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Schwermetaller im Weltraum

Von 16. August 2010 um 16:09 Uhr

Endzeitkitsch von Iron Maiden: “The Final Frontier” heißt das 15. Album der Heavy-Metal-Band. Zu Hilfe! Wird es etwa ihr letztes sein?

© John McMurtrie

Deutschland im August 2010: Der Sommer geht, die Arbeitslosenzahlen sinken. Kurt Beck hat wieder gute Laune. Die Nationalmannschaft spielt unentschieden gegen Dänemark. Alle Zeichen stehen auf Gradlinigkeit. Zeit für Musik, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann. Die nicht stört mit gewagten Thesen und unsicheren Geschlechtermodellen. Es ist die Zeit für Heavy Metal. The Final Frontier, die neue Platte von Iron Maiden, erscheint also pünktlich.

Als werkstreue Vorarbeiter des Heavy Metal haben sich Iron Maiden einen präzisen Stufenplan auferlegt: auf das Studio-Album folgt die Welttournee, folgt die Live-Platte folgt das nächste Studio-Album undsoweiter. Dieser Rhythmus, ausgerichtet an der Lebensplanung von Millionen Fans, muss aufrechterhalten werden. Es reicht allein die Vokabel Final im Albumtitel, um in Fankreisen ängstliche Reaktionen auszulösen. Sollte es sich etwa um die letzte Platte der Band handeln?

Auf ihrer 15. Platte dringen Iron Maiden endlich in den Weltraum vor. Damit hat die Band nun alle erdenklichen Schauplätze abgearbeitet, vom alten Ägypten über mittelalterlichen Hokuspokus und diverse Weltkriege bis in den Cyberspace. Ansonsten gehorcht auch The Final Frontier dem eisernen Gesetz: keine Überraschungen, davon aber jede Menge.


Stolze 76 Minuten spielt das Album, sechs von zehn Liedern erreichen die Acht-Minuten-Marke. Iron Maiden neigten zwar schon immer zum Exzess. Für The Final Frontier braucht der Hörer aber einen besonders langen Atem. Und da die Luft im Weltraum bekanntlich schnell dünn wird, beeilt sich die Band damit, so viele Ideen wie möglich unterzubringen. Immer wieder wechseln Tempo, Melodie und Arrangement. Manchmal sogar alles gleichzeitig. Das klingt recht ambitioniert und bisweilen sogar radikal für eine Band, die ihren Liedern immer noch Titel wie Isle of Avalon gibt. Allein: die pointierten Momente fehlen.

Nur wenige Eindrücke bleiben, vieles rauscht vorbei wie Weltraumschrott. In Liedern wie El Dorado oder The Talisman dreht das Raumschiff Iron Maiden seine Runden, ohne anzukommen. Dabei war es immer die große Kunst der Band, musikalisch die ganz große Leinwand zu bespielen, ohne auf Härte und Schmutz verzichten zu müssen. Den besten Platten der Band waren ihre Wurzeln im Punk und Progressive Rock immer deutlich anzuhören. In den ärgsten Momenten von The Final Frontier klingen Iron Maiden hingegen einfach wie eine durchschnittliche Bombast-Rockband mit zuviel Zeit im Studio.

Da wehen immer wieder traurige Windgeräusche heran, während Bruce Dickinson humorlose Zeilen wie “Mother Earth I can feel you / My rebirth now completed” schmettert. Keyboardwellen täuschen Erhabenheit vor, Gitarren werden besonders bedeutungsschwer gezupft. Überhaupt wurde selten so ungelenk mit pseudo-philosophischem Endzeitkitsch hantiert wie auf The Final Frontier. Irgendwer plündert ständig die Zeit, fällt durch Orbits oder wäre gerne König geworden, wären da nicht das böse Universum und seine unbelehrbaren Bewohner.

Aufgenommen haben Iron Maiden ihre neue Platte übrigens in den legendären Compass-Point-Studios auf den Bahamas, wo bereits die Klassiker Piece Of Mind, Powerslave und Somewhere In Time entstanden. Sogar der Teppichboden sei derselbe gewesen wie 1983, jubelte Sänger Bruce Dickinson. In Kürze folgt die Welttournee.

“The Final Frontier” von Iron Maiden ist bei EMI erschienen.

Kategorien: Metal
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Okay.

    • 16. August 2010 um 17:17 Uhr
    • John
  2. 2.

    Aha also nur ein eher durchschnittliches Maiden Album.

    Das heißt ich kann bedenkenlos zugreifen da selbst diese üblicherweise wie ein Turm aus dem restlichen Charts-Brei herausragen.

    • 16. August 2010 um 19:47 Uhr
    • Martin
  3. 3.

    “fast jedes Lied erreicht die Acht-Minuten-Marke”

    Da muss ich wohl die falsche CD erwischt haben – bei meiner sind es 5 von 10, die um die acht Minuten oder etwas mehr Spielzeit haben.

    Da fragt man sich, inwieweit der Verfasser sich wirklich mit dem Album auseinandergesetzt hat.

    • 16. August 2010 um 20:14 Uhr
    • t.h.r.a.s.h.e.r.
  4. 4.

    Verehrter t.h.r.a.s.h.e.r.,
    unser Autor zählt ganz genau 6 von 10 Liedern an der Acht-Minuten-Grenze. Wir werden das im Text präzisieren. Beste Grüße aus der Redaktion
    Rabea Weihser

    • 17. August 2010 um 16:36 Uhr
    • Rabea Weihser
  5. 5.

    Sehr geehrte Frau Weihser,
    sie haben Recht, es sind sechs. Mea culpa.

    • 17. August 2010 um 18:35 Uhr
    • t.h.r.a.s.h.e.r.
  6. 6.

    …”Nur wenige Eindrücke bleiben, vieles rauscht vorbei wie Weltraumschrott”…

    Wenn ich eine Kunstausstellung besuche und mir Beispielsweise die späteren Bilder (Kubismus) eines Georges Braque oder Pablo Picasso anschaue, muss ich mich schon etwas eingehender mit dieser Art der Kunst beschäftigen um sie zu verstehen. Ein kurzer Blick im vorbeigehen reicht da meistens leider nicht aus um die Genialität dieser Künstler und Ihrer Kunstwerke zu erkennen. Ähnlich verhält es sich mit der Musik von Iron Maiden in den letzten Jahren. Die Musik ist reifer und komplexer geworden und natürlich für einen “Laien” nicht so schnell zu verstehen. Eine genaue Betrachtung und Analyse der Lieder zeigt aber wahre Kunstwerke im Bezug auf Text und Arragement auf. Bestes Beispiel dafür “When the wild wind blows”. Eine wahre Meisterleistung die Lieder wie “The Trooper” oder “Run to the Hills” und viele mehr aus den 1980 Jahren weit in den Schatten stellen.
    Fazit: “Wir jubeln wie Bruce und rollen den roten Teppich für dieses sagenhafte Album aus”

    • 18. August 2010 um 00:19 Uhr
    • Kubi
  7. 7.

    Bei dem Vergleich mit verschiedenen anderen Online-Plattenkritiken zum Album “The Final Frontier” von Iron Maiden stellt sich mir die Frage, wie die Zeit-Redaktion ihre eigene Rezension zum Album gegenüber den anderen Artikeln, die meiner Meinung nach weitaus detaillierter, reflektierter und fachkompetenter geschrieben sind, einordnet.

    Ich frage mich, ob der Artikel nicht verzichtbar gewesen wäre, da ich es als eine Frechheit gegenüber dem Leser empfinde, solch einen halbgaren Text zum lesen anzubieten, da es der Band und ihrer Musik nicht gerecht wird.

    Gibt es eine andere Meinung dazu?

    • 19. August 2010 um 13:57 Uhr
    • Florian Carevic
  8. 8.

    Herr Schönbäumer versteht sicher recht viel von Techno und Pop und sein
    Herz schlägt wahrscheinlich für dieses Genre.
    Von Metal hat jedenfalls wenig Ahnung. Auf dem Album finden sich Gitarrensoli
    der Extraklasse, aber um das zu erkennen müsste man wohl selbst Gitarrist
    sein. Es ist schon erstaunlich, was Iron Maiden da zustande bringt und die
    Texte, also wirklich. Geht es hier um Texte, um Philologie oder um gestochen scharfe Gitarrenmusik?

    • 21. August 2010 um 21:11 Uhr
    • Erich Röhling
  9. Kommentar zum Thema

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