Sexshops für Frauen? Vergiss es!

Fiel bei der weiblichen Kundschaft durch: der Erotik-Shop "Mae B.", den Beate Uhse 2004 in Deutschland eröffnete Foto: Kay Nietfeld/dpa
Es gibt nichts, das die Wissenschaft nicht erforscht.
Richard Tewksbury von der University of Louisville und Richard McCleary von der University of Irvine zum Beispiel haben über zwei Jahre lang die Besucher von 33 Sexshops in drei kalifornischen Counties gezählt und ausgewertet. Vor allem interessierte den Professor für Rechtspflege und den Sozialökologen, ob Kollegen, die vor wenigen Jahren etwas Ähnliches gemacht hatten, auf ein realistisches Ergebnis gekommen waren.
Die hatten nämlich bei ihren Zählungen festgestellt, dass die Hälfte aller Besucher zweier beobachteter Sexshops Frauen waren. Ein Ergebnis, das in der heutigen Zeit, wo die Standard-TV-Szene “Zwei Freundinnen gehen gemeinsam Sexspielzeug kaufen” schon ins Abendprogramm Einzug gehalten hat, durchaus realistisch klang. Vielleicht überraschend aufgrund der Eindeutigkeit, aber wer wollte das damals (2007) anzweifeln?
Zur Sicherheit: Wir sprechen hier ausschließlich von in den USA durchgeführten Studien.
Tewksbury und McCleary gingen das Ganze mit männlicher Gründlichkeit an. Sie beobachteten, wie gesagt, nicht nur zwei, sondern 33 Shops. Und sie führten ihre Zählungen nicht ausschließlich an Freitagen und Samstagen durch, wie das ihre Vorgänger taten.
Und prompt kamen sie zu reichlich unterschiedlichen Ergebnissen: 83 Prozent der Kunden waren Männer, entsprechend 17 Prozent Frauen. Die Männer kamen zu 75,6 Prozent allein, während die Frauen zu 86,9 Prozent entweder in Gruppen, mit einem Freund oder ihrem Partner shoppen gingen. Die Geschlechtergleichheit aus den früheren Studien stimmte an den Wochenenden sehr wohl überein. Frauen scheinen den Sexshopbesuch also eher als Freizeitvergnügen denn als Mittel zum Zweck des Erwerbs von Toys zu sehen.
Die Autoren untersuchten allerdings auch, welche Kriterien Frauen eher dazu veranlassen, ein Geschäft dem anderen vorzuziehen. Sie gingen tendenziell lieber in Geschäfte mit höherem Kundenaufkommen (ich weiß, ich hätte auch -verkehr schreiben können …) und in jene, an deren Eingang ein Wachmann stand. Sie mieden allerdings eindeutig und “statistisch signifikant”, wie es in wissenschaftlichen Studien heißt, solche mit Videokabinen.
Im Gegensatz zu Männern: Wenn die in Gruppen kamen, dann meistens, nachdem die Bars in der Umgebung geschlossen hatten (ah, wunderbares Rund-um-die-Uhr-Shopping!). Und sie bevorzugten Geschäfte mit Videokabinen.
Das Überraschende an Tewksburys und McClearys Untersuchung ist allerdings, dass Frauen Geschäfte mit männlichem Verkaufspersonal bevorzugten, und zwar genauso eindeutig wie jene ohne Videokabinen.
Frauen lassen sich also nicht gern von anderen Frauen beim Kauf von Sexspielzeug beobachten oder beraten?
In der Studie heißt es: “Im Prinzip soll die Anwesenheit von weiblichen Angestellten den Frauen signalisieren, dass sie hier willkommen sind und nicht befürchten müssen, von männlichen Kunden angesprochen zu werden. Die Zahlen widersprechen dieser Erwartung allerdings.”
Im ersten Moment hat mich das an den Versuch des Erotikkonzerns Beate Uhse erinnert, der im Jahr 2004 die ersten Shops seines Ablegers Mae B. eröffnete. Mae B. richtete sich gezielt an Frauen, war bewusst so unschmuddelig wie möglich eingerichtet (aber vielleicht auch ein bisschen zu plüschig) und wollte ein stilvoller Sexshop sein.
2007 gab der Konzern bekannt, dass die (wenigen) vorhandenen Geschäfte geschlossen werden. Funktionierte einfach nicht. Ob es an den weiblichen Angestellten lag (allerdings arbeiten auch in “normalen” Beate-Uhse-Shops hauptsächlich Verkäuferinnen) oder an der Einrichtung oder am Timing – im Zeitalter der diskreten Online-Shops werden wir es wohl nie erfahren.
Leider hat sich bei Richard Tewksbury seit Veröffentlichung der Studie niemand mit einem Erklärungsvorschlag für dieses Phänomen gemeldet.
Sind Frauen einfach fauler als Männer und lassen sich ihre Einkäufe lieber per Post nach Hause liefern? Aber würde es sich nicht gerade für solch körpernahe Produkte empfehlen, sie vor dem Kauf auch einmal aus der Nähe gesehen und in der Hand gehalten zu haben? (Wenn das schon eindeutig für unpersönliche Geräte wie einen Miniofen gilt, dem man seine klapprige Verarbeitung auf dem Bild im Internet eindeutig nicht ansehen konnte. Aber auch das ist eine ganz andere Geschichte.)
Vielleicht wollen Frauen beim Kauf von Sextoys lieber Party machen (und dabei eventuelle Spuren von Unsicherheit überspielen). Eine meiner Bekannten hat jedenfalls von ihrem wunderbaren Erotikladen vor einigen Jahren zu tupperware-ähnlichen Verkaufspartys gewechselt. Wo die Kundinnen allerdings wiederum von einer Frau beraten und im Kreise anderer Frauen ihre Käufe tätigen. Was Tewksburys Beobachtung widerspricht.
Sind Frauen trotz aller Sex-and-the-City-Aufgeschlossenheit doch noch nicht so weit, sich in Sexshops einfach zu holen, was sie gern hätten? Männer schaffen das ja auch – und noch extremer. Wer aus einer Videokabine rauskommt, hat sich mit ziemlicher Sicherheit dort gerade einen runtergeholt. Was sich wiederum jeder denken kann, der ihn dort rauskommen sieht.
Oder sind Sexshops einfach genauso kein Geschäftszweig für Frauen wie, sagen wir, der gute Rasierpinselfachhandel? Und sollte man das einfach – es gibt ja wahrlich Schlimmeres – akzeptieren?
Auch wenn man Sexshops nun nicht wirklich zur Grundversorgung zählen kann – interessant ist diese Diskrepanz im männlichen und weiblichen Verhalten sehr wohl. Aber vermutlich wird sich demnächst auch darum die Wissenschaft kümmern.
@ Pia
Natürlich gibt es auch leidenschaftliche Frauen. Meine Erfahrung – und die vieler Freunde – ist jedoch: ist die Herzdame erst einmal geehelicht und hat ihren Beitrag für das Überleben des deutschen Volkes geleistet, werden die Matrazen im Bett sehr geschont. Aus Lust wird leider zunehmend Frust. Ich würde gerne einmal wissen, ob es bereits Untersuchungen gibt, die darüber aufklären, warum viele Frauen nach erfolgreicher Familienplanung das Interesse an sexuellen Aktivitäten verlieren. Aber ich kann mir`s schon denken: wir Männer helfen nicht genug im Haushalt, was dem weiblichen Trieb abträglich ist.
Also ich persönlich habe die Bezeichnung “Schlampe” für “sexuell aktive” Frauen ehrlich gesagt häufiger aus dem Mund von Frauen als aus dem Mund von Männern gehört. Aber sei’s drum.
An der Tatsache, dass das gleiche sexuelles Verhalten, das bei Frauen schnell negativ als “Schlampe” bezeichnet wird, bei Männern ganz im Gegenteil fast eine gewisse Bewunderung hervorruft, wird sich nie etwas ändern.
Was Sex betrifft, hat die Natur Männern und Frauen nun mal völlig andere Rollen zugewiesen. Prostition ist das älteste Gewerbe der Welt, und auch Emanzipationsbewegung, Feminismus und Gender Mainstreaming haben nichts an der Tatsache geändert dass Männer auch heute noch für Sex sehr viel Geld bezahlen, während Frauen für Sex sehr viel Geld bekommen.
Und deshalb werden auch heute noch Männer, die viele Sexualpartnerinnen haben, von vielen insgeheim dafür beneidet: Sie bekommen etwas kostenlos, für das andere Männer sehr viel Geld bezahlen.
Frauen mit vielen Sexualpartnern hingegen werden dafür kaum beneidet werden – schliesslich tun sie kostenlos etwas, für das andere Frauen sehr viel Geld bekommen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass solche Frauen gelegentlich auch als “billige Nutten” bezeichnet werden.
@ Pia
Ich bin mir die letzten Jahrzehnte als Mann doch sehr sicher darüber geworden, daß “unkeusche” Frauen nichts auf der Welt so sehr fürchten müssen wie keusche Frauen. Vielleicht ist “fürchten” nicht das richtige Wort, aber die Situation in der solche Frauen zur einfacheren Verfügbarkeit von männlicher Willkür gebracht werden und sozusagen eine gesellschaftliche Erniedrigung erfahren, liegt hauptsächlich an der Verachtung durch andere Frauen.
Tja, es gibt wohl mehrere Ursachen für das Altmodische und Traditionelle. Zum einen wirkt hier die christliche Kirche nach und heute auch noch aktuell, niht nur in den USA.
Verstärkt wurde das keusche Christentum durch die Wiedergeburt des Biologismus, der von den Neokonservativen aus der Mottenkiste geholt wurde. Männer seien eben Affen usw., wird gern gelesen, seltsam, dass sich da keiner beleidigt fühlt der “Krönung der Schöpfung”. Für diese veralteten Theorien spricht aber, dass sich Männer dann Sonderrechte nehmen können, Polygamie, Tradition des Rechts auf jüngere und schönere Partnerinnen usw.
-> Models als Statussymbol, obwohl diese Frauen zwar supersexy aufgemacht sind, aber dies hauptsächlich für Geld tun. Ja, es gibt Frauen, die ständig an ihrem Aussehen arbeiten, vielleicht sogar dafür hungern. Gerade denen ist an Sexualität meist wenig gelegen. Sie gelten aber als Schönheitsideal und Schönsten, die reiche Männer eben haben wollen. (Vorbilder in allen Filmen) Damit sei nichts gegen schöne Frauen gesagt, aber hat z. B. die junge Brigitte Bardot viel mehr echte Erotik ausgestrahlt als eine Nicole Kidman.
Ansonsten sind Frauen, die keinen Spaß am Sex haben, vielleicht neidisch auf solche, bei denen es anders ist? Einige Frauen kennen es ja noch von ihren Müttern oder Großmüttern, denen oft auch kein Ausleben der eigenen Sexualität erlaubt und möglich war. Wie in islamischen Gesellschaften, bei denen die Mütter beschnitten sind, wollen diese das auch ihren Töchtern antun. Auch dies ist keine Pauschalverurteilung, doch Terres de Femmes kann diese Tendenz eindeutig belegen.
@ statement
“Ich würde gerne einmal wissen, ob es bereits Untersuchungen gibt, die darüber aufklären, warum viele Frauen nach erfolgreicher Familienplanung das Interesse an sexuellen Aktivitäten verlieren.”
Kann ich nicht beantworten, wollte weder heiraten noch Kinder. So kann man nur vermuten, dass Leidenschaft vielleicht irgendwann einschläft oder dass es nicht möglich war, gegenseitig auf sexuelle Wünsche einzugehen. Frauen fällt es oft sehr schwer, zu sagen oder zu zeigen, was sie wollen. Männer wissen oft nicht, wie sie eine Frau befriedigen können.
Dies ist nun mal etwas komplizierter als bei Männern, auch weil wir in einer verklemmten Gesellschaft leben – wenn auch medial oversext, was es nicht besser sondern schlechter macht (Frau fühlt sich nackt nicht attraktiv genug, Tendenz auch bei Männern zunehmend).
pornos, sextoys etc. ist für die meisten frauen nicht relevant. sexuell ticken wir anders als männer. da ist mehr romantik gefragt und so etwas wie seelisch-geistiger gleichklang. hinzukommt das es nicht allzuviele männer gibt die wirkllich gute liebhaber sind. mehr hingabe als technik bitte, kerzenlicht, gute düfte, ein schaumbad etc. bringt uns mehr in stimmung als ein porno, handschellen und was weiß ich noch alles. sogar gespräche können, ohne das ein wort über sex fällt, stimulierend sein.
Ich glaube das Frauen sich leichter irritieren lassen. Befremdliche Blicke, ein dummer Spruch reichen schon, daß einer Frau die Lust vergeht. Kommt hinzu das Frauen sich immer rühmen mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. So etwas mag zwar betriebswirtschaftlich gesehen sehr produktiv sein, aber manchmal ist es eben besser, sich auf eine Sache zu konzentrieren und den Rest auszublenden. Viele Frauen hetzen heute zwischen diversen Verpflichtungen hin- und her, daß für Sex und Sinnlichkeit nichts mehr übrig bleibt. Ständig von irrationalen Sorgen geplagt, geht dann auch das letzte bisschen Lust flöten.
Das es auch anders geht sieht man sobald Alkohol ins Spiel kommt.
@Shanafi
Irgendwie tut mir deine Einstellung leid …
Doch, doch – Erotikläden sind durchaus ein Geschäftszweig für Frauen. Die hiesige Branche beziffert immerhin 40 Prozent der Kundschaft als weiblich (Quelle fehlt mir gerade). In dieser Hinsicht interessant das Erscheinen des Artikels von Tewksbury und McCleary in der Zeitschrift “deviant behaviour” (“normwidriges Verhalten” – ein Studienfeld der Kriminologie und der Sozialwissenschaften) die sich in die Thematik “Devianz und Delinquenz” einordnet. Interessant da auch der Artikel von Michelle Edwards in der gleichen Ausgabe. Die untersucht nämlich ob die Geschlechterfrequentierung einen Einfluß auf die Standortauswahl von Erotikanbietern hat. In Texas. Deviant. Alle.