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Wohlfühlmusik für Systemverweigerer

 

Pearl Jam sind mit ihrem neunten Album zurück. „Backspacer“ klingt ungeheuer gestrig, ohne altmodisch zu wirken. Es lebe der Seattle-Grunge!

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet
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Man könnte sagen, wenn etwas klingt, wie es schon immer klang, muss es irgendwie überholt sein. Andererseits – wenn Pearl Jam klingen, wie Pearl Jam eben klingen, ist das durchaus hinzunehmen. Zum neunten Mal bereits haben die Veteranen des ehrwürdigen Seattle-Grunge ein Studioalbum aufgenommen. Nach Abstechern in manierierte Experimentalanalogie wie auf Yield Ende der Neunziger oder zuletzt der gänzlich uninspirierten Selbstbeweihräucherung namens Pearl Jam von 2006 kehren sie endlich zurück zu dem, was sie am besten können: Emphase, geradeaus gerockt; Geschwindigkeit unter Bremskontrolle; Stromgitarrensoli ohne Wettbewerbsgedanken. Jungsmusik also, frei von jeglicher Mackerattitüde.

© Universal
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Bei Pearl Jam hing der Bass schließlich noch nie zwischen Schritt und breit gespreizten Beinen. Und wenn Eddie Vedder, ihr genialischer Frontmann, nun wie zu besten Zeiten seine pathetischen Tremolostrophen zwischen wütende Reibeisenrefrains mischt, wissen längst erwachsene Alt-Grunger von Welt, dass man dies auch gut mit der Liebsten im Sofaeck der gemeinsamen Eigentumswohnung hören kann.

Pearl Jam haben schließlich schon immer die Wohlfühlmusik für gestresste Systemverweigerer gespielt. „When somethings gone – I wanna fight to get it back„, singt Vedder, der zweifache Vater, in The Fixer. Da spürt man, wie sehr er mit bald fünfzig Jahren tatsächlich kämpft, dieses alte Gefühl von Rebellion und Harmoniebedürfnis, Wut und Liebe zu konservieren.

Und auf Backspacer gelingt ihm das so leidenschaftlich wie versiert. Gonna See My Friend zum Auftakt, das stilistisch auch auf dem brillanten Debütalbum Ten kaum aufgefallen wäre. Das balladeske Just Breathe, wo Vedder Vergangenheit und Gegenwart textlich auf Kuschelkurs bringt. Das temporeiche Supersonic im peitschenden Achteltaktstakkato, der an vergangene Garagensessions daheim an der Ostküste erinnert. Dazu das ungemein pearljamige Force of Nature mit seinem zum Heulen schön gesungenen Zitaten von Männern am Ufer des Ozeans oder erklingenden Sirenen irgendwo da draußen. Gefolgt vom ereignislos elegischen The End zum Schluss, einer Liebeserklärung an den Abschied – alles schlüssig, alles ergreifend, alles energetisch, alles ungeheuer gestrig, ohne altmodisch zu wirken.

Das wird diejenigen kaum stören, die die Veränderung als Teilaspekt des Lebens begreifen, statt als dessen Quintessenz. Nicht umsonst hat das Quintett in den fast zwei Jahrzehnten seines Bestehens nur hin und wieder den Schlagzeuger ausgewechselt und trifft sich nach den Studioproben von nine to five wahrscheinlich noch mit den Ehefrauen zum gemeinsamen Brettspielabend am Lagerfeuer.

Wiederholung ist kein allzu positives Prädikat im Musikgeschäft, Wiedererkennbarkeit schon eher. Pearl Jam halten sich – auch dank ihres unverwüstlichen Stammproduzenten Brendan O’Brian – mit Backspacer gekonnt in der Mitte. Man muss nicht gleich seine alten Holzfällerhemden vom Dachboden holen, um sich dafür in Stimmung zu bringen. Und die Chucks von damals trägt heute ohnehin wieder jeder. So wie zerzauste Röhrenjeans. Alles verschwindet irgendwann, um irgendwo zurückzukehren. Nur Pearl Jam sind immer da und klingen wie sie eben klingen.

„Backspacer“ von Pearl Jam ist als CD und Download erschienen bei Universal.

4 Kommentare

  1.   B. Grabowski

    Genau auf den Punkt gebracht…Tolle Platte!

  2.   Jan

    Inwiefern kann man beim selbstbetitelten „Pearl Jam“ von 2006 von „Selbstbeweihräucherung“ sprechen? Ist das irgendwie musikalisch oder anhand der Texte zu belegen?

    Oder wird das Selbstbetiteln an sich hier schon kritisiert? Macht es ein Album schlechter, wenn es keinen guten/einfallsreichen Titel hat?

    Die Formulierung verwirrt und ist unklar, und in beiden Fällen einer möglichen Auslegung auch nicht nachvollziehbar.

  3.   Meister Lampe

    Das Schreiben von „Jungsmusik“ ist so alt wie dämlich – und gerade in bezug auf Pearl Jam auch kompletter Quatsch.

  4.   buetal

    „…Pearl Jam klingen, wie Pearl Jam eben klingen.“ Eine bahnbrechende Aussage, auf die der kleine Leser draußen im Lande nie gekommen wäre. Denn er kann’s nicht klingen hören, weil überarbeitete ZEIT-Mitarbeiter den Player seit Wochen nicht überarbeiten.
    Trockenen Texte zu nicht hörbarer Musik – oberpeinlich!!