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Tiefgrün und außerweltlich

 
Céline Schott hat als Colleen ein Album von seltener Schönheit eingespielt. „Les Ondes Silencieuses“ klingt wie ein verschwommener Traum – oder wie moderne Kammermusik.
Colleen Les Ondes Silencieuses

Aus der Zeit gefallen – wie sonst soll man ein zeitgenössisches Album beschreiben, das sich der Alten Musik zuwendet, ohne den Muff parfümierter Perücken heraufzubeschwören? Die Illustration auf dem Cover zeigt die Musikerin versunken im Spiel. Sie sitzt in einem nächtlichen Zauberwald, um sie herum flattern Schmetterlinge und Vögel. Der Vollmond bescheint die märchenhafte Szenerie, spiegelt sich auf der Oberfläche des Meeres. Das verheißt fantastischen Kitsch, doch Céline Schott geht es um etwas Anderes: Indem sie auf unwirkliche Märchen und Sagen verweist, entzieht sich die Künstlerin jeglicher Kategorisierung. Die neun Stücke ihres instrumentalen Albums klingen so außerweltlich, dass sich der Stil kaum benennen lässt.

Ob New Baroque oder Ambient Folk: Es ist die Musikalität, die Colleens Les Ondes Silencieuses (auf deutsch: die stillen Wasser) zu einer großartigen Platte macht. Auf ihrem Debütalbum Everyone Alive Wants Answers (2003) verdichtete sie Loops und Samples zu Liedminiaturen. In ihren Konzerten setzte Céline Schott auch bevorzugt Instrumente aus der Barockzeit ein, der minimalistische Klang hatte es ihr angetan. Jetzt verzichtet sie ganz auf Elektronik und kommt ihrer Vorstellung von moderner Kammermusik näher.

Das Instrumentarium auf Les Ondes Silencieuses ist reduziert: Viola da Gamba, Spinett, klassische Gitarre und Klarinette. Cécile Schott spielt sie expressionistisch und feingliedrig zugleich, ohne sich in ornamentalem Pastiche zu verlieren. Sie zitiert die polyphone Struktur der Barockmusik – der englische Komponist und Lautenist John Dowland hat sie stark beeindruckt.

In sanften Wellenbewegungen breiten sich Melodiebögen aus, um dann wie ferne Echos zu verhallen. Colleen deutet Motive an und lässt sie wie Gespenster vorüber ziehen. Aufschimmernde Dissonanzen erzeugen eine Spannung zwischen Bewegtheit und geheimnisvoller Stille. Über das Album legt sich eine Melancholie, die von maritimen Bildern inspiriert ist. Doch es sind keine weißen Strände, die Cécile Schott in Stücken wie Echoes And Coral oder Sea Of Tranquility aufsucht, sondern verlassene Buchten und tiefgrüne Seen – Les Ondes Silencieuses schillert wie ein Schatz auf dem Grund.

„Les Ondes Silencieuses“ von Colleen ist bei The Leaf Label/Indigo erschienen.


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2 Kommentare

  1.   Stiller

    Stille Wasser? Ich würde ‚Ondes Silencieuses‘ mit ‚Stille Wellen‘ übersetzen. Tief sind sie natürlich trotzdem.

  2.   der quoten-franzose

    onde steht hier gleichzeitig für onde musicale, also die welle, wie auch für das wasser. das ist ein schönes wortspiel. stille wellen ist in diesem sinne nicht schlecht, hört sich zumindest schön an.