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Deutscher Meister wird nur die Schachgesellschaft Solingen

 
(Copyright Georgios Souleidis) v. l. Chanda Sandipan, Jörg Wegerle, Teamchef Herbert Scheidt, Florian Handke, Jan Smeets (verd.), Alexander Naumann, Richard Rapport, Robin van Kampen, Predrag Nikolic
(Copyright Guido Giotta) v. l. Chanda Sandipan, Jörg Wegerle, Teamchef Herbert Scheidt, Florian Handke, Jan Smeets (verd.), Alexander Naumann, Richard Rapport, Robin van Kampen, Predrag Nikolic

Es war ein Machtwechsel mit Ansage. Baden-Baden ist nicht mehr Deutscher Meister im Schach. Nach 10 Titeln in Folge wurde das Starensemble nach einem dramatischen Saisonverlauf von der Schachgesellschaft Solingen abgelöst. Solingen bleibt damit mit 12 Titeln alleiniger Rekordmeister, zumindest wenn man – wie etwas unverständlicherweise üblich – auch die Siege aus der Zeit vor der Gründung der Bundesliga in ihrer jetzigen Form 1980 mitrechnet.

Solingens Personalpolitik, nur etwa zwei Jahre nachdem sie einen Rückzug aus der Bundesliga nur knapp verhindern konnten, ließ keinen Zweifel an den Ambitionen von Herbert Scheidt entstehen, der seit über 40 Jahren die Mannschaft zusammenstellt, leitet und finanziert. Mit Anish Giri, Pentala Harikrishna, Richard Rapport und Robin van Kampen nahm er vier Großmeister der absoluten Weltspitze unter Vertrag . Giri spielte zwar wegen seiner zahlreichen anderen Verpflichtungen am Ende keine einzige Partie, trotzdem dürfte sein Name in der Meldeliste so manchem Gegner die eine oder andere Stunde Vorbereitungszeit geklaut haben. Die anderen drei Neuzugänge punkteten dafür mehr oder weniger durch. In der ersten Saisonhälfte eilten Solingen und Baden-Baden gleichermaßen von Sieg zu Sieg.

Das direkte Duell dieser beiden Teams war mit ziemlicher Sicherheit die nominell stärkste Mannschaftsbegegnung, die jemals auf deutschem Boden stattgefunden hatte. Es war spannend, dramatisch. Baden-Baden hatte im Vergleich zu einem Spiel am Vortag mal eben noch einen Anand und einen Aronjan aus dem Hut gezaubert, und das wenige Tage vor dem Beginn des Kandidatenturniers in Moskau. Es gibt bei uns immer noch keine Pflicht, die Mannschaftsaufstellungen im Vorhinein bekanntzugeben.

Doch selten ging eine geplante Kriegslist so sehr daneben. Anand wurde ohne große Aufregung von seinem Landsmann Harikrishna ausgebremst, Aronjan beging gegen den jungen, kreativen Rapport so viele Fehler, dass es für zwei Partien gereicht hätte und wurde am Ende von einem ungarischen weißen König ausgetanzt. Anands langjähriger Helfer Radek Wojtaszek verlor gegen van Kampen auf eine schon fast absurd kurze Art und Weise. Nur durch etwas Mithilfe an den hinteren Brettern hatte sich der Titelverteidiger ein 4:4 zusammengeklaubt. Die Zeichen standen auf Stichkampf, der bei Punktgleichheit unabhängig vom Brettpunkteverhältnis vorgesehen ist.

Doch schon zwei Spieltage später fiel die Vorentscheidung in der Meisterschaft auf eine andere Weise. Baden-Baden leistete sich einen bösen Fehltritt und verlor gegen den Rivalen vergangener Jahre, die Schachabteilung des SV Werder Bremen. Die hatte das „Modell Baden-Baden“, also das Zusammenstellen einer Topmannschaft ohne wesentlichen regionalen oder sonstigen Bezug zum Verein quasi miterfunden und in den Nuller-Jahren auch propagiert und angewandt. Wobei im Gegensatz zu Baden-Baden, die zwischenzeitlich die halbe deutsche Nationalmannschaft unter Vertrag hatten, oft auch gar keine einheimischen Spieler mehr eingesetzt wurden. Irgendwann zog sich Werder allerdings – offenbar von ständigen zweiten und dritten Plätzen gefrustet – kontrolliert vom Meisterschaftsrennen zurück und rüstete etwas ab, setzt jetzt auch wieder regionales Personal ein. Doch genau einer der Local Heroes war gegen Baden-Baden der Erfolgsgarant: Werders Alexander Markgraf gewann gegen Philipp Schlosser, was maßgeblich zum 5:3 für Bremen beitrug, nachdem viele Akteure des Titelverteidigers sich etwas indisponiert auf Friedensschlüsse geeinigt hatten. Solingen, das Bremen in der Frühphase der Saison mit 6,5:1,5 abgefertigt hatte, hatte bis zu diesem Zeitpunkt auch alle anderen Spiele gewonnen und schien nun durch.

Doch das darauf folgende Match Solingen gegen Dresden wurde zu einer Nervenschlacht. Dresden war noch nicht einmal besonders stark angetreten, Solingen dagegen bis auf Harikrishna in Bestbesetzung. Zwischenzeitlich sah es nach einer Sensation aus: Dresdens junge Neef und Hoffmann dominierten die erfahrenen Großmeister Sandipan (noch ein Inder) und Nikolic. Die Dresdener Legende Wolfgang Uhlmann, der ab und zu bei Heimspielen noch Ehreneinsätze bekommt, hielt sich wacker gegen Solingens sicheren Abräumer Alexander Naumann, auch einige anderen Partien drohten zugunsten Dresden zu kippen. Für eine Stunde war das Meisterschaftsrennen wieder total offen.

Irgendwann aber hatte Solingen den Kampf wieder unter Kontrolle, die Underdogs knickten ein oder ließen sich in deutlich besserer Stellung auf eine Remisfortsetzung ein. Irgendwie bekam Solingen vier Brettpunkte zusammen. Ein Mannschaftspunkt Führung vor Baden-Baden also, der auch in den letzten drei Runden ins Ziel gebracht wurde. Insgesamt hochverdient, und diejenigen, die es noch interessiert, können sich wohl auch in den nächsten Jahren auf einen etwas spannenderen Titelkampf einstellen.

 

2 Kommentare

  1.   Simplicio

    „und diejenigen, die es noch interessiert, können sich wohl auch in den nächsten Jahren auf einen etwas spannenderen Titelkampf einstellen“

    Ja, wen interessiert das noch. Die Mannschaften haben keinen lokalen oder regionalen Bezug mehr, man schaue sich einmal die Mannschaft der SG Trier an, zusammengewürfelte Truppen, deren Mitglieder teilweise noch in anderen europäischen Ligen spielen. Ein absoluter Pseudo-Kram. Da schaut man sich doch lieber Internationale Turniere an.

  2.   peterra

    „Extrem spannend“ und von enormem öffentlichem Interesse.

    Gestern hat Marc Zwiebler im Badminton seine dritte Medaille bei Europameisterschaften gewonnen und heute hat Philipp Kohlschreiber zum dritten Mal die Bavarian Open im Tennis eingesackt – immerhin gegen den 15. der ATP-Weltrangliste, den Österreicher Dominic Thiem, von dem wir noch viel hören werden.

    Go ist anscheinend wichtiger – Schach sowieso…