
    Letzenendes müssen die Kosten der Vereine von den Mitgliedern getragen werden, da es ja irgendwie weitergehen muss. Schach bietet halt keine besonderen finanziellen Perspektiven, aber man wird das was man die letzten Jahre erreicht hat nicht einfach aufgeben wollen. Da man sich auf die ohnehin sehr geringe Förderung durch den Staat nicht verlassen kann sollte man sich dringend mal nach Sponsoren oder neuen Finanzierungsmodellen umsehen. Schwerig wird es besonders dann wenn man große internationale Turniere oder Meisterschaften abhalten will, da wird man in Zukunft eben vom Standort Deutschland absehen müssen.