Musik zwischen Disko und Diskurs

Neustart in der Stadt

Von 23. Oktober 2009 um 09:21 Uhr

Sind Captain Planet aus Hamburg womöglich die Superhelden des deutschen Punk? Auf ihrem famosen neuen Album “Inselwissen” besingen sie den Menschen in der Metropole.

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet

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Gaia ist eine kluge Frau. Sie ist die Mutter der Erde, und die wird von den Menschen ausgebeutet, verschmutzt und zerstört. Also erzaubert Gaia fünf magische Ringe, mit deren Hilfe fünf Jugendliche – das Planetenteam – weitere Katastrophen verhindern sollen. Solarbetrieben düsen sie um den Planeten und retten ihn ein ums andere Mal.

Wenn’s nicht so gut läuft, dann ruft das Planetenteam Captain Planet, einen drolligen Kerl mit hellblauer Haut und grünem Haar. Er ist verdammt stark und trägt das Bild der Erde auf seinem knappen roten Leibchen. Seine Gegenspieler heißen Captain Pollution und Duke Nukem (Graf Atomar), Hoggish Greedly (Raffgier) und Verminous Skumm (Ratzfatz). Gegen Typen mit solchen Namen gewinnt ein Superheld immer.

Captain Planet ist eine skurrile Zeichentrickserie, die in den frühen Neunzigern im amerikanischen Fernsehen lief, später auch im deutschen. Ein Umweltschützer als Held? Das war neu! Am Ende jeder bemüht bedeutungsvollen Folge redete der Captain dem Zuschauer ins Gewissen: “Ihr habt die Macht!”

Captain Planet nennen auch vier Musiker aus Hamburg ihre Punkband. Punk und Superhelden? Wie passt das denn zusammen? Inselwissen heißt ihre zweite Platte. Was soll das sein?

Ihr erstes Album erschien vor ziemlich genau zwei Jahren, sie handelte vom Wasser, vom Regen, von der Traufe. Auf Inselwissen nun erzählen sie immer wieder von dem weißen Blatt Papier, dass am Anfang jedes Liedes, jeder Platte steht. Und von dem Wunsch, ab und an mal den Knopf zu drücken: Neustart! Auch um eine Beziehung, ach was, all die verdammten Beziehungen von vorne zu beginnen. “Der erste Strich ist immer der schwerste”, singt Arne von Twistern, “es beginnt und wird zerstört”.

Die Herren Sturm und von Twistern singen (© Nicky Schwarzenberg)

Die Herren Sturm und von Twistern singen (© Nicky Schwarzenberg)

Von wegen Superheldentum also. Captain Planet erzählen von den Widersprüchen der Urbanität. Ihr Held ist “Du”, er ist kein Held. Eher einer, der sich so durchschlägt. Der die langen Regale im Supermarkt abwandert und den Wagen doch nicht vollkriegt. Einer, der sich selbst bekämpft. Sein Leben rast vorbei im Rhythmus der Abrissbirne. “Bist halt nicht der Typ, der sein Leben so lebt, wie Rambo an die Tanne springt.” Wann schickt Gaia das Planetenteam? Nur am frühen Morgen kann er alles, im grellen Sonnenlicht gefällt ihm die Stadt sogar. Dem Sozialromantiker erscheint das nach elf Liedern dann sogar ein bisschen heldenhaft.

Und nach elf Liedern ist auch klar, dass das Inselwissen schließlich von nichts anderem handelt als dem Bewusstsein von der Einsamkeit inmitten von Menschen. In der Metropole und im Gewirr gescheiterter und scheiternder Beziehungen ist der Mensch doch eine Insel.

Und, ach ja, die Musik: Es gilt, was hier vor zwei Jahren geschrieben stand: Den poetischen und klugen Texten stehen nervöse Gitarren, krachendes Getrommel und wummernde Bässe zur Seite. Die Melodien sitzen, die Worte sowieso! Inselwissen ist kein Stück schlechter als das fantastische Debüt.

Zwei famose deutsche Punkplatten am Stück! Sind Captain Planet womöglich doch – Superhelden?

“Inselwissen” von Captain Planet ist auf CD und LP erschienen bei Unterm Durchschnitt.

Captain Planet im Konzert:
13.11.09 Dresden
14.11.09 Berlin
18.12.09 Oberhausen
19.12.09 Marburg
20.12.09 Darmstadt

Kategorien: Punk
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Punk und Musik-Marketing sind grundsätzlich unvereinbare, sich abstoßende Elemente – ein Widerspruch in sich. Captain Planet ist also keine Punk – Band sondern ein niedliches Kunstprodukt eilfertiger Geschäftelhuber. Das ist der Pseudo-Aufstand musikalischer Wohlstands-Gartenzwergen, der nichts, aber auch absolut gar nichts mit Punk zu tun hat.

    Antworten

    • 24. Oktober 2009 um 11:15 Uhr
    • Leporello
  2. 2.

    Als regelmäßiger Besucher fürchte ich zunehmend, aus dem ‘Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet’ wird demnächst ein ‘Unseren Audioplayer wird es nicht mehr geben’. Was sehr schade wäre.

    Antworten

    • 25. Oktober 2009 um 20:11 Uhr
    • Besucher
  3. 3.

    Lieber Besucher, am kommenden Mittwoch ist es so weit: Der Audioplayer kehrt zurück. Endlich.

    Beste Grüße
    Rabea Weihser, ZEIT ONLINE Musikredaktion

    Antworten

    • 26. Oktober 2009 um 11:41 Uhr
    • Rabea Weihser
  4. 4.

    Bester Leporello,

    Toll, dass Sie das alles unterscheiden können. An welcher Stelle wird Punk denn zum “niedlichen Kunstprodukt eilfertiger Geschäftelhuber”? Sofort, wenn er auf LP und CD gepresst wird?

    MMhhh.

    Was ist dann aber mit Ihrem Kommentar? Ist der echter Punk? Nein, kann ja nicht sein, weil Internet und Punk schließen sich ja wohl auch kategorisch aus, nicht wahr? Ihr Kommentar wäre dann kaum mehr als ein Pseudo-Aufstand eines Internet-Gartenzwergen, der nichts, aber auch absolut gar nichts mit Punk zu tun hat.

    Wär’ ja auch wieder schade.

    Seien Sie nicht so bitter!

    Gruß, jk

    Antworten

    • 26. Oktober 2009 um 12:56 Uhr
    • Jan Kühnemund
  5. 5.

    An die Redaktion

    Schreibe Sie einen Kommentar – Ich habe es gestern getan – Wo ist er? Thema: Selbstbesinnung auf mehr deutschsprachige Musik

    Antworten

    • 26. Oktober 2009 um 14:04 Uhr
    • germi
  6. 6.

    Auch ich möchte der Aussage widersprechen, bei Captain Planet handele es sich um ein Kunstprodukt. Diese Band zählt für mich wirklich zu den Gruppen, bei denen mir nichts künstlich vorkommt, sondern die in ihren Texte und durch ihre Art des Ausdrucks dem Zuhörer wirklich etwas erzählen und Emotionen vermitteln können. Und warum sollte nicht über sie geschrieben werden, wenn sie doch gute, mitreißende, ehrliche Musik machen? Ist es denn nur dann “Punk”, wenn keiner es mag und keiner darüber schreibt? Die Band wird sicherlich nicht zur “Zeit” gerannt sein und gebettelt haben, dass eine Kritik ihrer neuen Platte gebracht wird. Ihr neues Album hat eben einfach eine Klasse erreicht, die die Presse aufhorchen lässt.
    Und doch verkauft sich die Band nicht an das Marketing. Sie spielen in kleinen Clubs, in Proberaumzentren, in Kneipen und wenn man ihnen schreibt, kann man auch direkt mit ihnen Termine für weitere Auftritte ausmachen. Ihre Platten veröffentlichen sie über ein Independant-Label. Und ihre Texte erzählen von den Problemen, denen sich die jungen Männer gestellt sehen. Dass es keine aneinandergereihten Parolen sind, sondern sie in Bildern sprechen, heißt nicht gleich, dass es kein Punk mehr ist. Auch im Punk dürfen Emotionen und Gefühle tieferer, persönlicher Ebene offenbart werden. Vielseitigkeit ist doch gerade das Schöne an der Kunst.

    Ob es Ihnen, Leporello, gefällt oder nicht, ist Ihre persönliche Empfindung. Doch Nicht-Gefallen bedeutet nicht gleich, dass es sich bei der Band, die manch anderem so viel bedeutet, um ein Kunstprodukt handelt.

    Antworten

    • 26. Oktober 2009 um 16:09 Uhr
    • maxy.
  7. 7.

    Lieber Germi,

    Sie haben Ihren Kommentar wohl aus Versehen an anderer Stelle gepostet. Hier ist er:
    http://blog.zeit.de/tontraeger/die-autoren

    Beste Grüße

    Rabea Weihser, ZEIT ONLINE Musikredaktion

    Antworten

    • 27. Oktober 2009 um 10:26 Uhr
    • Rabea Weihser
  8. 8.

    Der Kommentar von GERMI (wohl die Abkürzung für Germani/y?) liest sich wie der Kommentar eines Neonazis.
    Auf die Frage “Was spricht eigentlich gegen eine »Deutschquote« in den Medien?” findet man bei der Initiative des Captain Planet-Labels gute Antworten: http://icantrelaxin.de/faq.html

    Ich finde diese Deutsch-Diskussion langsam nervtötend.

    Antworten

    • 28. Oktober 2009 um 18:33 Uhr
    • Punki
  9. Kommentar zum Thema

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