Musik zwischen Disko und Diskurs

Oh Baby, was singst Du denn da!

Von 7. Mai 2010 um 14:41 Uhr

Im phonetischen Minenfeld: Auf “Motown Around the World” spielen Marvin Gaye und Stevie Wonder ihre Hits auf Deutsch und Italienisch

Motowns Supermädels: Mary Wilson, Diana Ross and Cindy Birdsong als Supremes im Jahr 1968 (© Keystone/Getty Images)

Motown in den sechziger Jahren – das war kein Zuckerschlecken, selbst für jene, die es später zum Star brachten. Wer in Berry Gordys Musikmanufaktur anfing, war erst einmal nichts anderes als ein kleiner musizierender Angestellter am Fließband der Pop-Produktion. Und da galt es einiges auszuhalten an Drill und wohl gemeinten Zumutungen. Benimmtraining für die Supremes,  Tanzstunden für den bühnenscheuen Marvin Gaye, endlose Tourneen, und dazu über allem eine unerbittliche Qualitätskontrolle, für die der Erfolg des Labels alles und künstlerische Freiheit lange Zeit gar nichts bedeutete: Alles wurde getan für den Crossover ins breite, also auch weiße, und bald europäische Publikum. Sogar Motown-Songs auf Deutsch.

Vielleicht empfand man es bei so viel Unterordnung auch nicht weiter schlimm, wenn man als angehender Motown-Star auch noch in fremden europäischen Sprachen mit seltsamen Umlauten und Akzenten singen musste. Stevie Wonder auf Italienisch und Spanisch, die Velvelettes auf Französisch, eingedeutschte Motown-Hits und deutsches Schlagermaterial, aufgenommen von Marvin Gaye, den Supremes und den Temptations, die gleich auch noch in Holland  veröffentlicht wurden, weil das Supremes-Deutsch von Detroit aus so ähnlich wie Niederländisch klang – all das und mehr bietet eine feine CD-Compilation mit dem selbstironischen Untertitel The Classic Singles. Das schön gestaltete, textlich leider etwas dürftige Booklet kommt in Form eines Reisepasses daher – passend zu Motown Around The World, dem Titel dieses Nachklatsches zum 50-jährigen Motown-Jubiläum im vergangenen Jahr.

Die meisten der insgesamt 38 Aufnahmen der Jahre 1963 bis 1980 klingen komisch angestrengt bis anrührend surreal, weil sich sängerischer Ausdruck und korrekte Aussprache oft gegenseitig im Weg stehen. Edwin Starr etwa klingt in Che Forza – der italienischen Version von Soul Master – durchaus nach Edwin Starr, sein Italienisch allerdings hält man beim ersten Hören für eine ganz ungewöhnliche italo-amerikanische Geheimsprache. Umgekehrt scheinen die Supremes mehr Wert die phonetische Qualitätskontrolle gelegt zu haben – dafür staksen sie sängerisch durch Baby, Baby, wo ist unsere Liebe (Where did our love go) wie durch ein phonetisches Minenfeld.

Der sprachgewandteste Motown-Sänger war eindeutig Stevie Wonder. Nicht nur, dass er mit Abstand die meisten Songs – meist seine eigenen – auf Spanisch und Italienisch sang. Er klingt dabei auch stets lockerer und mehr nach sich selbst als all seine Motown-Kollegen. Wonder scheint auch der einzige gewesen zu sein, der sich nicht nur im Studio, sondern auch live an fremdsprachiges Material wagte: Mit Se Tu Ragazza Mia trat er 1969 beim Festival von San Remo auf.

The Temptations Mitte der Sechziger: Melvin Franklin, Paul Williams, Eddie Kendricks, David Ruffin und der Sänger Otis Williams (© Hulton Archive/Getty Images)

Die größte Herausforderung allerdings hatte Marvin Gaye mit dem extrem langsamen und deswegen aussprachetechnisch diffizilen Sympatica zu bestehen. Neben dem sprachlichen Hürden verlangte ihm diese Aufnahme auch stilistisch einiges ab: Bei dem Lied handelt sich nämlich nicht um einen eingedeutschten Motown-Song, sondern Marvin Gayes einzigen Beitrag zum deutschen Schlager. Der Text – “Sympatica, für uns ist nun die Liebe da/ Ich finde dich so wunderbar wie keine andere/ Als ich dich damals sah, am blauen Ozean/ Da fing die Story an, für uns beide” – stammt von der deutschen Texterin Fini Busch (1928-2001), die Musik von ihrem langjährigen Kompositionspartner Werner Scharfenberger (1925-2001). Beide gehören mit Titeln wie Lale Andersens Ein Schiff wird kommen und Ted Herolds Moonlight zu den erfolgreichsten Komponisten des deutschen Schlagers.

Auch wenn Originalsingles wie Sympatica heute zu Sammlerpreisen gehandelt werden – einen Erfolg hatten damals nur die wenigsten auf Deutsch, Spanisch oder Italienisch gesungenen Motown-Singles. Am erfolgreichsten waren  noch die Supremes mit Thank You Darling – ebenfalls aus der Feder von Busch und Scharfenberger -, mit dem es die Girl-Group um Diana Ross 1965 immerhin auf Platz 18 der deutschen Charts schaffte. Warum also diese merkwürdigen Aufnahmen? Weshalb der Aufwand?

Aus Berry Gordys Sicht war es sinnvoll, Marvin Gaye oder die Supremes Deutsch singen zu lassen,  weil die Welt des Pop vor dem Durchbruch der Beatles  noch nicht so englischsprachig war wie wir das heute gewohnt sind. Selbst nach der British Invasion dauerte es in Deutschland bis Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, dass Songs mit englischen Texten nicht nur akzeptiert, sondern sogar als das wünschenswerte, authentische Original galten.

Vor den Beatles – von denen es aus dem gleichen Grund deutschsprachige Aufnahmen gibt – war diese Entwicklung kaum abzusehen. Pop- und Schlagertexte waren entweder ohnehin auf Deutsch, eingedeutscht oder bewegten sich in einem merkwürdig Kauderwelsch, das deutsche Sätze mit fremdsprachigen Einsprengseln garnierte. Schlagersänger mit Akzent konnten auf einmal punkten so lange sie einigermaßen verständlich waren, manche legten sich sogar einen künstlichen Akzent oder wenigstens ein Pseudonym zu. Die Karrieren von Connie Francis, Petula Clark, Paul Anka und Cliff Richard beruhten geradezu darauf, dass sie zahllose Songs auch auf Deutsch, Französisch oder Italienisch aufnahmen.

Dass Motown diesen Weg nur ganz kurze Zeit und mit äußerst geringem Erfolg ging, hatte mehrere Gründe. Der wichtigste dürfte der durchschlagende Erfolg der Beatles, aber auch der baldige Erfolg der Motown-Musik sein – auf Englisch auch außerhalb der USA und Großbritanniens. Außerdem war die Musik aus Detroit einfach zu weit vom deutschen Schlager entfernt: phonetisch wie musikalisch. Wer den Unterschied hören möchte, braucht einfach nur Sympatica mit Wie schön das ist zu vergleichen, der Eindeutschung von How Sweet It Is (To Be Loved By You). Bei dem einen ist Marvin Gaye für zweieinhalb Minuten deutscher Schnulzensänger. Beim anderen bleibt er Motown-Sänger, auch wenn er hörbar mit dem deutschen Text zu kämpfen hat.

“Motown Around The World” ist erschienen bei Motown (Universal)

Kategorien: Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

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  2. 2.

    Schnarch…

    Darüber gab es vor 2 oder 3 Wochen schon ein 2-Stunden-Special bei WDR 2. Was bin ich froh dass die Zeit nicht mit den alltäglichen Neuigkeiten so hinterherhängt…

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    • 7. Mai 2010 um 16:30 Uhr
    • Lapje
  3. 3.

    Stevie Wonder hat mal einen song geschrieben: „Transcendental Meditation gives You inner peace of mind :-)

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    • 8. Mai 2010 um 00:49 Uhr
    • Akanda
  4. 4.

    Ist ja rührend der Artikel :-)

    “Klischees und Halbwissen gepaart mit ein wenig ‘CD-Klappentext’ … oder so ähnlich?

    Dann vielleicht von meiner Seite aus einige “Ergänzungen” ;-)

    In den 1960er Jahren (aus denen die meisten dieser nicht-englischen Song-Texte stammen), war es durchaus üblich und das längst nicht nur bei MOTOWN, dass U.S.-amerikanische oder auch englische und teilweise französische Sänger/innen ihre Hits auch in anderen Sprachen aufnahmen, um “bessere” Chancen auf dem jeweiligen Export-Markt zu haben.

    Hier einige Beispiele (alles Nicht-Motown-Künstler/innen):

    THE BEATLES, “Komm Gib Mir Deine Hand”
    THE BEATLES, “Sie Liebt Dich”
    SPENCER DAVIS GROUP, “Det War In Schoeneberg”
    BEACH BOYS, “Ganz Allein”
    GENE PITNEY, “Bleibe Bei Mir”
    EVERLY BROTHERS, “Am Abend Auf der Heide”
    DUSTY SPRINGFIELD, “Warten Und Hoffen”
    ROY ORBISON, “Mama”
    JOHNNY CASH, “Kleine Rosemarie”
    WILLIE NELSON, “Whiskey Walzer”
    CONNIE FRANCIS, “Schöner Fremder Mann”
    DAVE COLMAN, “Alaska Quinn”
    SANDIE SHAW, “Wiedehopf Im Mai”
    WANDA JACKSON, “Was Hat Man Denn Bloss Von Einem Mann?”
    LYNN ANDERSON, “Morgen Wirst Du Wieder Bei Mir Sein”
    CHUBBY CHECKER, “Der Twist Beginnt”
    BOBBIE DARIN, “Rote Rosen Fuer Cindy”
    NEIL SEDAKA, “Crazy Daisy (deutsch :-) )”
    GENE PITNEY, “Geh Nie Andere Wege”
    SEARCHERS, “Verzeih My Love”
    GEORGIE FAME, “Humpty Dumpty (deutsch :-) )”
    MANFRED MANN, “Pretty Baby, Weine Nicht”
    OLIVIA NEWTON-JOHN, “Unten Am Fluss”
    JOHNNY CASH, “Wo Ist Zu Hause, Mama?”
    JOHNNY CASH, “Viel Zu Spaet”
    TONY SHERIDAN, “Lieber Hab Ich Dich”
    DONNA HIGHTOWER, “Liebe Macht Blind”
    DIONNE WARWICK, “Ich Warte Jeden Tag”
    PETULA CLARK, “Downtown (auf deutsch)”
    DIONNE WARWICK, “Geh Vorbei”
    DUSTY SPRINGFIELD, “Auf Dich Wart Ich Immerzu”
    LULU, “So Fing Es An”
    LESLEY GORE, “Goodbye Toni (auf deutsch)”
    PETULA CLARK, “Petular’s Twist”
    JOHNNY CASH, “In Virginia (auf deutsch)”
    NEW SEEKERS, “Oh, Ich Will Betteln, Ich Will Stehlen”
    PAUL ANKA, “Sinnlose Tränen”
    MERSEYBEATS, “Nur Unserer Liebe Zaehlt”
    CASEY JONES & THE GOVERNORS, “Bumble Bee (auf deutsch)”
    SEARCHERS, “Farmer John”

    Und … die CD “MOTOWN AROUND THE WORLD … Foreign Language Versions Of Motown’s Greatest Hits” erschien bereits im Jahre 1987, mit der Bestell-Nr. MCD06283MD

    Bei der jetzt vorgestellten “Kuriositäten-CD” handelt es sich lediglich um eine Wiederveröfftenlichung.

    Blogger

    P.S. Was Sie in Ihrem Artikel über MOTOWN, seine “Produktionsbedingungen” usw. geschrieben haben, entspricht so nicht den Tatsachen. Die Company hat sehr wohl auf Effektivität gesetzt, das stimmt und in den wöchentlichen Montags-Sitzungen, an denen Komponisten, Produzenten und Management teilnahmen, gnadenlos “ausgesiebt”, aber das hat letztlich dazu geführt, dass MOTOWN für Qualität berühmt war und viele seiner Künstler/innen schon in jungen Jahren zu Millionären machte.

    Es wurde abgestimmt und nur angenommene Titel veröffentlicht, der “Rest” wanderte ins berühmte MOTOWN-Archiv (heute sind diese, einst unveröffentlichten, Songs weltweit begehrt, als “Cream Of The Crop” der 1960er Jahre Pop-Musik und … selbst diese damals “aussortierten” Titel schlagen “Hit-Songs” anderer Platten-Label, beim direkten Vergleich meist um Längen …

    MOTOWN-Künstler/innen waren zudem keineswegs “unterprivilegiert”, sondern ganz im Gegenteil: Sie waren die Kings & Queens der damaligen Pop-Musik-Szene. Sie wurden korrekt und pünktlich bezahlt, Ihre Verträge lagen finanziell und bei den Vertragskonditionen weit über dem branchenüblichen Durchschnitt (ich kann das auf Wunsch belegen).

    MOTOWN investierte außerdem sehr viel Zeit und Geld in die Ausbildung und Bühnensicherheit seiner (meist sehr jungen) Künstler, die erst noch Profis werden wollten. Smokey Robinson (Musik-Legende und damals MOTOWN-Vizepräsident: “MOTOWN was like a school …”

    Die MOTOWN-Studio-Band “The Funk Brothers” wurde pro Musiker/Jahr mit ca. 100,000.00 $ bezahlt, was erheblich über dem Durchschnitt der, bei anderen Plattenfirmen bezahlten, Musiker-Honorare lag … (und “sogar” die Honorare von Star-Sänger/innen der Konkurrenz übertraf).

    Bitte, informieren Sie sich künftig besser, bevor Sie “solche” Artikel schreiben!

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    • 22. Mai 2010 um 15:55 Uhr
    • Blogger
  5. 5.

    Nachtrag zu Kommentar # 4

    Die Bezugs-Quellen (alle in meinem Kommentar # 4 aufgeführten eingedeutschten Songs sind auf CDs erhältlich) nenne ich auf Wunsch gerne …

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    • 22. Mai 2010 um 16:21 Uhr
    • Blogger
  6. 6.

    Ohne angreifende Absichten, ich waere durchaus an dem Beweis interresiert.

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    • 28. September 2010 um 04:24 Uhr
    • Interesting
  7. Kommentar zum Thema

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