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Iranische Mischung

 

Wie klingt Zappa in Belutschistan? Die Kompilation „Pomegranates“ gibt einen faszinierenden Einblick in die persische Popkultur der Sechziger und Siebziger

Ein unvergessener Star in Teheran: die Sängerin Googosh im Jahr 1969 (© Finders Keepers Records)

Sehr lange hat sich die Avantgarde an der Zukunft abgearbeitet. Tomorrow Is The Question hieß 1959 ein Album des Jazz-Erneuerers Ornette Coleman, das noch im Titel nach dem Morgen fragte. Im Jahr 2007 kehrte sich das um, und der kalifornische Hip-Hop-Erneuerer Madlib warb für den Aufbruch ins Gestern: Prepare For A New Yesterday.

Dazwischen liegen fünf Jahrzehnte, in denen Musik erstmals in guter Qualität aufgezeichnet werden konnte. Viel Musik, von der nur ein kleiner Teil auf Platten herauskam; viel Musik, die nach ihrer Veröffentlichung in Vergessenheit geriet. So kommt es, dass in den Archiven Stücke schlummern, die gewagter, verrückter, bewegender klingen als manches Aktuelle. Dies liegt nicht nur an der Musik, auch unser Hören hat sich verändert.

Und unser Fokus. Denn Studios gab es all die Jahre nicht nur in Europa und Amerika, sondern ebenso in der Türkei, in Pakistan, in Äthiopien, und nun suchen die Avantgardisten dort. Dabei schürfen sie nicht nach Folklore oder Weltmusik: Es geht ihnen um lokale Ideen vom westlichen Pop, die gerade dann, wenn sie ihn bewusst oder unbewusst verfehlen, verblüffende Kraft entfalten.

So ist Pomegranates („Granatäpfel“) nur ein Beispiel für den Megatrend zur Entdeckung des Entlegenen: Die Kompilation versammelt persischen Pop, Funk, Folk und „Psych“ der sechziger und siebziger Jahre. Die Interpreten heißen Kourosh Yaghmaie, Noosh Afarin, Sima Bina oder Zia, die Stücke Gol-e Aftab Gardoon, Naz Kardanet Vaveyla oder Sharm-e Boos-e. Wer sich darunter so rein gar nichts vorstellen kann, liegt genau richtig.

Ich hätte beim bloßen Hören nicht sagen können, was das ist, woher es kommt, von wann es ist. Hier gibt es eine Spur James Brown, da glaubt man, Zappa habe Pate gestanden, aber dann sind die Rhythmen, Instrumente und Melodien so exotisch. Arabien, Balkan, Zigeuner, Afrika, Beatmusik, vieles klingt an und verschmilzt mit allem.

Die Kuratorin Mahssa Taghinia hat dem Album einen langen Text beigegeben, der das Dickicht der unvertrauten Namen lichtet. Staunend liest man über die persische Popkultur, die unter dem Schahregime erblühte, durchaus in Opposition zu ihm, bis sie 1979 von den Mullahs jäh erstickt wurde.

Die Avantgarde als Bildungserlebnis, aber im Hamburger Golden Pudel Klub wird dazu auch schon getanzt.

„Pomegranates“ ist erschienen auf CD und LP bei Finders Keepers Records.

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der ZEIT Nr.12/2010.

3 Kommentare


  1. Ganz interessant; fand ich aber jetzt beim Testhören nicht soo gut, wie eine andere alte Preziose: „The Very Best Of Ethiopiques“, sehr cooler „Ethno“-Jazz aus den Siebzigern; empfiehlt sich ebenfalls entdeckt zu werden! Einfach mal nach googlen …

    Ronald
    http://www.daedalus-v.de

  2.   Minar.T

    ZIGEUNER??? Ich bitte die Redaktion, ihre Texte gefälligst sorgfältiger zu überprüfen, bevor sie sich zur Veröffentlichung entscheidet !!!

  3.   Türkoholiker

    The Very Best Of Ethiopiques waren hier doch auch schonmal irgendwo….Moment – ah! Hier:

    http://blog.zeit.de/tontraeger/2008/02/27/elvis-lebt-in-addis-abeba_675