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Bauern, Könige und nur eine Handvoll Senioren

 

Als die Schachbundesliga 1980 gegründet wurde, fanden die Begegnungen in Hinterzimmern von Gaststätten oder Kneipen statt. Oder in spartanisch eingerichteten Freizeitheimen. Ein Ärgernis waren zudem die damals verbreiteten „Salonremisen“, ob abgesprochen oder aus geringem Kampfwillen resultierend. Partien konnten nach 15, 10 oder auch schon mal 6 Zügen zu Ende gehen, wonach die beiden Profis sich oft ins gleiche Auto setzten und nach Hause Richtung Osteuropa fuhren.

Und jetzt? Kurzremisen gibt es keine mehr, ein Friedensschluss ist erst nach 20 Zügen erlaubt. Die muffigen Gaststuben wurden gegen repräsentative Sparkassengebäude, Hotels oder Rathäuser eingetauscht, in Berlin ist die Bundesliga manchmal im Willy-Brandt-Haus der SPD zu Gast. Es gibt hochwertiges Catering, die Spieler tragen Einheitskleidung, die Partien werden live ins Internet übertragen. Nur nach einer Kleinigkeit aus früheren Zeiten sehnt man sich heute: dem Zuschauer.

Spielsaal1
Bundesliga in Hamburg 2013. Die Senioren lassen noch auf sich warten. (Copyright: Georgios Souleidis)

Nur einmal im Jahr, wenn sich alle 16 Mannschaften zu einem gemeinsamen Wettkampf, einer zentralen Bundesligarunde versammeln, kommen auch genug Zuschauer. Sonst spielen die Großmeister vor leeren Rängen. Verlassen kann man sich nur auf eine Handvoll Senioren vom ausrichtenden Verein. Manchmal ist gar keiner da. Selbst in Kneipen der achtziger Jahre war mehr los.

Als sich die Schachbundesliga e.V. 2007 vom Deutschen Schachbund loslöste, wollte sie sich eigentlich besser vermarkten. Doch eine Liga zu verkaufen, der die wichtigen Merkmale einer Liga fehlen, ist schwer. Einen echten Wettbewerb um die Meisterschaft gibt es seit 2006 nicht mehr, die OSG Baden-Baden hat seitdem neun Mal gewonnen. Der Abstiegskampf ist eine Farce, da immer wieder Mannschaften zurückziehen und die sportlichen Absteiger weiterspielen dürfen.

Das Desinteresse hat noch andere Gründe: die fehlende Identifikation mit den Spielern etwa. Baden-Baden spielt immerhin mit vielen Weltstars und bekannten deutschen Großmeistern im Kader. Aber Vereine wie Trier oder Emsdetten treten auch gerne mit acht ausländischen Profis an, die meisten ohne jede Bindung zur Vereinsbasis und Attraktivität für das Publikum.

Selbst diejenigen, die sich für die Bundesliga interessieren, haben oft keine Zeit, diesem Interesse nachzugehen. Die Bundesliga spielt an sieben Wochenenden im Jahr, samstags um 14 Uhr und sonntags um 10 Uhr. An allen diesen Sonntagen müssen aber von der 2. Bundesliga bis zur Kreisklasse auch die Amateure an die Bretter. Jeder Versuch, diese Termine zu entzerren, ist bisher gescheitert, weil auch zusätzliche Wochenenden für die Frauenligen freigehalten werden müssen.

Die Samstagsrunden sind traditionell immer besser besucht, leider aber sehr unter dem Fußball. Winfried Hilgert, Mäzen der SG Köln-Porz, die seit 2009 die 2. Liga West dominiert, forderte sogar einmal vergeblich eine Abkehr vom Samstagstermin. Dies ist der Grund, warum Porz seit sechs Jahren nicht aufsteigt.

So wird die Schachbundesliga kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Regelmäßige Berichterstattung gibt es sogar in Schachzeitschriften kaum noch. Auf der Webseite der Bundesliga finden sich zwar zeitnah grobe Zusammenfassungen der Spieltage, auf die einzelnen Begegnungen wird aber kaum eingegangen. Die Homepages der Vereine bieten oft noch weniger.

Das einzige, was gut funktioniert und vom Publikum angenommen wird, ist die Liveübertragung der Partien im Internet. Während eines Spieltags sind gleichzeitig einige Tausend Zuschauer online. Für die übersichtliche Schach-Community eine ordentliche Zahl, für große Sponsoren aber Peanuts, zumal sich der Traffic nur auf sieben Wochenenden im Jahr konzentriert.

Für das Fernsehen als untauglich befunden scheint Schach für das Medium Internet wie geschaffen. Der Hype um die WM-Zweikämpfe oder Kandidatenturniere der vergangenen Jahre wäre ohne die Online-Fortschritte nicht möglich gewesen. Ein Livestream aus dem Spielsaal gehört mittlerweile genauso zum Standard wie eine mehrsprachige Kommentierung der Partien und mitlaufende Bewertungen der Stellung durch ein Schachprogramm.

Die neuen Entwicklungen im Internet haben bei den Schachinteressierten einen Nerv getroffen. So sehr, dass die neugegründete Seite Chess24 versucht, mehr kostenpflichtige Inhalte einzuführen. Doch es ist keine leichte Aufgabe, verwöhntes Publikum erst später an bezahlte Inhalte zu gewöhnen.

Dies aber wäre auch für die Verantwortlichen in der Schachbundesliga ein möglicher Ansatz. Der Eintritt ist meist kostenlos, weil in öffentlichen Gebäuden kein Eintritt verlangt werden darf. Nur wenige Vereine nehmen mal fünf Euro. Mit mehr Eintrittsgeld könnte man etwa das vielerorts mangelhafte Rahmenprogramm aufpäppeln. Außerdem könnte bei den Zuschauern das Gefühl geweckt werden, dass sie für ihr Geld einen echten Gegenwert erwarten können. So billig zu verkaufen wie derzeit bräuchte sich die Bundesliga nicht. Was nichts kostet, ist auch nichts wert.

17 Kommentare

  1.   acepoint

    Was mir auffällt: Zumindest hier, in der Nähe von Emsdetten, macht der Bundesligaverein SK Turm Emsdetten keine Werbung für seine Heimtermine. Wer die Heimspiele besuchen möchte, muss sich im Vorfeld selbst um die Termine bemühen. Man könnte erwarten, dass der Verein zumindest eine Infomail an alle benachbarten Schachvereine oder -gruppen (z.B. Schulschach AGs) sendet. Das sind hier im Einzugsgebiet gar nicht mal so wenige. Oder Regionalkalender (Print u. Online) füttert. Aber wenn man seine eigene Veranstaltung nicht aktiv bewirbt, darf man sich über fehlende Zuschauer auch nicht beklagen.

    Ein zweites Manko ist meines Erachtens die zu lange Bedenkzeit pro Partie, die dazu führt, dass ein Mannschaftskampf (egal in welcher Liga) schon einmal sieben Stunden dauern kann. Wer kann und will sich und seiner Familie das häufig antun, wenn nicht ausgewiesene Enthusiasten?

    Ciao

    Achim (Regionalligaspieler)

  2.   ViennaTower

    Vielleicht liegt es auch einfach daran das Schach ein Auslaufmodell im 21. Jahrhundert ist und von aufsteigenden Denksportarten wie Poker überholt wird.

    Viele gute Schachspieler sind selbst auch zum Poker gewechselt, da das vorausschauend strategische Denken nicht allzu anders ist als im Schach und heutzutage einfach viel profitabler.

  3.   claudius rex

    Ich wohne in Freiburg und ich würde schon mal nach Baden Baden zu den Heimspielen fahren. Aber die lange Spielzeit schreckt mich ab.
    Eine Übertragung aller Partien vor Ort mit Kommentaren von starken Spielern würde die Attraktivität für mich erhöhen. Stundenlang von Brett zu Brett laufen ist langweilig. Ich war noch nie bei einem Bundesligaspiel und weiß nicht ob die Partien im Sitzen auf Bildschirmen verfolgt werden können. Der Vorteil die Partien im Internet verfolgen zu können ist doch derjenige, dass man über die gesamte Länge der Partien nebenher etwas anderes tun kann. Wenn das bei den Mannschaftskämpfen ähnlich wäre, würden voraussichtlich mehr Zuschauer kommen. Würde die Bundesliga zusammen mit der Oberliga spielen wäre der Reiz noch größer, weil so regionale Schach-Größen am Brett zu sehen wären.
    Bereichsliga Spieler.

  4.   acepoint

    @Vienna Tower

    Ich glaube nicht, dass der mittlerweile auch abebbende Pokerboom die Ursache für mangelnde _Zuschauer_zahlen sind. Das Internetangebot ist so gut geworden, dass die Organisatoren für »physisch anwesende« Zuschauer einfach einen Mehrwert bieten müssen, wenn sie diese vor Ort wollen.

    Ich bin z.B. bereit, für gut gemachte, stimmige Internetauftritte (fkt. Livestreams, übersichtliche Darstellung, unterhaltsame Kommentaren etc) Geld zu bezahlen. Gleiches gilt für gut organisierte Liveevents mit Mehrwert.

  5.   ryvy

    „…weil auch zusätzliche Wochenenden für die Frauenligen freigehalten werden müssen.“

    Es verwundert mich gerade, dass es bei der *Denk*sportart Schach überhaupt Frauen und Männerliga gibt.


  6. @5 Tja, wir kämpfen eben im Schach stets um die Gleichberechtigung der Männer: Frauen dürfen zwar in Männerligen mitspielen, Männer aber nicht in Frauenligen. Ich fürchte, diese „Diskriminierung“ geht auf das mitgliederstarke Sowjet-Schach zurück: Die 2,5 Millionen organisiert schachspielenden Damen spielten brav ihre eigenen Meisterschaften aus – vermutlich wollten sich die Großmeister die Mitgliedschaft im – wie nannte man das noch vor dem 2.WK?! – „Miss-Menchik-Club“ ersparen. Diese sehr spielstarke Dame legte in Hastings und andernorts des öfteren mal einen malchauvinistischen Hern flach, auf dem Brett natürlich.
    In Vor-Bundesliga-Zeiten der alten Bundesrepublik war freilich das Zuschauen bei Erstliga-Mannschaftskämpfen noch entbehrungsreicher: Nicht vergessen, es herrschte noch kein Rauchverbot – und in der Regel konnte man nach 2 Spielstunden am 1. Brett das 8. gar nicht mehr sehen. Die „Kiebitze“ an den Brettern waren überdies des öfteren genau so frech wie die gleichnamigen Vögel auf der Weide: Sie regten sich auf, sagten vor, beschimpften Mit-Kiebitze wg. Drängelei, leerten schon mal ihr Bierglas über eine schlechtstehende „Heimpartie“ … und neutrale Schiedsrichter gab es auch noch nicht. Das fochten die Mannschaftsführer untereinander aus … Kurzum – aus Sicht der Spieler ist heutzutage die gähnende Leere im Zuschauerraum durchaus erholsam. Und die „Sponsoren“ zielen ohnehin auf Internet-Auftritte …


  7. Tja, und die „Handvoll Senioren“ reduziert sich nicht nur von selbst in der „biologischen Abtausch-Variante“ (Vorsicht, alte Schächer können ungemein zäh sein) – die pfiffigeren unter ihnen (und das sind die meisten) sind längst unter die mosernden Foristen gegangen (mit sanfter Hilfe von Rybka, Houdini, Fritz oder anderen Jungs in dieser Band) und kommentieren, was das Zeug hält. Früher hatte Schach am „Onkel-Ludwig-Faktor“ zu leiden (O.L. war in der Sitcom „Lukas“ der ewig beleidigte Grummelopa, der sich aus der WG in den Schachclub verholte, wenn ihm was nicht paßte) – und war auch deshalb bei jungen Leuten total out. Heute tobt der aktive Jungbär stundenlang im Internet – und genau den bekommt kein Organisator von Bullet-Partien weg in einen (fremden) Mannschaftskampf – nur um zuzugucken. Was kann er da denn lernen?! Kommentare der alterfahrenen Erklärbären von Pfleger über Bischoff bis zu Siebrecht konkurrieren ja immer mit dem smarten Elektroni ELO 3300 – und prompt übernimmt der solchermaßen virtuell Aufgeklärte den Besserwisser-Modus der Fischdose: Hey, du Dödel, dein Gegner ist in 23 Zügen matt – ja, siehst du das denn nicht?!

  8.   Coragon

    „Partien konnten nach 15, 10 oder auch schon mal 6 Zügen zu Ende gehen, wonach die beiden Profis sich oft ins gleiche Auto setzten und nach Hause Richtung Osteuropa fuhren.“

    Das ist schön reißerisch, aber inkorrekt.

    1.) In den 80ern gab es eine ausländerregelung (Max. 2 pro mannschaftskampf, der mit acht Leuten bestritten wird)
    2.) die meisten Vereine machten von diesem nicht gebrauch
    3.) und durch die damalige ostblockkomplikation war das mit osteuropäischen Spielern sowieso etwas schwierig. Beispielsweise zähle ich in der Saison 82/83 genau einen einzigen – Vlastimil Hort.

    Ansonsten aber sehr schön geschrieben.

  9.   Pit

    Schach ist eine akademische Disziplin. Damit fallen 90% der Bevölkerung heraus. Man sollte also die Erwartungen an das öffentliche Interesse deutlich reduzieren.

    Indirekt beklagt sich Ilja Schneider darüber, daß die Berliner Schachfreunde regelmäßig „nur um den Klassenerhalt“ spielen, wegen der vielen Ausländer bei anderen Vereinen.

    Richtig ist jedoch, daß es in Berlin seit Jahrzehnten kein hochkarätiges Großmeisterturnier von internationaler Güte stattgefunden hat. Es gibt in Berlin kein Geld für Spitzenschach, nur eine große Zahl von mittelmäßigen deutschen Spielern, die alle gerne in der Bundesliga spielen möchten, von denen aber praktisch kaum jemand Großmeister ist.

    An den Partien des deutschen Mittelmaßes gibt es jedoch kein öffentliches Interesse.

    Allenfalls wenn Aronian (Nr 2 der Weltrangliste, in Berlin lebend, jetzt für Baden-Baden spielend) antritt, nimmt das Interesse spürbar zu, aber große
    Zuschauermassen werden dennoch nicht erreicht.


  10. Von der schachlichen Laienseite aus gesehen hatte ich beim Kandidatenturnier aus Khanty-Mansiysk viel Spaß beim konsumieren über das Internet. Die Partien wurden im Dialog fachmännisch und mit minimalem Rechnereinsatz kommentiert und die anschließenden Pressekonferenzen brachten spannend zum Ausdruck, was sich die Spieler bei ihren Zügen gedacht hatten. Wenn man dieses technische Niveau auch für die Bundesliga bieten könnte, warum nicht?
    Ein Familienvater, ehem. DWZ 1825, verstehe Englisch ganz gut.