Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Horror zum Hören

Von 9. November 2011 um 10:43 Uhr

Ein Flüstern, Fisteln, Krächzen, Raunen: David Lynch hat sein erstes Album aufgenommen. “Crazy Clown Time” kann für die Psyche nicht gesund sein.

© David Anew/PIAS

Das erste Album von David Lynch – ja, dem Filmregisseur – klingt genauso, wie man es von ihm erwartet hätte. Ist das jetzt gut oder schlecht? Schrullig, unheimlich, von geräuschhaften Überraschungen durchsetzt. Der Soundtrack zu den Alpträumen hinter amerikanischen Kleinstadtidyllenkulissen, wie Lynch sie auch in Bilder zu setzen pflegt.

Lynch trifft also seinen Markenkern. “Die vierzehn Songs voller spannungsvollen Soundscapes, hypnotischen Rhythmen und rätselhaften Texten enthalten alle Elemente, die Lynch-Fans begeistern”, heißt es im Promo-Text. So wie die nach ihm benannte Kaffeesorte außer Koffein auch sonst alles enthält, was cool ist: bio, fair gehandelt, Spende an Lynchs Stiftung, angeblich für Filmstudenten.

Crazy Clown Time heißt das Album, in bester Lynch-Manier: Der Zirkuspossenreißer hat im Horrorgenre spätestens seit Stephen Kings Es einen festen Platz. Der Clown Ronald McDonald, das Maskottchen der Fleischklopssemmelkette, ist ein Nationalsymbol der USA. Aber auch der mörderische Joker aus Batman ist ein irrer Clown.

Lynch singt nicht, das kann er gar nicht, er spricht, flüstert, fistelt, krächzt, raunt. Selbst dabei ist seine Stimme oft elektronisch verfremdet. Der Filmregisseur spielt zwar damit, in seinen Werken in Erscheinung zu treten – aber er denkt nicht daran, wirklich als er selbst im Rampenlicht zu stehen. Er trägt Maske und erzählt seine Geschichte durch Auslassungen: Warum nuschelt der Kerl in dem Song so? Hat ihm jemand eine reingehauen? Hat er es verdient?

Zwar spielt Crazy Clown Time auf Blues und Rock an, wahrt die Form des Popsongs. Schließlich hat Lynch 1987 Roy Orbisons Comeback-Best-Of-Neuaufnahmen koproduziert, für seine Soundtracks immer wieder klassische Songs ausgewählt und erst jüngst bei einem Webcast für Duran Duran Regie geführt. Aber das Album schert sich einen digitalen Dreck um das alte Rockideal emotionaler, direkter, einfacher Musik. Es ist ein Konstrukt, ein Elaborat, schichtverleimt aus Genre-Zitaten, Regieeinfällen, rätselhaften Texten und viel Hall. Der postmodernistische Verzicht auf narrative Struktur und erkennbaren Sinn gehört bei Lynch selbstverständlich zum Programm.

Langsam kommen die Songs voran, als schleppten sie sich mühsam durch düstere Flure zu groß geratener Häuser, zwischen Vorgartenzäunen hindurch zum Fußballfeld, dem Lynch ein Stück widmet. Wer hätte gedacht, dass es sich bei Football Game um eine unbeschwerte samstagnachmittägliche Fanhymne handeln könnte – niemand? Ist es auch nicht.

Textlich wie musikalisch bleibt es bei Andeutungen. Archaische Gitarren kommen zu Wort, erzählen ihre Geschichte aber nie zu Ende, Drums rumpeln ungelenk durch Kellerhall, E-Orgeln wallen. Wo elektronische Musik die Folie liefert, fehlen dem Tempo für Tanzflächeneignung etliche Beats pro Minute. Einmal, im Eröffnungsstück Pinky’s Dream, erklingt eine Frauenstimme – Karen O (Yeah Yeah Yeahs) –, sonst quält Lynch sich selbst und seine Zuhörer durch geheimnisvolle Zeilen von Nacht und Gewalt, von Einsamkeit und Obsession.

Und von den Segnungen transzendentaler Meditation, denen der epische Titel Strange and Unproductive Thinking gewidmet ist. Lynch ist ein Anhänger dieser Lehre, deren Vertreter “yogisches Fliegen” unterrichten, meistens gegen hohe Kursgebühren. Vielleicht muss man dieses Album ja verstehen wie einen der scheinbar sinnfreien Sprüche, mit denen Gurus ihre Adepten triezen. Man darf nicht Schicht um Schicht entblättern, bis wie bei einer Zwiebel nichts bleibt als Tränen. Sondern muss sich einfühlen, eindenken, einschwingen. Aber gesund für die Psyche kann das nicht sein.

“Crazy Clown Time” von David Lynch ist erschienen bei Pias/Rough Trade.

Kategorien: Ambient, Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    David soll Filme drehen und Musik anderen überlassen. Das klingt ales ziemlich grausam -.-

    • 9. November 2011 um 11:00 Uhr
    • 3cpo
  2. 2.

    @Redaktion: Ich habe hier Blue Bob von 2001 im Schrank stehen. Zählt das nicht als Album von David Lynch? (http://www.lynchnet.com/bluebob/)

    • 9. November 2011 um 12:28 Uhr
    • Chris
  3. 3.

    Also Pinky´s Dream gefällt mir schon mal. Wobei ich es komisch finde die Musik mit einem Musiker in Person von David Lynch zu verbinden. Weil ich mir vorstellen kann wie so ein Produkt entsteht. Musik ist viel mehr, als Bilder konzipieren, drehen oder machen und schneiden auf den kreativen Input und die Ideen der Mitmusiker (und des Toningenieurs) angewiesen. Klar kann man dann immer noch von “seiner Musik” “seinem Album” sprechen, weil er die Beiträge dirigiert, auswählt, in ihrem Charakter zusammenstellt und und. Der ganze Prozess ist aber bei Musik dermaßen automatisiert, durch Standards aller Art elektronisch, oder via Studiomusiker industrialisiert, dass jeder mit einem entsprechenden Aufwand an Zeit, Geld vor allem (und natürlich künstlerischem Empfinden) zu hörbaren Ergebnissen kommen wird. Popmusik, die auf diese Art und Weise entsteht hat viel von der Einzigartigkeit verloren, die Popmusik früher ausgemacht hat. Sie erzeugt sich bei den entsprechenden Bedingungen fast von allein. Der Autor ist nur noch die Matrix der künstlerisches “Erbgut” in diese Bedingungen projiziert. Trotzdem gilt natürlich: Ich mag David Lynch´s Filme sehr und dieser eine Track den ich gehört habe passt in der Tat zu seinen Bildern.

  4. 4.

    @Chris: BlueBob ist eine Koproduktion mit John Neff, der auch die Vocals beisteuert, also nicht so ganz ein Lynch-Album. Aber es stimmt schon: Auch früher hat Lynch Songs und Soundtrack-Zeugs veröffentlicht. Dieses Album wird jetzt gezielt als musikalisches Debut vermarktet – er wird sich was dabei denken.

    • 9. November 2011 um 14:00 Uhr
    • Volker Schmidt
  5. 5.

    wunderbar grausam.

    • 9. November 2011 um 14:27 Uhr
    • miomoi
  6. 6.

    Stephen King heißt er…

    • 9. November 2011 um 17:19 Uhr
    • agffm1
  7. 7.

    Danke sehr, agffm1, ist korrigiert.

    • 9. November 2011 um 17:30 Uhr
    • Rabea Weihser
  8. 8.

    Also ich finde die Musik großartig, wenn das für Sie in Ordnung geht.

    • 10. November 2011 um 10:00 Uhr
    • feed3r
  9. Kommentar zum Thema

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