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Shäääft! Kapiert?

 

Im schwarzen Actionfilm der Siebziger spielte die Musik eine wichtige Rolle. Eine Kompilation erinnert an die Helden des Soundtracks wie Isaac Hayes oder Quincy Jones.

Packt die Schurken beim Schlafittchen: Richard Roundtree als Shaft (© MGM Studios/Getty Images 1971)
Packt die Schurken beim Schlafittchen: Richard Roundtree als Shaft (© MGM Studios/Getty Images 1971)

Hektisches Ticken, dann durchfährt ein sengendes Gitarrenschraddern den Lärm der Stadt. New York, Manhattan, Harlem. Ein schnauzbärtiger Schwarzer im Trenchcoat tritt aus dem Schacht der U-Bahn und bahnt sich seinen Weg durch all die Menschen und Autos. Er motzt einen Taxifahrer an, jagt einen Hehler davon, plaudert mit dem blinden Zeitungsverkäufer.

Isaac Hayes singt, nein er raunt: „Who’s the black private dick that’s a sex machine to all the chicks?“ Und „all the chicks“ kreischen: „Shäääft!“ Dann im Zwiegespräch, er: „Damn right! Who is he man that would risk his neck for his brother man? Sie: Na klar, „Shäääft!“ Er: „Can You Dig It?“ Ja, wir haben es kapiert.

Im Jahr 1971 drehte Gordon Parks den Film Shaft. Fünf Minuten dauern der Vorspann und die herrliche Vorstellung der Hauptfigur durch die Musik von Isaac Hayes. Und nach diesen fünf Minuten ist alles erzählt, wovon Shaft handelt: Ein lässiger Privatdetektiv prügelt sich mit anderen Männern (meist Mafia; manchmal Polizei), ein lässiger Privatdetektiv räkelt sich in den Betten hübscher Frauen.

In der ersten Szene des Films betritt John Shaft den Laden eines Schuhputzers und lässt sich seine Ledertreter wienern. Bis Ende der Sechziger tauchen Schwarze in den Filmen Hollywoods als Butler auf, als Gärtner, als Dienstmädchen – und Schuhputzer. Und nun? Schwarze schreiben Filme, drehen Filme, spielen in Filmen. An welchem andern Ort als diesem, an dem der Schwarze so lange vor dem Weißen kniete, hätte Gordon Parks die Zeitenwende besser verdeutlichen können?

Es ist auch eine musikalische Zeitenwende. Viele der bis Mitte der Siebziger gedrehten Filme schwarzer Regisseure sind mit einer aufregenden politischen Botschaft unterlegt, filmisch aber kaum bemerkenswert, einfache Unterhaltung eben. Spektakulär ist in vielen Fällen einzig die Filmmusik. Violinen? Raus! Anrühriger Klangteppich? Ausgeklopft! Etüden und Flohwalzer? „Up yours!“ Stattdessen geht es beseelt zur Sache. Samtweicher Soul, aufregender Funk, Blechbläser, Chöre, Effektpedale.

Das klingt nicht einfach nur gut. Viele der gesungenen Zeilen nehmen Kontakt auf zu den Bildern. Sie funktionieren als zweite Ebene, als Kommentar. In einem anderen Stück zu Shaft klagt Isaac Hayes: „Black man, born free, at least that’s the way it’s supposed to be. Chains that bind him are hard to see, unless you take this walk with me. Place where he lives is God plenty of names, slums, ghetto and black belt, they are one and the same.“ Mag schon sein, dass dieser Shaft seine Umwelt im Griff hat, dass selbstbewusste Schwarze in Hollywood arbeiten – die afroamerikanische Realität in den Siebzigern ist eine andere.

© MGM Studios/Getty Images
© MGM Studios/Getty Images

Gewohnt kenntnisreich führt das Londoner Label Soul Jazz Neugierige mit der Kompilation Can You Dig It? – The Music And Politics Of Black Action Films 1968-75 zurück in diese goldenen Tage des Schwarzen Actionfilms. Da erklingen Lieder aus Superfly, Across 110th Street, Black Cesar, They Call Me Mister Tibbs, Truck Turner. Wer erinnert sich an die Filme oder die Namen der Hauptdarsteller? Aber die Interpreten der Filmhits, die liegen auf der Zunge: Curtis Mayfield! Bobby Womack! James Brown! Quincy Jones! Isaac Hayes! Nur bei dem Film Foxy Brown hat man sofort die Schauspielerin Pam Grier vor Augen, nicht den Sänger Willie Hutch. Quentin Tarantinos Jacky Brown sei Dank, seiner wunderbaren Liebeserklärung an das schwarze Kino der Siebziger.

Musik aus knapp dreißig Filmen ist zu hören, das meiste klingt toll – vieles bekannt. Es ist die einzige Schwäche der Zusammenstellung, zu viele der allseits bekannten Gassenhauer ein weiteres Mal abzududeln. Aber es ist verzeihbar, auch angesichts eines hundertseitigen Büchleins dass der CD beiliegt, mit Filmvorstellungen, Biografien, Fotos, Plakaten und einer historischen Einordnung der Filme durch Stuart Baker. Yes, we dig it!

„Can You Dig It? – The Music And Politics Of Black Action Films 1968-75“ ist auf Doppel-CD und Vierfach-LP bei Soul Jazz/Indigo erschienen.

6 Kommentare

  1.   Heidi

    Shaft ist kult! Wer die Zeit der siebzieger Jahre liebt und lebt, sollte sich mal einer der Folgen anschauen. Die Musik ist einfach ein Ohrenschmaus!


  2. Katastrophale Rechercheleistung. Die Chicks singen nämlich nicht „Shäääft“, sondern allenfalls „Schäffft“. Dig?

  3.   Jan Kühnemund

    Bester Matthias,
    wenn das die einzige Kritik des Soulexperten ist, dann bin ich eigentlich ganz zufrieden 😉
    Einigen wir uns auf „Shäääffft“? Und wie findest du eigentlich Lee Fields?
    Lieben Gruß, jan


  4. Lieber Jan,

    Lee Fields is hey-okay, aber klingt mir doch zu sehr nach JB-Kopie.
    Zum Abgewöhnen: http://www.youtube.com/watch?v=PK_Lw8AVOm0

    Gruß,
    Don Cornelius sein Schwager

  5.   Jobst

    Zauberhafter Artikel. Auch wenn ich (leider) nicht in dieser Zeit groß geworden bin, bin ich ein großer Freund des damaligen kulturellen Geschehens. Man merkt einfach die Arbeit und Gedanken, die mit einer solchen Produktion verbunden waren.. fast noch mehr als heute.
    Der Soundtrack war und ist natürlich immer noch extraklasse und stetig Kult!

  6.   Knut

    für dich