Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Technometropole Brunsbüttel

Von 7. November 2012 um 08:39 Uhr

Fraktus waren die Väter der deutschen Technokultur! Weil das niemand mehr weiß, erinnert Studio Braun in einem neuen Kinofilm samt Soundtrack an das Trio aus Norddeutschland.

© Staatsakt

Detroit kann einpacken. Galt die dröge Autostadt bisher als Geburtsort von Techno, muss nun radikal umgedacht werden. Ab sofort pilgern wir nach Brunsbüttel. Dort gründen Dirk “Dickie” Schubert, Bernd Wand und Torsten Bage Anfang der achthiger Jahre die Elektro-Pop-Band FRAKTUS. Sie sind mittelmäßig erfolgreich, aber wegweisend. Seit 1983 gilt die Band als verschollen.

Noch nie gehört? Macht nichts. Eigentlich gibt es FRAKTUS gar nicht. Die Band ist eine Erfindung des Hamburger Humor-Trios Studio Braun. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger sind die Titelhelden der fiktionalen Musik-Doku FRAKTUS – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte, die nun in die Kinos kommt. FRAKTUS, das sind die Spinal Tap des Techno.

Die Story in Kürze: Der windige Musikproduzent Roger Dettner (schön eklig: Devid Striesow) macht sich auf die Suche nach dem zerstrittenen Techno-Trio, um es wieder ins Studio zu bringen. Seit ihrer Trennung fristen die FRAKTUS-Männer als schluffiger Internetcafé-Betreiber (Schubert), hypochondrischer Klangfrickler im elterlichen Wohnzimmer (Wand) und tätowierter Ibiza-Proll (Bage) ihr Dasein. Es kommt, wie es kommen muss: Man rauft sich irgendwie wieder zusammen (das Geld!), kriegt aber nix auf die Reihe und steuert gemeinsam ins Chaos.

Der Film beginnt sensationell: Regisseur Lars Jessen erzählt anhand liebevoller Details den Aufstieg und Fall von FRAKTUS. Von den zusammengetackerten Plattencovern über Gaga-Songtitel (LSD=ESEL) bis hin zu authentisch verwackelten Konzertaufnahmen wird die NDW-Ästhetik der achtziger Jahre perfekt nachgestellt. Prominente Szenegrößen wie Jan Delay, Stephan Remmler, Dieter Meier oder Blixa Bargeld berichten mit ernsten Gesichtern über den Einfluss von FRAKTUS. Westbam klaute sich von ihnen die Ravesignale, und Scooter hätte es ohne FRAKTUS erst gar nicht gegeben.

Leider verliert der Film trotz großer Momente (die fast alle dem von Schamoni mit Steckgebiss und tragischer Würde gespieltem Loser Dickie Schubert zu verdanken sind, recht bald an Schwung. Offenbar haben sich Studio Braun bei der Ideenfindung für Charaktere und Design derart verausgabt, das es für 90 Minuten nicht mehr ganz gereicht hat. Es zieht sich.

Was im Film also nicht so richtig hinhaut, funktioniert auf Platte immer noch wunderbar. Denn selbstverständlich erscheint zum Filmstart eine angemessene Millennium Edition, die größten Hits von FRAKTUS, neu abgemischt und mit rarem Bonus-Material. Eine schöne Parodie auf den Verkaufssprech der Musikindustrie mit all ihren Sondereditionen und Wiederveröffentlichungen.

Schamoni, Strunk und Palminger lassen FRAKTUS zwischen Billigtechno, Elektropop und schiefem NDW-Kitsch herumspielen. Dauerhaft anhörbar ist das alles nicht, aber als spaßiges Beiwerk zum Film reicht es allemal. Auf allen 13 Stücken gedeiht der gewohnt psychedelische Humor Studio Brauns mit seinem sinnfreien und assoziativen Witzpotential. Besonders schön tobt es auf dem krawalligen Kleidersammlung, der Hit-Single Affe Sucht Liebe (“O-oee-o!”) sowie Palmingers genial minimalistischen Solo-Nummern Jagd den Fuchs und Mann.

Mit ihren Telefonspäßen, erfolgreichen Theaterstücken und Bühnenauftritten haben sich Studio Braun längst ihr eigenes Humorrezept erarbeitet, dessen Zutaten schnell erkennbar sind. Da wird es schwer, das FRAKTUS-Konzept, welches Authentizität ja zumindest vortäuschen soll, durchzuhalten. Man hört eben immer eine Studio-Braun-Platte. Da hilft auch kein herrlich gesichtsloser Eurodance-Remix von Alex Christensen.

Das beste Stück auf Millennium Edition ist ein ganz ernsthaftes Duett: Computerliebe ist der herzzerreißend elektronische Klammerblues, den Kraftwerk nie schreiben durften. In Kürze sind FRAKTUS mit ihrem Programm auf der Bühne zu sehen. Am Ende ist es eben doch wieder alles Theater.

“Millenium Edition” von FRAKTUS ist erschienen bei Staatsakt. Der Film “FRAKTUS – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte” von Lars Jessen läuft ab dem 8. November 2012 in den Kinos.

Kategorien: Pop, Techno
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich freue mich schon auf den Film, der die Musikindustrie auf die Schippe nimmt!

    Die Werke von Studio Braun (ich muss, sozusagen als Fan, auch die herrlichen Sozialstudien von Heinz Strunk “Fleisch ist mein Gemüse”, “Fleckenteufel” etc. hervorheben, ohne das Trio zu schmälern..) sind ironisch, zuweilen abstrus und eine willkommene Alternative zu Pöbel-Gags alá M. Barth oder cineastischen “Meilensteinen” eines Till Schwieger…
    Ob der Film dann mal an Fahrt verliert ist für mich eher nebensächlich, und auch die Platte ist ja mehr Gag als ernsthaft zu besprechendes Material für den Feuilleton, auch wenn sicher der ein oder andere Song bei Partys ein Hit werden könnte, analog zu der Musik eines Alexander Marcus.. ;-)

    An dieser Stelle möchte ich geneigten Lesern gerne noch den Film “Immer nie am Meer” mit H. Strunk für einen herbstlichen Filmabend empfehlen.

    http://www.youtube.com/watch?v=ljJkqRjdHW4

    Und Studio Braun:
    http://www.youtube.com/watch?v=nomge6wP6KE&feature=related

    • 7. November 2012 um 11:26 Uhr
    • studentD
  2. 2.

    Wunderbar. Neue Deutsche Welle at it’s best.

    Die Fraktus-Playlist mit dem Kinotrailer und vier ungekürzte Tracks auf YouTube:
    http://www.youtube.com/playlist?list=PLFflfzO9JOWDPze5edWoXCvDBkB2Ekfld&feature=plcp

    Die Neue Deutsche Welle-Hohlheit in ihrer ganzen wunderschön elektronifizierten Pracht. Nur die Sounds sind heute viel, viel besser.

  3. 3.

    Die Grundidee ist von der Fuzzomentary der Truckfighters abgekupfert. Nichts Neues also…

    • 7. November 2012 um 13:16 Uhr
    • Schmitti
  4. 4.

    Ich habe gestern den Film gesehen und bin begeistert. Klar hat er ein paar kleine Längen, aber welcher Film hat das nicht…

    • 7. November 2012 um 16:06 Uhr
    • Gringo
  5. 5.

    Keinen Cent für Medienmüll !

    • 8. November 2012 um 15:17 Uhr
    • Didi Gruber
  6. 6.

    Technometropole Brunsbüttel. Eine dithmarscher Kleinstadt.

    Internet und Croques im Rössel, Vodka Red Bull auf der Süd Seite, Baggys und Schuhe im Skaterladen, Pop und Charts im Moustaché und Sweet Home Alabama im Kino. Der Chinese und der Grieche sind lecker und der Dönermann schmeckt auch. Das Fitnessstudio hat bis 22.00 Uhr geöffnet, es gibt ein riesiges Einkaufszentrum, das Osterfeuer am Pferdestall und der längste Flohmarkt der Welt in der Koogstr. findet einmal im Jahr statt.

    Aber es gibt kaum Arbeit und innerhalb von einigen Jahren kennt man die Stadt und die Umgebung. Die Menschen leben dort schon sehr lange und sind Fremden selten unbedarft gegenüber.

    Techno hat vielen Freude bereitet, gut das lustige Filme darüber gedreht werden.

    • 6. März 2014 um 15:41 Uhr
    • Sangaran
  7. Kommentar zum Thema

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