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Mit Depressionen in die Disco

 

Die Sterne erweitern ihr Portfolio in Richtung Elektro. Dazu gibt’s auf ihrem neuen Album ’24/7′ die gewohnte poetische Kapitalismuskritik.

Die Sterne, nun zu dritt: Christoph Leich, Thomas Wenzel und Frank Spilker (© Pamela Rußmann)

Man muss nicht jede Zeile des Hamburger Diskurspops auf Botschaften hin abklopfen, doch wenn Die Sterne im Jahr 2010 “Wir sind der Convenience Shop, / wir sind deine Sklaven” singen, ist das mehr als die übliche Systemkritik am richtigen Leben im Falschen: Es ist Programmatik.

Auf 24/7 hört das zum Trio geschrumpfte ehemalige Quartett konsequent auf den Geschmack seines Zielpublikums, und das will auch links des Mainstreams mal abtanzen. “Wir orientieren uns mehr an im Dance üblichen Arrangements als an dreiminütigen Radioformaten”, erklärt Sänger Frank Spilker die epischen Grooves oberhalb der fünf Minuten. Seine Gitarre hat er fürs neunte Studioalbum zu Hause gelassen. Die Sterne probieren es digital, und selbst seelenverwandte Analogpuristen müssen anerkennen: Das Experiment ist geglückt.

Produziert vom Münchner DJ Mathias Modica, haben Die Sterne nach beinahe zwanzig Jahren konsequenter Rockinstrumentierung ein erstklassiges Elektro-Album aufgenommen, Neo-Disco irgendwo zwischen Scissor Sisters, Daft Punk und sich selbst. Mit Vierviertelbeats, repetitiven Flächen und Stampfbass zu Spilkers gewohnt kritischen Beschreibungen der warenförmigen Popkultur geht 24/7 vom Kopf rasch in die Hüfte.

Gut – seine intellektuell-poetische Kapitalismuskritik klingt in Zeilen wie “Es liegen 1000 Leichen/in der Stadt der Reichen” bisweilen nur unwesentlich anspruchsvollerer als Rick Astleys Children crying in the streets/they don’t have enough to eat; aber Spilker erhebt den Zeigefinger erstmals, wie er beteuert, sehr bewusst auf diese eher plumpe Weise.

Das ist womöglich auch eine Frage des Alters (Spilker ist ein Mittvierziger mit pubertierendem Sohn), mehr aber noch der veränderten Lebensumstände. Denn in seiner Wahlheimat geschieht bekanntlich Bemerkenswertes: Die einst so verhasste Hamburger Bourgeoisie, sie solidarisiert sich mit der kreativen Avantgarde. Selbst aus dem Umfeld der CDU dringen Solidaritätsbekundungen in Richtung Künstlerszene, die aus dem Gängeviertel und der Hafencity verdrängt wird.

Da darf man sich sprachlich schon mal glätten und musikalisch auf die Menge schielen, Schluss mit dem Crossover vergangener Tage, “Rap und Gitarren, das war irgendwann Crossover und ging für uns nicht mehr”, sagt der zur Teilzeitarbeitslosigkeit verdammte Gitarrist und nennt die Hinwendung zur Elektronik dennoch “eher Portfolioerweiterung als Statement”. Sei’s drum – 24/7 ist sein eingängigstes Album seit Hier aus dem nostalgischen Hamburger Schuljahr ’93. “Wohin, zur Hölle, mit den Depressionen? Ich geh in die Disco, ich will da wohnen”, singt Spilker. Und sei es nur eine Platte lang.

“24/7″ von Die Sterne ist erschienen bei Materie/Rough Trade.

Dieser Artikel wurde in verkürzter Form veröffentlicht in DIE ZEIT Nr. 7/2010

Erst kürzlich haben die Sterne die EP “Der Riss” veröffentlicht. Eine Video-Session mit dem ZEIT-ONLINE-Rekorder.

3 Kommentare

  1.   Alef

    Verzeih, aber “Elektro” ist ein in diesem Artikel, wie so häufig, fälschlich verwendeter Begriff. Was du meinst, Jan, wäre schlicht als elektronische Musik zu bezeichnen. Konkret hier der missglückte Versuch, Disco-Punk zu erzeugen und sich LCD Soundsystem und der DFA-Posse zu nähern.

    Die Sterne hätten schon vor zehn Jahren aufhören sollen. Untergang einer der deutlich besseren Gruppen der 90er. Schade, schade.

  2.   Alef

    Und noch etwas: Das ist wirklich arg oberflächliches Geschreibe. Popkritik muss derbe kaputt sein. Schreib doch lieber was zu den einzelnen Songs, warum die Band das gemacht hat und so. Aber Interviews kosten Zeit und die Bemusterung muss mit einer schnellen Kritik gerechtfertigt werden.

    Im Zeit-Blog wurde auch schon besser geschrieben.

  3.   Jan Freitag

    Warum die Verkürzung von Elektronischer Musik zu Elektro gleich meine gesamte journalistische Kompetenz infrage stellt, lieber Alef, erscheint mir zwar etwas pauschal; aber in der Sache stimmt es: Man kann Musikrezensionen am einzelnen Stück aufhängen. Nur erschien mir das hier weniger aussagekräftig, als die gesamte Kehrtewende der Sterne zu neuen elektronikmusikalischen (besser?) Ufern auszuleuchten. Die mir im Übrigen gefällt, so viel Meinungsfreiheit muss sein. Und da sich aus den Zitaten Frank Spilkers irgendwie eine Interviewsituation herauslesen lässt, gilt es offenbar als Makel, nicht mit ALLEN Bandmitgliedern gesprochen zu haben. Gut, dass ich selten Platten von James Last bespreche… Bei der nächsten werde ich vielleicht wieder Einzelstücke analysieren und wenn es eine der Sterne ist, gefällt sie mir womöglich so gut wie diese.

    Nichts für ungut und danke für die Anregungen,
    Der Autor