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Das Blech erinnert sich

 

Marschkapelle in Miniaturformat: Ray Andersons Pocket Brass Band hat ihre eigene Sicht auf die Musikgeschichte der USA und meditiert über afroamerikanische Stilistiken.

© Jeanne Moutoussamy-Ashe

Eine Blaskapelle im Taschenformat: Einen passenderen Namen als Pocket Brass Band hätte Ray Anderson für sein Quartett nicht finden können. Der amerikanische Posaunist verdeutlicht damit seine in Interviews oft betont spirituelle Verbundenheit mit New Orleans. Denn in der „Crescent City“ am Mississippi-Delta gehören Brass Bands geradezu zum Stadtbild: bei den Umzügen am Mardi Gras, dem Karnevalsdienstag, ebenso wie bei Beerdigungsprozessionen und Paraden, wenn die Bläser und Percussionisten vor den Tänzern herlaufen und musizieren. Zugleich ist Anderson aber auch ein gestandener Avantgardist: Er hinterfragt mit seiner Musik die Verbundenheit und reflektiert die amerikanische Musikgeschichte.

2001 hat er seine Sweet Chicago Suite komponiert, doch erst neun Jahre später holte er den Trompeter Lew Soloff, den Sousafonisten Matt Perrine und den Schlagzeuger Bobby Previte ins Studio, um mit seiner Pocket Brass Band diese Suite aufzunehmen. Mit den sechs Sätzen, die Anderson in den Liner-Notes als „Klangpoeme“ beschreibt, verarbeitet er musikalisch die Jugend in seiner Heimatstadt Chicago. Die Jahre also, in denen er begann, Posaune zu lernen, den Avantgarde-Jazz ebenso für sich entdeckte wie Funk und Soul und über die von Reverend Jesse Jackson in Chicago gegründete Organisation PUSH politisch sozialisiert wurde.

Für die Pocket Brass Band ist Andersons Sweet Chicago Suite keine Programmmusik. Die vier Musiker meditieren darin eher über die verschiedenen stilistischen Ausprägungen afroamerikanischer (Pop-)Musik. Sei es, dass Perrines schwerfälliges, laid-back phrasiertes Spiel auf dem Sousafon zusammen mit dem auf den Beat getrommelten Grooves von Previte auf dem Schlagzeug den Funk eines James Brown aus den Angeln heben oder dass die „quasi“ unisono gespielten, mikrotonalen Unschärfen, die durch die Obertöne von Posaune und Trompete entstehen, Andersons Themen geradezu anspitzen und zum Swingen bringen: Stets legt das Quartett seine eigene Sicht auf die Musikgeschichte Amerikas offen – gleichermaßen augenzwinkernd wie ernsthaft. Denn auch das macht Ray Andersons Pocket Brass Band deutlich: Eine großartige Musikperformance geht in den USA oft einher mit großer Unterhaltungkunst.

„Sweet Chicago Suite“ von der Ray Anderson Pocket Brass Band ist erschienen bei Intuition Records/Challenge.

Aus der ZEIT Nr. 12/2012