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Südafrikas Dylan, größer als Elvis

Von 12. November 2012 um 11:53 Uhr

Er war der Prototyp des heutigen Internetstars – zu einer Zeit, als es das Internet noch gar nicht gab: Der heute zu Unrecht verkannte Songwriter “Sugar Man” Rodriguez ist lebendig wie nie.

© Rodriguez/Legacy

Sixto Diaz Rodriguez lebt. Wer? Na, der Musiker, den sie in Südafrika seit den siebziger Jahren als Missing Link zwischen Dylan und Donovan, als Paul Simon und Art Garfunkel in Personalunion, als größer als Elvis verehren. Nie gehört? Kein Wunder: Rodriguez war ja auch tot. Dachten jedenfalls seine Fans.

Die Saga um den 1942 in Detroit geborenen Sohn mexikanischer Einwanderer ist ein Popmärchen aus der Vor-Internet-Ära. Sie beginnt in den Sechzigern, als Talentscouts in der Motown-Metropole den Kneipenklampfer entdecken und ein Album aufnehmen lassen. Cold Fact heißt es, erscheint 1970 und löst eine Welle des Desinteresses aus.

“Wir verkauften in den USA sechs Platten”, erinnert sich der Chef seiner damaligen Plattenfirma im Dokumentarfilm Searching For Sugar Man, der die tragische Karriere des Barden beschreibt. Dem Nachfolgealbum Coming From Reality geht es nicht besser. Die Plattenfirma wirft Rodriguez hinaus.

Hier wäre eine austauschbare Geschichte zu Ende – hätte es nicht das Apartheid-Regime gegeben. Am Kap wird der Singer-Songwriter zum Superstar in Abwesenheit. Seine Platten geraten in die Bootleg-Subkultur, werden illegal kopiert, getauscht, im Radio gespielt, auf Kassetten aufgenommen, auf Flohmärkten verkauft. Eigentlich ist der Sugar Man, wie Rodriguez nach einem seiner Songtitel auch genannt wird, der Prototyp des Internetstars, der über Blogs und Download-Sites berühmt wird – nur, dass es das Internet noch gar nicht gibt.

Mit Google wäre auch nicht passiert, was dann folgt: Südafrika ist wegen des Kulturboykotts und der Repressalien des Regimes vom Rest der Welt abgeschottet. Dass von Rodriguez keine neue Musik mehr kommt, müssen sich seine Fans aber irgendwie erklären. So basteln sie sich Mythen: Auf offener Bühne erschossen soll er sich haben, bei einem Unfall verbrannt oder standesgemäß an einer Überdosis gestorben sein.

Der echte Rodriguez bekommt von all dem Ruhm nichts mit, weiß nicht, dass er in Südafrika Millionen von Fans hat. Auch finanziell bringt es ihm nichts. Er arbeitet auf Baustellen, studiert nebenher Philosophie, bekommt drei Töchter. Aber in Südafrika, Simbabwe, Neuseeland und Australien wird seine Musik immer noch im Radio gespielt.

1991 erscheinen Rodriguez’ Alben in Südafrika auf CD, erneuern seinen Ruhm. Inzwischen gibt es das Internet. Ein paar Fans am Kap widmen ihm eine Website – auf die seine älteste Tochter 1998 stößt. Noch im selben Jahr geht er dort auf Tour. Auch nach Australien reist er bald wieder.

Jetzt macht ihn der Stockholmer Filmemacher Malik Bendjelloul mit seinem Dokumentarfilm Searching For Sugar Man auch anderswo bekannt. Ein paar Preise in den USA hat er schon gewonnen. In Deutschland läuft er in der Woche nach Weihnachten an.

Den Soundtrack gibt es schon. Und der macht klar: Dass Rodriguez in weiten Teilen der Welt völlig unbekannt geblieben ist, hat er nicht verdient. Er war seiner Zeit voraus, als er zum dylanesken Gitarren-Songwriting Funk- und Soul-Elemente, psychedelische Geräuschorgien und süße bis schräge Streicher packte. Manches klingt in den 2010er-Jahren trotzdem museal, vieles aber auch auf der Höhe der Zeit von Anti-Post-Neo-Folk. Und die mit damals strahlender, heute angerauter Stimme gesungenen Texte über Drogen, kurz vor Weihnachten arbeitslos Gewordene und neureiche Cocktailtrinker verwittern wahrscheinlich nie.

“OST – Searching For Sugar Man” ist erschienen bei Legacy/Sony Music.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Sugar Man wurde 2008 oder 2009 mal auf Byte.fm vorgestellt und ist hängen geblieben. Soviel zum Thema “nie gehört”.

    • 12. November 2012 um 17:22 Uhr
    • phlex
  2. 2.

    Sixto Rodriguez: Der Mann, der nicht weiß, dass er berühmt ist

    http://goo.gl/U4PCd

    wie ein märchen….

    • 12. November 2012 um 18:18 Uhr
    • stradlin
  3. 3.

    Man sieht wieder, dass die gute Tat auch Böses bewirken kann. Gegenüber den Repressalien des Regimes hätte Offenheit dem Einzelnen vielleicht mehr geholfen. Aber damals gabs nur das Entweder Oder. Das Internet hilft jedenfalls diese unselige Haltung abzubauen.

    • 13. November 2012 um 09:35 Uhr
    • TDU
  4. 4.

    Ein bisschen wie die tragisch/schönen Geschichten der schwarzen Bluesmusiker, die Ende der 1920er Jahre manchmal nur ein oder zwei Aufnahmen machten, in der Vergessenheit versanken und dann in den 1950-1960ern als alte Männer berühmt wurden, darunter der unvergessliche Mississippi John Hurt.
    Ein großartiger Musiker – Rodriguez. Mit etwas Glück wäre sein Name schon damals in einem Atemzug mit Bob Dylan, Donovan, Cat Stevens und wie sie alle heißen genannt worden.
    Chapeau! Besser spät, als nie …

    • 27. Dezember 2012 um 17:53 Uhr
    • BBTurpin
  5. Kommentar zum Thema

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