Musik zwischen Disko und Diskurs

Kunstschnee in Blashyrkh

Von 5. Oktober 2009 um 10:57 Uhr

Die norwegischen Schwarzmetaller Immortal erheben die Streitäxte und lassen den Eiswind toben. Wacker haben sie ihr neues Album “All Shall Fall” eingespielt

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet

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In der Sprache der Inuit mag es 28 Wörter für Schnee geben, aber die Black-Metal-Band Immortal findet immer noch eines mehr. Selten zuvor wurde die vierte Jahreszeit so opulent und ausgiebig besungen wie von den Herren Abbath, Appollyon, Horgh und Demonaz aus der norwegischen Kleinstadt Bergen.

Als Erfinder so wetterfühliger Songtitel wie Unsilent Storms In The North Abyss, Frozen By Icewinds und Cursed Realms Of The Winterdemons gelten Immortal längst als die ungekrönten Schneekönige des Black Metal.

Während andere Nebelkrähen ihr Heil in Edvard-Grieg-Zitaten oder sumpfigen Kellersounds suchten, blieben Immortal ihrem schockgefrosteten Klang treu. Wie kaum eine andere Black-Metal-Band inszenieren sich Immortal vollkommen widerspruchslos und ironiefrei.

Die Musiker verstehen sich nicht als Abgesandte des Gehörnten, sondern als echte Rock’n'Roller: Die böse Schminke und das fotogene Hantieren mit Streitäxten gehören zum Pflichtprogramm. Auf den Spott der Unwissenden antwortet der Sänger und Gitarrist Abbath lediglich mit einem ein kehligen Krächzen.

Auch die neue Platte All Shall Fall jagt uns hinaus in das Land, wo Graupel schauert und Schneematsch liegt: Blashyrkh nennen Immortal dieses Reich der Fantasie. Seit Jahr und Tag besingt die Band die ewige Eiswüste hinter den dunklen Bergen. Da regiert ein Rabenkönig mit harter Kralle, da tobt der schwarze Sturmwind, da stehen Gruselburgen. Grobe Horden stürzen sich in Kriege, die bis in alle Ewigkeit andauern – und noch 100.000 Jahre länger. Die Sonne ist immer schwarz, was das schlechte Wetter erklärt. Da in Blashyrkh niemals gegen Glatteis gestreut wird, bewegen sich die Bewohner zu Pferde fort und stürzen sich mit Gebrüll hinab ins Tal.

© Peter Beste/Immortal/Nuclear Blast

© Peter Beste/Immortal/Nuclear Blast

Auch auf All Shall Fall wird wieder unheimlich viel geritten. Dazu krächzt der Reiseführer Abbath gewohnt anschauliche Naturbeschreibungen: “Black fire burns the horizon / Ravens fly high in the sky / A breeze lifts the fog from the ice.” Oder mal so: “The arctic swarm a fiend, of frost and ice / Gathering winds that howl in frost lines.” Es ist ein großer Spaß mit anzuhören, wie viel Mühe sich der Texter Demonaz gegeben hat, immer neue Beschreibungen für den dritten Aggregatszustand von Wasser zu finden.

Musikalisch bewegen sich Immortal auf gewohnt dickem Eis: Alles klingt nach Thronsaal oder Schlachtengetümmel. Wobei sich wieder einmal bewährt, dass die Band im Notfall auf die Wirkung des allmächtigen Riffs setzt, anstatt ständig rasende Attacken reiten zu müssen.

Tatsächlich galoppiert All Shall Fall nicht so schnell wie der Vorgänger Sons Of Northern Darkness. In epischen Liedern wie Hordes of War und Unearthly Kingdom klingen Immortal zwar immer noch mitreißender und mächtiger als der Rest der geschminkten Kollegen, dennoch kommt mitunter so etwas wie Langeweile auf. Das ist tödlich im Black Metal, den man ja vor allem hört, um sich von all dem schwarzen Theater gut unterhalten zu lassen.

Zu oft rockt die die Band einfach nur gemütlich vor sich hin. Sogar ein geklampftes Intro hat sie sich gegönnt – das wirkt wie Kunstschnee in Blashyrkh. Weil All Shall Fall die Kompromisslosigkeit früher Jahre abgeht, ist es am Ende einfach nur ein sehr wacker eingespieltes Album. Experimentelle Gruppen wie Wolves In The Throne Room, Xasthur oder Velvet Cacoon haben den überfälligen Brückenschlag zwischen Black Metal und experimenteller Musik längst vollzogen. Mit Immortal hingegen verhält es sich wie mit diesen verflixten Bergen aus Eis. Sie sind einfach immer da. Dran vorbei kommt man aber auch nicht.

“All Shall Fall” von Immortal ist bei Nuclear Blast erschienen.

Kategorien: Metal
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Haha ein Artikel zu Immortal auf zeit.de? Klasse bitte mehr davon :D

    Antworten

    • 5. Oktober 2009 um 13:02 Uhr
    • Tobi
  2. 2.

    Wow, eine Black Metal-Rezension bei ZEIT-Online — und auch noch geschrieben! Respekt!

    Antworten

    • 5. Oktober 2009 um 14:16 Uhr
    • michix
  3. 3.

    auwei,
    am höhepunkt des abstiegs erreicht der blackmetal den feuilleton… das hat noch gefehlt. “vollkommen ironiefrei” ironiefrei soll es auch noch sein. wer annimmt, daß abbath das ganze auch noch ernst nimmt, der muß doch einen an der waffel haben.
    das ganze kommt in etwa 15 jahre zu spät. post-”battles in the north” immortal sind einfach nur peinlich. und daß der herr abbath wegen scheitern seiner alternativen gehversuche jetz die ohnehin schon zu tode gerittene band noch einmal ausgräbt, … da fehlen schlicht die worte

    tip vom insider: blackmetal auf nuclear blast nimmt man prinzipiell nicht ernst!

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    • 5. Oktober 2009 um 14:49 Uhr
    • engelbert eberschneider
  4. 4.

    Das ist so metal..!

    Antworten

    • 5. Oktober 2009 um 15:02 Uhr
    • lilo14
  5. 5.

    Traurig dass, wenn schon mal eine Metalband rezensiert wird, ausgerechnet eine ausgebrannte Truppe von vorgestern herhalten muss, wo es mit Bands wie Ulcerate, Spawn of Possession, Martyr, Portal usw. längst Formationen gibt, die ernstzunehmende, moderne Musik machen.
    Generell muss ich sagen das die Musikrezensionen in der Zeit zu wünschen übrig lassen, was hier als für ein langweiliges Mainstream-Zeug empfohlen wird, wird dem Anspruch der Zeitung nicht gerecht.

    Antworten

    • 5. Oktober 2009 um 16:06 Uhr
    • Sebastian Winkler
  6. 6.

    Lieber Herr Winkler, wir bemühen uns um eine ausgewogene Themenmischung. Sicherlich können wir nicht jeden Musikgeschmack treffen, geschweige denn, alle Szenen vollständig abbilden. Aber gern nehmen wir Ihre Anregungen entgegen, welche Platten wir dringend rezensieren sollten.
    Und um auf Ihren Vorwurf Bezug zu nehmen: Ist das hier Ihrer Meinung nach auch langweiliges Mainstream-Zeug?
    http://blog.zeit.de/tontraeger/2009/09/25/lieder-stucke-experimente_3552
    http://blog.zeit.de/tontraeger/2009/09/23/komm-honigtaubchen_3547
    http://blog.zeit.de/tontraeger/2009/08/12/kommt-zeit-kommt-dub_3120
    http://blog.zeit.de/tontraeger/2009/06/05/wohltemperierte-disharmonie_2785
    Nur mal so als Diskussionsgrundlage…
    Beste Grüße, Rabea Weihser, ZEIT ONLINE Musikredaktion

    Antworten

    • 5. Oktober 2009 um 16:28 Uhr
    • Rabea Weihser
  7. 7.

    @Frau Weihser
    Um auf ihre Frage gleich mal einzugehen: Erstes und Letztes sicher nicht, ansonsten: Ja. Soul ist ja nun nichts neues, James Brown konnte man zumindest früher dem Mainstream zuordnen und sein Gossenhauer wird regelmäßig auf SWR gespielt. Chilligen Rap mit Jazzigen Elementen gibt es auch schon seit 20 Jahren und ist mit Vertretern wie “Jedi Mind Tricks” oder “Jurassic 5″ nahe beim mainstream angelangt (Ich denke mal, dass jeder der Rap/Hip Hop affin ist diese Gruppen kennt).

    Natürlich ist der Musikmarkt gewissen Strömungen unterworfen, und dafür, dass die Musik die heute bei ECM als “Jazz” verkauft wird in wirklichkeit seichter Pop ist der intellektuell daherkommen will, kann die Zeit ja auch nichts. Man muss trotzdem nicht jedes Release von Till Brönner mitreinnehmen, ich denke den kennt Jeder mitlerweile.
    Die letzte CD die ich mir aufgrund einer Zeitempfehlung blind gekauft habe, “Lovetune for Vacuum” von “Soap & Skin”, welches auf nahezu einer halben Seite in den Himmel gelobt wurde, war auch eine totale Enttäuschung. Zwar wird ein interessanter Gesangsstil und schöne Atmosphäre geboten, aber davon dass jedes Lied gleich klingt und die Harmonik generell sehr primitiv ist war in dem Artikel keine Rede.

    Als Rezensionsanregung würde ich gerne das Album “Everything is Fire” von “Ulcerate” nennen, das dieses Frühjahr erschien und eine selten gehörte klangliche Intensität bietet, sehr ausgefuchst komponiert ist, ja völlig neue Wege beschreitet und eigentlich nicht verdient hat überhaupt in die Schublade “Metal” gesteckt zu werden.
    Es können die Stücke “Caecus” und “Tyranny” auf myspace.com/ulcerate angehört werden.

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    • 5. Oktober 2009 um 17:38 Uhr
    • Sebastian Winkler
  8. 8.

    ein wenig (gutgemeint) jammern, daß der feuilleton nun schon den bm besprechen muß, bzw. daß sie sich gerade eine der abgetakeltsten bands dafür aussuchen, wird man wohl noch dürfen. besonders, da der (zwar etwas kleine) musikteil der zeit sonst immer wieder mit qualität überrascht.

    sich jetzt reviews seiner lieblingsmetalbands zu wünschen, ist doch etwas übertrieben. speziell wenn es so altbackener “broodle death” ist, den cannibal corpse schon vor 20 jahren in etwa so gespielt haben, oder spätestens cryptopsy, origin usw. vor 5, 6 jahren genauso.

    überhaupt ist das einsickern des metal in die feuilletons genauso blöde wie das des fußballs.

    Antworten

    • 5. Oktober 2009 um 22:45 Uhr
    • engelbert eberschneider
  9. Kommentar zum Thema

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