Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Zwei mit dem Willen zur Merkwürdigkeit

Von 5. November 2012 um 08:56 Uhr

Aus dem Herzen des Stuttgarter Spießbürgersinns kommt ein Herzensduo, das den alten Songwriterpop doch irgendwie neu klingen lässt: Sea + Air, sehr gediegen!

© Tim Dobrovolny

Zerbrechlichkeit ist die neue Härte, Angriffsfläche der neue Panzer, Sensibilität ist das neue Ding. Singer-Songwriter, Neofolkbands und moderne Chansonniers wetteifern allerorten um die Stärke von Empfindung, Tiefgang, Melancholie in ihrem inneren Kind. Lange Zauselbärte und Omas Kittelhemdblusen sind dabei längst kein Ausdruck mehr von kerniger Schlamperei oder rührigem Spießbürgersinn, sondern Statements der Schönheitsverweigerung nach tradierten Schönheitskriterien. Denn überhaupt: Die Schönheit! Wer sie noch immer über die Norm wohlgeformter Katalogästhetik definiert, muss sich in Kreuzberg wohl die Augen zuhalten.

Thom Yorke trägt das Singersongwriterneofolkchansongenom stets im inneren wie äußeren Kind und klingt dabei bis heute schwer nach Requiem. Da ist es kein Wunder, wenn der wachshäutige Radiohead-Sänger den Musikempathen nachfolgender Generationen als Vorbild dient. Anders lässt es sich kaum erklären, dass Daniel Benjamin und seine Frau Eleni nach fast 1.000 Konzerten in aller Welt auf vielen Stücken ihres lang ersehnten Debütalbums an Thom Yorke erinnern. So ein Vergleich könnte nun despektierlich gemeint sein, wie ein Vorwurf des Plagiats von einer der bedeutendsten Popbands überhaupt. Das ist er nicht. Im Gegenteil.

Denn Sea + Air, angeblich ein echtes Ehepaar aus dem Herzen rührigen Spießbürgersinns (Stuttgart), offenbaren uns auf ihrer epischen Platte My Heart’s Sick Chord die traumwandlerischste Musik seit der Quintessenz melancholisch empfindsamen Tiefgangs namens OK Computer, Radioheads Durchbruch zur Superband 1997. Dass dieses deutsche Duo allerdings nicht in Ehrfurcht erstarrt, dass es trotz aller Avancen eigen klingt und besonders, liegt am unbedingten Willen zur Merkwürdigkeit. Womit wir wieder bei der Schönheit wären.

Sea + Air schreiben sich nicht nur maniriert, doch keinesfalls aufdringlich SEΛ + ΛIR, sie pflegen auch sonst den Gestus des unauffälligen Posings, einer zauberhaften Art subkutaner Oberflächenliebe. Davon zeugt nicht allein ihr Dresscode spröder Prokuristenbekleidung, auch nicht ihre dictionaryenglisch verschrobenen Texte oder der im Konzert zelebrierte Multiinstrumentalismus, sondern mehr noch ein Cembalo, das viele der 13 schwermütig tänzelnden Lieder durchspinnt und ihnen sehr bewusst eine barocke Note verleiht.

Sea + Airs artifizielle Mixtur lässt als Tour-Support von Whitney Houston oder den White Stripes schon mal ganze Arenen in Ehrfurcht erstarren und dient Filmen von Michael Verhoeven als Soundtrack. Sie schwelgt in elegischen Falsettflächen wie Take Me For a Ride zum Auftakt, die radiotaugliche Singleauskopplung Do Animals Cry in der Mitte und eine entrückte Mollballade namens 1st Life am Ende gleichermaßen. Vor allem aber hilft sie dem Hörer, sich all der Möglichkeiten gediegener Popmusik aufs Neue bewusst zu werden. Sea + Air, pardon: SEΛ + ΛIR sind darin nicht nur das Grazilste seit Radioheads Anfangstagen, sie bleiben ganz sie selbst. Und ausgesprochen wunderbar.

“My Heart’s Sick Chord” von SEΛ + ΛIR ist erschienen bei RAR/Motor Entertainment.

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sehr gutes Album. Habe ich sogar schon mal live gesehen und freue mich dass die hier auftauchen. Aber warum immer dieses lahme Stuttgart-Bashing? Als ob der Rest von Deutschland ausschließlich von Nonkonformisten bevölkert ist.

    • 5. November 2012 um 10:00 Uhr
    • Niko
  2. 2.

    Eine ganz hervorragende Band! Habe das Album schon länger und kann es nur empfehlen!

    • 18. November 2012 um 13:02 Uhr
    • www.54books.de
  3. 3.

    Thom Yorke? Null. Absolut nicht. Gut geschriebene Review, aber den Vergleich kann ich nicht im geringsten nachempfinden. Und ich mag Thom Yorke nicht einmal.

    • 25. Dezember 2012 um 02:45 Uhr
    • Walter Whiteheart
  4. 4.

    Schön, dass diese wunderbare Band endlich etwas mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht! Nur den Vergleich zu Thom Yorke kann ich ehrlich gesagt überhaupt nicht nachvollziehen – weder textlich noch musikalisch. Und das Stuttgart-Bashing ist nun wirklich ein toter Hund, da wünscht man sich dann doch mal etwas mehr Kreativität und Aufgeschlossenheit von den Schreibern.

    • 2. Februar 2013 um 10:36 Uhr
    • Matthias
  5. 5.

    Mir gefällt die Band vor allem deswegen, weil die Musik “handgemacht” ist. Das fehlt mir im Text. Ein Konzertbesuch lohnt sich auf jeden Fall, weil die Platte durch die Produktion den Live-Charme notwendigerweise verliert. Ich habe hier ein paar Zeilen über die Band geschrieben:
    http://ronald-pabst.com/2013/03/07/sea-and-air-handgemachte-musik-die-schranke-fullt/

    • 26. März 2013 um 09:47 Uhr
    • Ronald Pabst
  6. Kommentar zum Thema

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