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Ein Lied seit 25 Jahren

 

Noch nie etwas von Lloyd Cole gehört? Seine Sammlung „Cleaning Out The Ashtrays“ ist eines der schönsten Popalben dieses Winters

Mehr als an die von wilder Freiheit und Überschreitung raunenden Mythen des Pop glaubt Lloyd Cole an die strenge Schlichtheit des einfachen Liedes. Und länger als vier Minuten sollte das nicht sein. Seit dem Jahr 1984 – als das Debüt von Coles erster Band, den Commotions, erschien und er seinen größten Hit Perfect Skin schrieb – beugt sich der britische Gitarrist und Sänger den selbst auferlegten Regeln. Seit 25 Jahren nimmt er immer wieder ein und dasselbe Liebeslied auf.

Lloyd Cole erzählt kleine Geschichten von kleinen Leuten. Die Beiläufigkeit seines Stils steht in einem auffallend antagonistischen Verhältnis zur formalen Struktur seiner Kompositionen. Es ist nicht so, dass er nichts zu sagen hätte, doch Cole setzt die musikalische Form vor den Inhalt.

Ein Held des Maßhaltens ist er, immer noch. Und immer noch sieht er aus wie der traurige Junge von Nebenan, der pausbäckige Literaturstudent aus Glasgow. Nur einmal verlor er die Contenance: Im Jahr 1991 engagierte er in einem Anflug von Prunksucht für seine zweite Soloplatte Don’t Get Weird On Me Babe ein ganzes Orchester. Das ist beinahe vergessen.

Mittlerweile ist Lloyd Cole fast 50. Er lebt mit Frau und Kindern in Easthampton, New England, ist ein passionierter Golfer mit einem tollen Handicap und bringt in schöner Regelmäßigkeit neue Alben heraus (zuletzt das hörenswerte Antidepressant). Ab und zu spielt er wieder mit den reformierten Commotions. Nebenbei fand er nun die Zeit, sein Archiv durchzusehen und vier CDs mit Raritäten, Unveröffentlichtem, Single-B-Seiten, Cover- und Demoversionen seiner Lieder zusammenzustellen. Das Hamburger Label Tapete bringt diese Sammlung Cleaning Out The Ashtrays nun in einer kleinen Kiste auf den Markt.

Mürrisch blickt Lloyd Cole von der Hülle, er steht im Flur und scheint gerade aufzuräumen. Im Hintergrund lehnt ein Müllsack an der Wand. Cole scheint diese Arbeit keinen Spaß zu machen. Und doch, er war gründlich:

Er wühlte in verstaubten Kisten und hörte sich durch unzählige Kassetten und Tonbänder. Er schien getrieben zu sein vom nostalgischen Wunsch, das Gelungene vorm Vergessen zu retten. Ganz erstaunlich ist, was dabei zu Tage kam: Man höre etwa The ‚L‘ World, ehemals auf der Rückseite einer Single versteckt, es beginnt als geradliniger Rock und wird zu einem kuscheligen Poplied. Oder She’s A Girl And I’m A Man, die bisher unveröffentlichte Demoversion einer Single aus dem Jahr 1991. Es ist der Prototyp seines Liebesliedes und zeigt, wie sehr Coles Lieder von den Beatles beeinflusst sind. Daneben erklingen stürmischer Gitarrenpop, lässig aus dem Handgelenk geschlagener Rock, schunkelnde Countrynummern, Trostspender. Jedes Stück klingt eigenständig, jedes klingt unverkennbar nach Lloyd Cole. 59 Perlen aus den vergangenen 21 Jahren sind zu hören, man kann sich ein ganzes Wochenende über damit beschäftigen.

Seinen treuen Anhängern macht Lloyd Cole mit der Entrümpelung ein Geschenk. Doch Cleaning Out The Ashtrays ist mehr, denn was er aus den Aschenbechern putzte funktioniert als eines der schönsten Popalben dieses Winters. So darf man diese Zusammenstellung getrost auch denen ans Herz legen, die von Lloyd Cole noch nie etwas gehört haben.

„Cleaning out The Ashtrays“ von Lloyd Cole ist auf 4 CDs bei Tapete/Indigo erschienen.

Im April gibt Lloyd Cole einige Konzerte in Deutschland und Österreich.

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1 Kommentar

  1.   Hanno Bertling

    Schoene Kritik!
    Das Albun „Don’t Get Weird On Me Babe“ zeugt in der Tat von Prunksucht, aber die Seite 1 der Platte gehoert zum grossartigsten Kitsch, den ich kenne, mit der Betonung auf „grossartig“. Nicht von jedem beinahe vergessen…