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Güstrow: „Rogida“-Neonazis planen Gegendemo

 

Refugees welcome Güstrow 6.12.14 Demo Störungsmelder

Das ist selbst in Mecklenburg-Vorpommern nicht normal: Wenn am 6. Dezember in Güstrow Menschen auf die Straße gehen, um gegen die Hetze der Neonazis gegen Flüchtlinge im Ort zu demonstrieren, wollen Neonazis eine Gegendemo durchführen.

Die Veranstalter nennen sich „Rogida“ – „Rostock gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Mit ihrer ersten öffentlichen Aktion wollen die Organisatoren in Güstrow, einer Kleinstadt etwa 40 Kilometer von Rostock entfernt, auf den rassistischen Zug der „Pegida“ („Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“) in Dresden aufspringen. „Pegida“ schafft es seit einigen Wochen montags bis zu 7000 „besorgte Bürger“, Hooligans, Neonazis und andere Rassisten gegen eine vermeintliche Islamisierung auf die Straße zu bringen. Ihre Ableger sprießen derzeit in Städten in ganz Deutschland aus dem Boden.

Jetzt also auch in Mecklenburg-Vorpommern: „Rogida“ ist Teil der dritten Protestwelle, die nach den Montagsmahnwachen und HoGeSa durch Deutschland rollt und rassistische Einstellungen bedient. Doch anders als die Mahnwachen, die zwar in einigen Städten M-Vs stattfinden, jedoch keine Resonanz hervorrufen, schickt sich Rogida an, regelmäßig Menschen gegen Flüchtlinge und Muslime auf die Straße zu bringen. Die Resonanz auf die Gruppe bei Facebook ist besorgniserregend. Über 1.000 Personen folgen ihr bereits. Darunter finden sich zahlreiche Neonazis, HoGeSa-Fans, der Kopf einer Rostocker „Bürgerwehr“, aber eben auch „ganz normale“ Bürgerinnen und Bürger. Wer dahinter steckt, ist bisher nicht klar. Aber die Gruppe ruft schon zu regelmäßigen Aktionen in Rostock auf. Ab dem 5. Januar will sie regelmäßig – ganz nach Dresdener Vorbild – montags auf die Straße gehen. Anmeldungen gibt es dafür laut Ulrich Kunze, Pressesprecher der Hansestadt Rostock, aber nicht: „Mir liegt bisher nichts vor. Aber das Versammlungsrecht sagt auch ’48 Stunden vorher’“, so Kunze.

Vorher, am 6. Dezember, steht erst einmal Güstrow auf dem „Rogida“-Programm. In der knapp 30.000-Einwohner-Stadt machen Neonazis seit Monaten Stimmung gegen Flüchtlinge. Die Asylsuchenden berichten von Beschimpfungen auf der Straße. Die Palette reicht aber bis hin zu Brandanschlägen auf die Unterkünfte. Als im Frühjahr letzten Jahres die zweite Unterkunft in der Stadt in einem alten Gebäude der Bahn eröffnet werden sollte, marschierte die NPD auf, es gab einen Buttersäureanschlag und später einen Angriff mit Feuerwerkskörpern, die einen Brand auslösten. Verletzt wurde dabei nur durch Glück und Zufall niemand.

Nils Matischent mit blaukariertem Hemd auf einer NPD-Demo am 1. Mai 2014 in Rostock © Hans Schlechtenberg

Jetzt sind die ersten Menschen in die dritte Unterkunft eingezogen. Im Stadtteil Südstadt, einem eher tristen Plattenbauviertel, wurde ein eigentlich zum Abriss vorgesehener Block zur neuen Unterkunft umgebaut. 170 Menschen sollen hier in Zukunft Platz finden, 30 sind schon da. Dagegen machen die lokalen Neonazis mobil. Ihre Aktionen, wie ein „Fackelmarsch“, in dessen Verlauf sich zahlreiche Güstrower anschlossen, und regelmäßige Kundgebungen, finden ohne offene Unterstützung der NPD statt. Hinter den Kulissen spielen dann allerdings doch wieder die üblichen Verdächtigen die erste Geige. Hervorzuheben ist hier Nils Matischent, mehrfach vorbestrafter NPD-Politiker und Mitglied des Kreistages Landkreis Rostock, in dem Güstrow liegt. Zuletzt rief er die Güstrower auf, den neuen Flüchtlingen in der Südstadt „das Leben so schwer wie möglich“ zu machen. Er und einige andere sind die Köpfe hinter der rassistischen Bürgerinitiative „Güstrow wehrt sich gegen Asylmissbrauch“ auf Facebook, wo Mitglieder schon mal mit dem Einsatz von Schusswaffen drohen  und für die Aufläufe mobilisiert wird. Manchmal gelingt die Mobilisierung, manchmal scheinen die angemeldeten Kundgebungsplätze verwaist. Manchmal gibt es etwas Gegenprotest, manchmal nicht.

Gegen diese Stimmung und für eine Willkommenskultur will der „Ratschlag der Bündnisse“, ein Zusammenschluss von lokalen Bündnissen aus M-V wie Vorpommern weltoffen, Demmin und Greifswald Nazifrei und der Amadeo-Antonio-Stiftung, am kommenden Samstag auf die Straße gehen. Ab 13 Uhr soll der Demozug unter dem Motto „Refugees welcome! Asylrecht ist Menschenrecht!“ vom Bahnhof bis in die Südstadt ziehen. Der Ratschlag will jedoch nicht nur gegen die Rassisten und ihre Hetze in Güstrow angehen, sondern vor allem den Menschen vor Ort, die ehrenamtlich die Asylsuchenden unterstützen, den Rücken stärken: „Gemeinsam mit ihnen und allen demokratischen Kräften setzen wir uns für eine solidarische Gesellschaft ein, in der Minderheitenrechte geachtet werden. Gemeinsam treten wir ein für eine Gesellschaft, die geprägt ist von Vielfalt und Respekt. Wir sind betroffen und wütend darüber, dass Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, mitten unter uns Bedrohungen, Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind“, heißt es im Aufruf.

Die rechte Gegendemo steht unter dem Motto „Ja zu Kriegsflüchtlingen, Nein zu Wirtschaftsflüchtlingen!“. Bei dem Anmelder handelt es sich um eine Privatperson, die jedoch mit Nils Matischent befreundet sein soll. Laut Anmeldung rechnet „Rogida“ mit bis zu 150 Teilnehmern und bleibt mit dem Demo-Motto dem sächsischen Vorbild treu. Dessen Gründer, Lutz Bachmann, sagte jüngst in einem Interview, Stein des Anstoßes sei für ihn eine Demo von PKK-Anhängern gewesen, er wolle etwas gegen die vermeintliche Islamisierung tun, im Grunde habe man bei „Pegida“ aber nichts gegen Kriegs-, sondern nur gegen Wirtschaftsflüchtlinge. Das passt zwar alles hinten und vorne nicht zusammen, aber das stört weder den vorbestraften Bachmann, noch seine Anhänger. Die Interviewer übrigens auch nicht. So dürfte es sich auch bei der „Rogida“-Veranstaltung verhalten. Denn im Grunde geht es nur um eines: „Ausländer raus“, insbesondere Muslime. Und so finden sich unter den Zusagen zur Demo wieder die üblichen: Neonazis wie Nils Matischent, HoGeSa-Fans und eben „ganz normale“ Rassisten.

29 Kommentare

  1.   Jens

    Ich würde dort zwar nie mitlaufen, da mir all diese Bewegungen zu einseitig und engstirnig sind aber haben nicht auch grundsätzlich auch Nazis das Recht einen Aufmarsch zu blockieren. Oder ist dies nur den linken „Freiheitskämpfern“ vorbehalten? Aber wer eine ganze Bewegung wie Pegida als rassistisch abtut, ist an Engstirnigkeit genauso nicht zu überbieten und keinen Deut besser als diejenigen die er oder sie so heftig kritisiert!

  2.   Irmela Mensah-Schramm

    Oh Jens, so extrem unpolitisch kann man doch gar nicht denken!
    Es gibt doch immerhin einen Unterschied zwischen den Rassisten und jenen Menschen, die sich ihnen entgegen stellen, d.h. ihre Aufmärsch zu Recht blockieren.
    Der Hintergrund der Pegida-Aufmärsche ist rein rassistisch und eine Rattenfängerei, daher müssen sie schlichtweg aufgehalten werden!

  3.   Jörg Wagner

    Schön das Die Zeit gleich wieder NAZI schreit obwohl sie noch nicht mal weiß wer dort demonstriert. Wenn es Bürger sind wie bei der PEGIDA dann werden sie auch gegen jeglichen Extremismus sein von Rechts, von Links und von religiöse fanatischen Gruppen. Außerdem sind sie auch gegen die Propaganda der Medien wie „Die Zeit“. Und wenn sie sagen das es keine Propaganda ist dann unterstellen sie sich selbst entweder eine miserable journalistische Arbeit oder Volksverhetzung!


  4. Es erfüllt mich mit großer Freude und ein wenig Hoffnung, daß nun auch in Rostock Menschen gegen die katastrophale Einwanderungs-, Asyl- und Integrationspolitik aufbegehren.
    Danke für die Information.

  5.   Irmela Mensah-Schramm

    @Jörg Wagner

    Ihr/Dein Komnmentar entbehrt nun wirklich jeder logischen Grundlage!
    Ich selbst haben am vergangenen Montag in Dresden mit Nachdruck gegen Pegida demonstriert und konnte selbst in der Dunkelheit erkennen, welch „Super-Patrioten“ freilich unter dem Deckmäntelchen „gegen Salafisten“, d.h. eigentlich gegen „Überfremdung“ und Flüchtlinge demonstrierten und sich damit als Rassisten outeten.
    Leider gibt es hierzulande genügend (dumme oder auch verblendete Menschen) die sich auf den Karren der menschenverachtenden Ideologier zerren lassen.
    Man sollte besser mal nachdenken, was es mit dem Pegida in sich hat…..

  6.   Björn

    @Irmela Mensah-Schramm

    Vlt. seit ihr ja auch die Rattenfänger und müsst aufgehalten werden…

    Aus Ihrem Kommentar spricht ein totalitärer Machtanspruch.
    Das ist gefährlich.

  7.   Sebaldius

    Ich schreibe hier, weil ich gerade bei google-news nach Artikeln über „Pegida“ gesucht hatte. Und was ich da gefunden und gelesen habe, scheint mir repräsentativ zu sein für den Querschnitt der typisch deutschen Medienlandschaft.

    Ich finde, es ist der nackte rassistische Wahnsinn, wie die meisten deutschen Medien einheitlich und unisono gegen die Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen hetzen. Allein schon dieser Artikel bei der ZEIT hier, da werden die Teilnehmer der Demos also durchweg als Hooligans, Neonazis und andere Rassisten ausgegeben, als hässliche Existenzen also, und, wenn sie überhaupt noch als menschliche Wesen und Bürger wahrgenommen werden, dann auch nur als „besorgte Bürger“, und „besorgte Bürger“ eben auch nur noch in Anführungszeichen. Also gewissermassen auch nur als exotische Wesen.

    Meine Meinung dazu: Wenn diese Pegida-Demos überhaupt einen Sinn und einen Zweck haben, und dieser Sinn und Zweck darin bestehen sollte, diese bei google-news klar ersichtliche furchtbar einseitige linkslastige Schieflage der deutschen Medien herauszustellen, dann haben die Pegida-Demos allein schon durch ihre schweigende und zahlenkräftige Existenz eine Daseinsberechtigung erhalten.

  8.   Luise

    Hooligans, Neonazis, Rassisten und der dumme Rest.
    Es ist dumm, zu glauben, dass Sachsen bei einem Anteil von 0,1% Muslimen eine „Islamisierung“ droht.
    Es ist dumm, bei einem Anteil von 2.8% ausländischer Mitbürger in Sachsen von „Überfremdung“ zu faseln.
    Es ist dumm zu glauben, dass Abschottung der richtige Weg ist, Konfliktherden in der Welt zu begegnen.
    Es ist dumm, Menschen auszugrenzen.
    Es ist dumm, bei den menschenfeindlichen Ideologen mit zu laufen.

  9.   Irmela Mensah-Schramm

    @Björn

    Was aus Deinen Kommentaren spricht ist mit Sicherheit gefährlich, dies ist längst offensichtlich geworden!
    Wer die Pegida-Demos verteidigt oder auch rechtfertigt, hat wohl die Demokratie aus den Augen verloren.
    Auch wer die rechten Rattenfänger befürwortet und das tust Du , dann ist es offensichtlich, auf welcher Seite Du Dich befindest.
    Mich als „totalitär“ zu bezeichnen, spricht für sich und gegen jeglichen Verstand!

  10.   Irmela Mensah-Schramm

    @ Sebaldius

    Pegida fängt mit dem Buchstaben „P“ an und dieser steht bei diesen Leuten für Patriotismus!
    Wenn hier nicht bemerkt wird, wer zu dieser Demo aufruft, wer an deren Spditze läuft, so ist das bedenklich!
    Was heißt hier eigentlich „besorgte Bürger“?
    Sie gehen auf die Straße und folgen den „Rattenfängern“, weil sie in Nicht-Deutschen Menschen eine Bedrohung sehen wollen.
    Der Alltagsrassismus in Deutschland ist ganz offensichtlich und spielt sich täglich auf den bundesdeutschen Straßen ab! Diese Leute sollen nun ach so
    „besorgt“ sein ?
    Ich wünsche grundsätzlich meinen Mitmenschen nie etwas Schlechtes, aber vielleicht bringt eine Kostprobe jener Anfeindungen – ähnlich wie die offene Ablehnung rassistischen Hintergrunds, div. Leute mal endlich zum Nachdenken! Es wäre höchste Zeit!!
    Wenn man nun all die Schilder und die auffallend große Anzahl der Deutschlandfahnen auf jener Pegida-Demo am 1. Dezember in Dresden gesehen hat, so zeigt dies eher den deutlichen Deutsch-Nationalismus, als „besorgte Bürger“