Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Sabberpop von jungen Rentnern

Von 14. September 2012 um 08:10 Uhr

Finger weg vom neuen Killers-Album! Es sei denn, Sie haben auf eine Platte gewartet, die das Schlimmste von Chris de Burgh, U2, Bryan Adams, Smokey und Foreigner vereint.

© Williams & Hirakawa

Es ist schwer zu sagen, was schlimmer ist: Chris de Burgh zu sein oder wie Chris de Burgh zu klingen. Ersteres ist noch als biologistische Zwangsläufigkeit zu entschuldigen, womöglich genetisch bedingt; man kommt ja am Ende doch nicht aus seiner Haut. Letzteres dagegen muss aus musikästhetischer Sicht besonders für Fans der US-amerikanischen Stadionrockband The Killers eine Kampfansage gegen den guten Geschmack sein. Ein Affront.

Schließlich haben sie ihr neues Album mit Battle Born betitelt, und das klingt so erbarmungswürdig nach dem irischen Minnesänger mit der Burg im Namen, dass man nach jedem der 13 Stücke eine Coverversion von Lady in Red erwartet. Viel aggressiver kann man seinen Hörern also kaum mitteilen, dass die Zeiten hinnehmbaren Mainstreamsounds offenbar vorbei sind. Dass nun das Alterswerk einsetzt. Dass man sich fortan bitte hinsetzen möge beim Zuhören, den Rollator beiseite stellen und das Dekubituskissen richten. Es wird schlageresk.

Denn wer durch den klebrigen Sabberpop The Way It Was tatsächlich dösige Smokey-Keyboards suppen hört oder im Anschluss Bryan-Adams-Gitarren über Here With Me; wer angesichts von A Matter Of Time die Hooters doch für vergleichsweise independent hält und nach dem öden Deadlines and Commitments selbst die späten U2 für leidlich alternativ; wer also Brandon Flowers zusehends verseifende Schmuserockstimme erduldet und all die stromlinienförmigen Orgeln, Soli und Choräle seiner drei Mittäter Ronni Vannucci, Dave Keuning, Mark Stoermer im Bombast versinken hört – der sehnt sich zurück nach den Anfängen der Killers (Lipsync-Video von Mr Brightside).

Als ihre brillante Pophymne Mr. Brightside vom Debütalbum 2004 den Beweis erbrachte, die achtziger Jahre könnten in den Nullern durchaus eine Aufwertung erfahren. Oder als die Fortsetzung Sam’s Town wenigstens noch ab und an schepperte, was auch im vorerst letzten Studioalbum Day & Age noch zuweilen der Fall war. Auf Battle Born scheppert gar nix. Und das, obwohl sich die vier Jungs aus der Glitzerstadt Las Vegas vier Jahre Zeit gelassen haben mit ihrer neuen Platte.

Aber das Schlimmste: Wen juckt das schon? Wenn die Killers damit die Multifunktionshallen zwischen Nordkap und Kap Hoorn füllen, werden die Feuerzeuge glühen wie Millionen Klatschhände in rhythmischer Glückseligkeit. Berechenbare Rockpopschemata wie die mitgröltaugliche Singleauskopplung Runaways (nicht – oder doch? – zu verwechseln mit de Burghs Getaway) funktionieren nun mal durch das Prinzip Effektüberladung der Massen, in Fachkreisen auch Adult Oriented Rock genannt.

Da gibt es keine Pausen, keine Leerstellen, nur Instrumente über, unter, neben allem, was klanglich die Kleinkunst redundanter Emphase betreibt. So vernebelt man seinem Publikum die Wahrnehmung, dass das alles schon tausendmal da war. Nur: Foreigner haben zum Glück die Bühne verlassen und Coldplay am Ende ja doch etwas bessere Musik auf Lager. In dem Spannungsfeld mühen sich The Killers offenbar, mit eben 30 so alt zu wirken, wie ihre Eltern nie werden wollten. Das immerhin haben sie geschafft.

“Battle Born” von The Killers ist erschienen bei Universal.

Kategorien: Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Biologostisch? Ernsthaft….

    • 14. September 2012 um 09:04 Uhr
    • Seb
  2. 2.

    Liebe/r Seb,
    ach bitte – biologistisch ist hier Teil der Polemik gegen ein Album, das polemisch Prügel verdient. Dennoch kommt der Biologismus im Text nicht aus den Tiefen der Beliebigkeit; die soziokulturelle Bedeutung Chris de Burghs so zu erklären, heißt: der kann nicht anders, der ist so, aber die Killers? Die könnten, wenn sie wollten. A propos: gibt’s noch was übers Thema des Textes zu sagen?

    Fragt freundlich,
    der Autor

    • 14. September 2012 um 10:12 Uhr
    • Jan Freitag
  3. 3.

    mir gefällts.

    • 14. September 2012 um 10:35 Uhr
    • steve
  4. 4.

    Endlich mal wieder ein anständiger Verriss – ich dachte, das sei langsam eine aussterbende Kunstform. Und “adult oriented rock” ist genau das Schmähwort, das ich für die Sorte Bands immer gesucht habe, die ihren Namen für VW – Sondermodelle hergeben.Natürlich könnte man als weitere Gewohnheitstäter noch Bon Jovi, die Rolling Stones und sonstige Nasen anführen, aber da findet man ja kein Ende (The Eagles?)! Danke, war ein schöner Pausenfüller…

    • 14. September 2012 um 10:37 Uhr
    • maasattacks
  5. 5.

    Der erste Absatz rettet gerade meinen Tag, danke Herr Freitag.

    • 14. September 2012 um 11:03 Uhr
    • SteBo
  6. 6.

    Ich habe die Platte nicht gehört – aber es ist sehr unterhaltsam mal wieder so einen richtig saftigen Verriss zu lesen ;-)

    …Muss auch ab und an mal sein!

    • 14. September 2012 um 11:19 Uhr
    • Lupo1977
  7. 7.

    Jan,

    die Killers sind seit Mr. Brightside eine meiner absoluten Lieblingsbands, ich kenne jeden B-Seite- oder noch so kitschigen Christmas-Titel. Dass die Tracks des neuen Albums ihre jugendliche Rohheit von früher eingebüßt haben, ist nicht zu bestreiten. Aber aus dieser Enttäuschung heraus so einen Verriss zu schreiben, warum? Was hast du in Anbetracht der Entwicklung hinsichtlich der Studioalben denn erwartet? Battle Born (übrigens der Nickname Nevadas) bietet Brandons unvergleichliche, hervorragend in Szene gesetzte Stimme und bombastische sowie auch stille Rockpop-Balladen erster Güte. Ich habe nicht mehr erwartet und bin daher auch absolut zufrieden mit dem Werk. Es passt einfach in ihr Gesamtwerk.

    Cheers

    • 14. September 2012 um 11:29 Uhr
    • Mo
  8. 8.

    Herr Freitag,
    vielen Dank für die Warnung. Ich hatte zwar noch nie ein besonderes Interesse an der Musik von The Killers. Nach dem Hörbeispiel: “Runaways” bekomme ich allerdings die furchtbare Ahnung, dass es bei Chris de Burgh und U2 wahrscheinlich sogar mehr scheppert als bei den “The Killers” von heute. Aber ihren Veriss habe ich gerne gelesen. Mehr davon!

    • 14. September 2012 um 11:31 Uhr
    • aljja
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)