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In letzter Sekunde

 

Pete Doherty lässt auf seinem ersten Soloalbum alle Exzesse hinter sich und zeigt endlich, wie gut er sein kann

Pete Doherty – Last Of The English Roses
 
Von dem Album: Grace/Wastelands Parlophone (2009)
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Jede Generation trägt auf ihren Schultern einen ganz besonderen Helden in die Charts. Ein rituelles Opfer, das weit heller als alle anderen brennen und viel schneller verglühen muss. Die Liste dieser Unglücklichen ist so lang wie die Geschichte der Popmusik selbst und endete vorerst mit Kurt Cobain. Als jüngster Kandidat, diese unselige Tradition fortzusetzen, gilt seit einigen Jahren der englische Musiker Peter Doherty. Bei keinem anderen Künstler seiner Generation hielten sich Talent und Selbstzerstörung auf so hohem Niveau die Waage. Auf seinem ersten Soloalbum ohne seine Band, die Babyshambles, hört man nun mit Staunen, wie diese Waage erstmals deutlich zugunsten seines Talents ausschlägt. Vielleicht klingt das klare und leise Grace/ Wastelands deshalb so überraschend anrührend – wie ein seidener Fallschirm, der sich in letzter Sekunde geöffnet hat. Denn was Doherty hier seinen Dämonen abgerungen hat, ist in seiner zarten Grandezza nichts Geringeres als die Krönung seiner bisherigen Karriere.

Akustisch hätte man das früher einmal genannt, denn der spezielle Zauber dieser Platte liegt in ihrer bis zur Kontemplation konzentrierten Beschränkung auf den Song – und allem, was ihm dient. Ließen seine berauschten und berauschenden Skizzen früher das brillante Songwriting dahinter immer nur erahnen, liegt sein Genie in so luftigen Songs wie Salome oder Lady Don’t Fall Backwards offen zutage. Zumal alles Dionysische aus dieser Sammlung behutsam produzierter Kostbarkeiten vollkommen verbannt worden ist – wahrscheinlich von Graham Coxon, dem Exgitarristen von Blur und Geburtshelfer dieses Albums.

Übrig bleiben akustische Gitarre, sparsam arrangierte Streicher, viele hingehuschte Pianoklänge und gedämpfte Bläsersätze. Dazu besingt Doherty mit zigarettenpapierdünner Stimme die Unmöglichkeit der Liebe und immer wieder auch seinen Sehnsuchtsort, das versunkene Albion: Sweet By And Bye badet förmlich in einem nostalgischen Ragtime Blues, womit der freundlichen Traditionalismen noch lange kein Ende ist. 1939 Returning könnte auch einem depressiven Randy Newman eingefallen sein, A Little Death Around The Eyes einem fröhlichen Scott Walker, das folkige Arcady einem Conor Oberst und die Single Last Of The English Roses gar den Gorillaz. Es scheint, als habe der Dionysos Doherty den Apoll in sich entdeckt. Und geweckt. Hoffentlich nickt er nicht so schnell wieder ein.

„Grace/Wastelands“ von Peter Doherty ist auf CD und LP bei Parlophone/EMI erschienen.

Dieser Text ist dem Musik-Spezial aus der ZEIT vom 12.3.2009 entnommen.

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6 Kommentare


  1. Sehr guter Artikel – wirklich ein grandioses Album. Hätte es nicht der ZEIT zugetraut so ehrlich und doch objektiv über Pete zu reden.


  2. […] lässt auf seinem ersten Soloalbum alle Exzesse hinter sich und zeigt endlich, wie gut er sein kann: In letzter Sekunde. Ja, durchaus hörbar die erste Auskopplung “Last Of The English Roses“. Das Album […]

  3.   mansonelvis

    irgendwie bescheuert… der artikel!

    er war und ist der beste künstler dieser zeit.
    besonders seine liebevolle stimme, so ehrlich und klar, hat nichts damit zu tun, dass er jetzt „besser“ als vorher sein sollte.
    es kommt mir in diesem artikel so vor als sei peter jetzt genialer als je zuvor… bekloppt! denn, die meisten texte kannte ich schon lange!
    wenn jemand mal nachforscht, dann ist das ihm auch klar.
    nichts ändert sich an seiner person.
    er ist und bleibt einer, in unserer gesellschaft, nicht integierter mensch. dies wird sich dann wieder zeigen, wenn er „abstürzt“. dann kommen wieder diese ganzen „mitläufer“ auf dem plan und stellen sich gegen ihn.
    ich hoffe nur, das er das findet, was er sich wünscht und verdient hat.
    er könnte ja auch mal so „normal“ sein und sein wahres ICH nicht der ganzen menschheit preisgeben.
    er ist, in meinen augen, der liebevollste und naiveste künstler dieser zeit!

    in dem sinne!
    peteR, you are

  4.   martino

    ich habe ein wenig mühe mit dem vergleich von selbstzerstörung und talent auf einer waage!

    1. pete’s texte und musik sind sehr authentisch von seinem leben beeinflusst, selbstzerstörung spielt da auch eine rolle….auseinanderhalten (oder auf eine waage stellen) kann man talent und selbstzerstörung nicht..respektive abkoppeln..denn das sein bestimmt das bewusstsein…pete’s situation bestimmt sein handeln…
    kurz gesagt: wäre nicht seine selbstzerstörung würde nicht sein ganzes talent zurückbleiben..(leider!)

    2. gebe ich „mansonelvis“ recht: warum soll mit dem soloalbum plötzlich sein talent zum vorschein kommen, dies hat er schon in absolut legendären alben wie „up the bracket „und „down in albion“ bewiesen. erinnert mich leicht an kings of leon: das neue album ist der letzte schrei, dabei findet wohl jeder fan das neue album durchschnittlich…HYPE….dies jedoch ist pete’s soloalbum nicht…viele songs jedoch sind zwar uralt, schön diese trotzdem endlich auf vinyl zu haben..

    nichts für ungut…i’m down in albion!

  5.   ikin81

    Die Platte ist nicht besonders gut gelungen. Die Songs und besonders die Texte sind ausdrucksschwach und wiederholen sich, wenn man sie sich im Kontext seiner bisherigen Veröffentlichungen betrachtet. Mir persönlich geht seine weinerliche, „poetische“ Art der Frasierung, mit der aussagelose Texte spannend gestaltet werden sollen, mittlerweile auf den Sack. Alles was Doherty bisher veröffentlicht hat, ist, aus der jeweiligen zeitgenössischen Sicht (v.a. 2002, 2005) betrachtet, aufregender als diese Platte.
    Doherty der Lebenskünstler, der nur durch sein Überleben seine Kunst am Leben halten kann…leider nur eine Projektion seiner manischen, nach Romantik geifernden Fans.
    Get a life!


  6. „In der bildungsbürgerlichen Wochenzeitung DIE ZEIT schreibt Arno Frank: “Peter Doherty lässt auf seinem ersten Soloalbum alle Exzesse hinter sich und zeigt endlich, wie gut er sein kann.” Ach, wirklich? In dieser Referenz stecken mindestens zwei Fehlwahrnehmungen.“

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