Töne der Welt, vereinigt Euch!
Yeasayer lassen das Gute der totgesagten “World Music” wieder aufleben: Ihr neues Album “Odd Blood” klingt distinktiv und weltoffen, multikulturell und lässig.
Weltmusik ist ein zwiespältiges Genre, wenn es überhaupt noch eines ist. Die einen verstehen es als Inbegriff weltoffener Völkerverständigung ohne Ansehen von Herkunft und Hautfarbe, die anderen als Panflötenmultikulti jenseits von Distinktion und Lässigkeit. Versuche, sich in der Mitte zu treffen, enden bestenfalls bei Johnny Cash, meistens aber in unterschiedlichen Plattenläden, ja: Universen. Weltmusik vereinigt nicht, sie spaltet. Doch dann kamen die Yeasayer.
Vor vier Jahren haben sich Chris Keating und Anand Wilder dieses so merkwürdige wie bemerkenswerte Konglomerat verschiedenster Einflüsse ausgedacht und eine Musik geschaffen, die sie als “Middle-Eastern-Psych-Pop-Snap-Gospel” bezeichnen. Mal abgesehen davon, dass Selbstetikettierungen wie diese eher getarnte PR-Schlagworte als kreative Zustandsbeschreibungen sind, ist das, was die Yeasayer machen, aber auch wirklich kaum in griffige Worte zu fassen. World Music trifft ihr zweites Album Odd Blood da noch am besten.
Denn ohne besonders auf Image und Optik zu achten, greifen die (mittlerweile) vier verschrobenen New Yorker nach jedem den abseitigsten Klangfragmenten. Und sie holen sie eben nicht in den selbstreferenziellen Gemischtwarenladen Pop, sondern in ein proppevolles Labor, eine kreative Wabe, einen musikalischen Hexenkessel. Die Yeasayer verrühren darin Töne von Naturholzinstrumenten und gewöhnlichen Gitarren, von karibischen Steeldrums und gewöhnlichem Schlagzeug, hinzu kommen afrikanische Stammesrhythmen und gewöhnliche Bassläufe, technoide Soundgewitter und Keatings – nun ja – vergleichsweise gewöhnlicher Gesang im Gestus der Achtzigerjahre.
All das durchdringt jedes der elf Lieder, ohne sie nostalgisch klingen lassen. Effekte werden noch auf Synthie-Orgel gespielt und Rockinstrumente klassisch, in jedem erdenklichen Tempo: vom hingebungsvoll überdrehten Rome bis zum gemächlich mäandernden I Remember. Tierstimmen überlagern stilisierte Bläser, Regentanzchöre Digitalflächen, alles flirrt ineinander, eine vielschichtige, haltlose Kakofonie. Doch sie ordnet sich stets aufs Neue, nach dem dritten Hören mehr als nach dem ersten, nach dem eingängigen Mondegreen gen Ende eher als nach dem sperrigen The Children zum Auftakt. Es sind Trippelschritte auf dem Weg zur Schlüssigkeit.
Mehr noch als auf ihrem Debütalbum All Hour Cymbals (2007) erwecken die Yeasayer nicht bloß Neugier auf Unerhörtes, sondern machen uns der Langeweile ringsum bewusst. Selbst der alternativ gedachte Independent klingt ja nicht selten nach Formatradio. Da landet jedes Stück von Odd Blood wie ein Stein im Trog unserer Hörgewohnheiten, spült Klangkonventionen über den Rand, und siehe da: Es löst sich manche Blockade im Ohr. Befreiung!
Da macht die Suche nach Referenzen sogar Spaß. Schwingt hier Human League mit? Etwas David Byrne? Paul Simon gar, der späte. Und da hinten – Mori Kante? Egal, am Ende diffundieren die Zitate, Noten, Samples im Zaubertrank der Yeasayer. So distinktiv und weltoffen, so multikulturell und lässig war Weltmusik seit ihrem Abgesang selten.
“Odd Blood” von Yeasayer ist erschienen bei Mute/GoodToGo.

Lieber Herr Freitag,
was genau sind afrikanische Stammesrhythmen? Bei welchem Stamm genau haben sie hingehört? Und wann zuletzt ihr Bild von Afrika revidiert?
Und wann genau haben Sie begonnen, Musik zu hören? Vor vier Jahren? Ansonsten wäre Ihnen wohlmöglich aufgefallen, dass es Yeasayer (trotz anderthalb guter Platten) wahrlich nicht brauchte, um das Genre Weltmusik in Frage zu stellen. Und Yeasayer sind im übrigen auch ganz und gar nicht die ersten, die anders klingen als das Formatradio.
Das sind doch alles Floskeln.
Justieren Sie mal Ihr Weltbild.
Gruß, Rainer S.
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Lieber Rainer S.,
dass die Weltmusik als Genre infrage zu stellen ist, steht gleich im ersten Satz. Der verlinkte Artikel aus dem Jahr 2008 verdeutlicht außerdem, dass ZEIT ONLINE dieses Thema schon seit Längerem beobachtet.
Beste Grüße,
Rabea Weihser
Musikredaktion
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Liebe Frau Weihser,
ich weiß, ich verfolge das mit großem Interesse. Nur stellt der Artikel von Jan Freitag das nicht in Frage, wenn er großspurig formuliert, die Weltmusik sei quasi unantastbar gewesen, bis endlich – vor vier Jahren – Yeasayer kamen? (“Weltmusik vereinigt nicht, sie spaltet. Doch dann kamen die Yeasayer.”)
Schlimmer als diese floskelhafte Beschreibung des Verhältnisses von Weltmusik zum Rest finde ich im übrigen die Rede von den Stammesrhythmen. Dieser Artikel bringt dem Leser einfach nichts, ehrlichgesagt. Naja, mir jedenfalls nicht
Herzlich, RS
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Lieber Rainer Schuster,
der Begriff Weltmusik wird ja nicht als copyrightgeschütztes Etikett, sondern denkbare Klammer angeboten, um die vielfältigen Einflüsse der Yeasayer greifbar zu machen. Und einige sind nunmal unüberhörbar afrikanischen Ursprungs. Dafür, dass Stamm und Rhythmus in Bezug auf Afrika auch negativ konnotiert sind, können allerdings weder Afrika, Stamm noch Rhythmus etwas. Und wer in ihrer Verwendung stets Ressentiments wittert, zementiert diese nicht weniger als der, der sie unbedacht verwendet – was ich nicht getan habe. Gute Musik darf ruhig archaische Elemente aller Kulturkreise aufweisen. Trotzdem danke für den Hinweis, ich werde künftig noch mehr auf meine Sprache achten.
Schönen Gruß,
der Autor
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Der Artikel ist gut und notwendig, um auf Yeasayer aufmerksam zu machen. Auch ich hatte Mühe das bemerkenswerte Debüt einzuordnen. Erstklassige “Gute-Laune-Musik” für Menschen, die sonst bei Singer/Songwriter rumhängen. Für mich ebenso wertvoll und bedeutend, wie das Debüt von Fever Ray.
Den Hinweis auf die bedrohte Spezies “World Music” fand ich wertvoll; war mir noch nicht bewußt. :+)
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Ich fand “All Hour Cymbals” besser, als das neue Album… Irgendwie sprang beim ersten gleich der Funke über und direkt ins Ohr.
“Odd Blood” klingt da für mich eher gezwungen.
… und dann kommt dieser Hype noch dazu. Genauso unverständlich, wie bei Them Crooked Vultures… meh :-/
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