Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Geflügelter König der Spinner

Von 31. August 2012 um 10:21 Uhr

Ja, ja, ja, ja, Chilly Gonzales ist der Größte! Acht Jahre nach seinem prägendem Album “Solo Piano” greift das selbsternannte Musikgenie die Form der Klavierminiatur wieder auf.

© Alexander Isard

Was für ein Typ. Produziert Grammy-Alben für Feist, arbeitet mit Peaches und Mocky, schreibt einen Soundtrack für einen Apple-Spot und Klaviersätze für Daft Punk. Bricht den Guinness-Weltrekord im Solo-Dauerkonzertieren mit mehr als 27 Stunden auf der Bühne, liefert sich Klavierduelle mit Andrew W. K. und Helge Schneider. Rappt seltsame Texte zu Elektrobeats und manchmal Sinfonieorchesterbegleitung. Und hat jetzt sein zweites Album mit reinen Klavierstücken vorgelegt, schlicht Solo Piano II betitelt.

Jason Charles Beck heißt der Mann, kommt aus Kanada, ist aber in den Neunzigern nach Berlin gezogen, weil er sich in Europa ein aufnahmefreudigeres Publikum für seine schrägen Sachen erhoffte und auch fand, und lebt derzeit in Paris. Meistens nennt er sich Chilly Gonzales.

Klavier also. Kein Saloongeklimper oder Boogiegewoogie, sondern Abteilung Bechstein, Bösendorfer, Steinway und Co. Elfenbein, Ebenholz und die Finger eines 40-Jährigen, der in Montreal klassisches Klavier studiert und mal als Jazzpianist angefangen hat, bevor der Pop ihn holte.

Aber auch keine selbstverliebten Keith-Jarrett-Monumentalmeditationen. 14 Miniaturen mit Titeln wie Wintermezzo, Epigram in E oder Nero’s Nocturne. Aufgenommen an zehn Dezembertagen in Paris. Teils vertrackt, meist humorvoll, spielerisch und doch tiefsinnig. Es ist, als wäre Erik Satie ins 21. Jahrhundert gereist, hätte bei Philip Glass und Steve Reich mal kurz vorbeigeschaut, sich aber rasch gelangweilt und in die nächste Jazzkellerkneipe verzogen.

Dann lieh sich Chilly Gonzales ein Klavier von John Cage, entfernte all die Fremdkörper zwischen den Saiten und sitzt nun vor der Tastatur wie ein manischer Bastler in seiner Werkstatt, umgeben von den Schrotthalden der Musikgeschichte, aus denen er sein Rohmaterial klaubt: Aus den Trümmern von Myriaden von Melodien – volkstümlichen, klassischen, popularmusikalischen – schraubt er seine Songs zusammen.

Einige Passagen passen in ihrer verträumten Klangfülle in das Musikzimmer eines Herrenhauses in Québec mit grandiosem Landschaftsblick, andere entführen in intimere Stimmungen wie die melancholischen Repetitionen in Othello. Die Tonleitern in Escher plätschern wie die Wasserfälle in einem der unmöglichen Bilder des gleichnamigen Grafikers. Elegien wie Minor Fantasy und Redeaux Lunaires setzen Ruhepunkte.

Wenn Gonzales mit seinem Programm Piano Talk Show als musikkabarettistischer Dampfplauderer auftritt, bezeichnet er sich als gequältes, größenwahnsinniges musikalisches Genie. Dem ZEITmagazin sagte er, man könne “ehrgeizig und gleichzeitig künstlerisch kompromisslos sein”. Das mag stimmen: Gonzales’ erste Sammlung von Soloklavier-Stücken von 2004 ist sein bislang erfolgreichstes Album. Es gibt einen Markt für Spinnereien.

Aber Gonzales will nicht einfach den Leuten geben, was sie wollen, sagt er der Zeitung Scotsman: “Dann wirst du ein zynischer Musiker. Aber als Purist bist du auch zum Scheitern verdammt. Also ist die Zwischenlösung, du gibst den Leuten etwas, von dem sie nicht wussten, dass sie es wollten.” Unterm Strich, sagt er, stehe dies: “Ich will ein Mensch meiner Zeit sein.” Und das in der instrumentalen Königsklasse, am Flügel – kein schlechter Anspruch.

“Solo Piano II” von Chilly Gonzales erscheint bei Gentel Threat/Indigo.

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das vimeo Video sagt bei mir:

    There was an error encountered while loading this video.

    • 31. August 2012 um 10:58 Uhr
    • Reindeer
  2. 2.

    Hoch lebe der König!

  3. 3.

    Naja,… ich spiele selbst Klavier und nehme in Komposition Unterricht (bin aber grottenschlecht im letzterem:)) … ich finde sein geklimper totlangweilig, es klingt eher nach Übungen für Improvisation ohne eine Idee zu haben was er ausdrücken will. Und das als studierter Pianist? Warum widmet man dem Kerl hier schon den 2ten Artikel und lobt ihn hoch wenn schon im Artikel selbst beschrieben steht das er sich selbst als Genie kürt (wovon so ziemlich garnichts zeugt)? Wenn es um Publikumsnahe Musik geht wärt ihr mit einem Artikel über die “PianoGuys” (siehe Youtube) besser aufgehoben, oder ihr stellt einfach ein paar echte Komponisten vor ohne dieses Pseudo-herumgetue drumherum

    • 31. August 2012 um 14:28 Uhr
    • Martyyy
  4. 4.

    Der Klang dieses Klaviers ist garantiert nicht aus der Abteilung Steinway und Co. Gonzales spielt bewusst auf einem höchst mittelmässigen normalen Pianino. Nur weil einer mal nicht elektronisch unterstützt spielt, ist das noch lange kein Konzertflügel. Die beiden hier gespielten Stücke sind… naja, ich würde sie meine Schüler gerne mal spielen lassen. Der eine oder andere etwas begabtere Musikschüler könnte sowas aber auch selbst komponieren. Ein Genie ist Gonzales nicht, allenfalls ein Marketinggenie.

    • 31. August 2012 um 22:22 Uhr
    • Rabe72
  5. 5.

    wunderbar! für wahr, ein genialer musiker. der vergleich mit erik satie
    ist sehr treffend.

    • 1. September 2012 um 20:58 Uhr
    • frillinx
  6. 6.

    Ein empfehlenswertes und aktuelles Konzert vom rappenden Pianisten:

    http://liveweb.arte.tv/fr/video/Salons_de_Musique_Chilly_Gonzales_Vincent_Segal_Palais_de_Tokyo/

    Ich freue mich auf seinen Besuch in der Kölner Philharmonie im Dezember diesen Jahres.

  7. 7.

    nix neues. es war wohl schon immer das schicksal herausragender musiker auf ignoranten und besserwissen zu treffen.

    • 7. September 2012 um 07:59 Uhr
    • ismus
  8. 8.

    Es macht Spass, das Genie zu sehen und zu hören.

    Das einige Dumpfdeutsche hier sofort auf Qualität und Seriösität pochen, zeigt die ganze verbitterte Lustlosigkeit in diesem Land.

    • 7. September 2012 um 13:36 Uhr
    • Genies unter sich
  9. Kommentar zum Thema

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