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Die richtige Musik im falschen System

 

Eleganter Pop, Poesie und Bedeutung kommen zusammen: Auf seinem fünften Album singt PeterLicht über das Unbehagen in der Postmoderne und die Preisgabe des Privaten.

© Motor Music

Es gibt im Pop Sätze, die wie gute Melodien in entlegenen Hirnregionen gespeichert werden und uns zur rechten Zeit wieder in den Sinn kommen. Etwa dann, wenn sich im Radio die Meldungen zu Finanz-, Banken- oder Schuldenkrisen häufen, und eine Stimme im Kopf einem zuflüstert: „Alte Tante Wohlfahrtsstaat, dies ist der Tag, an dem zu zur Hölle fährst“. Oder auch: „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lange genug auf der Tasche gelegen“. Beide Sätze stammen aus Lieder vom Ende des Kapitalismus von PeterLicht, der dieser Tage sein fünftes Album veröffentlicht. Es heißt Das Ende der Beschwerde und ist wieder Musik zur Zeit. Ironie findet nicht statt.

Unklar ist und darf gerne bleiben, warum PeterLicht sich so kokett ohne Leerzeichen schreibt oder wer genau sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. Es gibt keine Pressefotos des Sängers, und nicht einmal in der Harald Schmidt Show mochte er sein Gesicht zeigen – bei seinem Auftritt wurde er nur vom Kinn abwärts gefilmt. Dieses rührend anachronistische Beharren auf dem Recht am eigenen Bild immerhin erklärt PeterLicht gleich im ersten Song mit seiner künstlerischen Haltung: „Ich bin ein Teil des Schwarms, ich habe kein Gesicht“. Im Schwarm sind wir alle Pseudonyme.

PeterLicht bleibt bei seinem Kernthema, dem Unbehagen an der Postmoderne, dezent erweitert um Sorgen angesichts der Preisgabe des Privaten in der Ära sozialer Netzwerke: „Tragt meine Kundendaten zur Freibank und häuft euch einen Zuckerberg“. Die Digitalisierung des Lebens wird dabei nicht nostalgisch bedauert oder kritisch kommentiert, sondern mit matter Melancholie wie durch ein Fernglas von ihrem Ende her betrachtet. Verwischt sind längst auch die sparsamen Landschaftsbilder von der „Prärie“, dem „Abendrot in den Bäumen“ und „Adlern“, die über das „alte Land fliegen“, denn: „Über uns wölbt sich der Warenhimmel“. Und wo früher ein Herz pochte, vibriert heute nur noch ein Mobiltelefon: „Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses“.

In ihren großen Momenten ist diese elegante Musik mit ihren glatten Keyboardflächen, ihrem zwingenden Rhythmus und ihrem Hang zur Hymne synthetischer Pop im eigentlichen Sinne: Sie verbindet entlegene Elemente – experimentelle Lyrik und eingängigsten Pop – zu einer neuen Einheit. Mit seiner hellklaren Stimme könnte PeterLicht allerdings auch seine eigene Steuererklärung absingen, es klänge bedeutsam und poetisch. PeterLicht zielt mit aufreizender Beiläufigkeit auf das große Ganze und darauf, wie man dem System entkommen könnte, denn „die Erfindung des Systems ist die Erfindung der Flucht“.

Im Titelstück fordert er in der Nachfolge von Rilke und Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern“. Im furiosen Fluchtstück liefert er dann eine musikalisch-poetische Vision davon, wie sich das konkret anfühlen könnte. Es sind freie und befreiende Verse mit einer wie aus Ginsbergs Geheul geborgten Glut, arrangiert als anschwellender Galopp mit flirrenden Gitarren und treibend sich überschlagendem Schlagzeug – gleißende Euphorie und befreiende Katharsis in einem. Fluchtstück hinterlässt den Hörer atemlos und mit einer vagen Hoffnung. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber immerhin manchmal die richtige Musik.

„Das Ende der Beschwerde“ von PeterLicht ist erschienen bei Motor Music.

Aus der ZEIT Nr. 44/2011

1 Kommentar

  1.   Philipp

    Ich hoffe, dass es sich bei dieser Besprechung um eine absichtlich völlig präteniöse Persiflage auf die ekligen Phrasen des PeterLicht Interviews handelt