Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Mit sattem Bass, versteht sich

Von 7. Dezember 2012 um 10:48 Uhr

Die Musiker der Menahan Street Band begleiteten einst Amy Winehouse. Sie bringen alles zusammen, was der Jazz dem Soul geschenkt hat. Und was sonst noch Wärme im Winter verspricht.

© Kisha Bari

Wo bleibt die musikalische Revolution? Jede Dekade der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatte eine. Rock’n’Roll, Punk, Hip-Hop. Wo ist der Aufbruch ins Unbekannte, der alles Dagewesene wegfegt? Die zweitausender Jahre lassen uns warten.

Im Kleinen aber tut sich was. Da ist die Menahan Street Band zum Beispiel. Sie entspringt einem Musikerkollektiv aus Brooklyn, das unter verschiedenen Namen von sich reden macht. Fünf der Menahan-Mitglieder begleiteten Amy Winehouse auf Back To Black zum Olymp. Als The Dap-Kings prägten sie einen modernen Klang der Rückbesinnung. Sie gaben dem Soul seine Wärme zurück. Außerdem produzierte der Menahan-Saxofonist Leon Michels Aloe Blaccs Welthit I Need A Dollar.

Das Album The Crossing wird kein Welthit. Hier wird noch nicht einmal gesungen. Aber man kann hören, wie prächtig sich Musik in unseren Tagen entwickelt. Nämlich keineswegs linear, es gibt kein Ausformulieren von Stilen bis zur nächsten Revolte. Vielmehr wird mit Versatzstücken jongliert.

Man traf sich, um Soulsänger zu begleiten. Genau wie früher! Mit Bläsersektion, Piano, Orgel und allem, was der Jazz dem Soul geschenkt hat. Doch was wäre das Machen von Musik heute ohne das Hören von Musik, ohne das Entdecken von Preziosen im Plattenladen. So findet auch die kleine Renaissance des äthiopischen Jazz (Mulatu Astatke!) in diesen Klängen ihren Platz.

Ein weiches Arbeiten der Bläser steht zirkulierenden Akkorden des Pianos gegenüber. Und nicht zuletzt geht es um Hip-Hop, dessen Samplingkünstler maßgeblich von Soul und Funk beeinflusst sind. Die Menahan Street Band aber ist eine Soul- und Funkband, die sich vom Hip-Hop nährt und somit gern wuchtig produziert. Mit sattem Bass, versteht sich.

Um all dies zusammenzuführen, bedarf es einer Idee. Vielleicht lautet diese so: Lasst einfach die Soli weg, und schon passt der Sound des Jazz zu den Schleifen des Hip-Hop. Und lasst alles Gehörte widerhallen, von den Sumpfgeistern der Südstaaten bis hin zu mexikanischen Trauerzügen – so entfachen die Töne ein Kino im Kopf, Cinematic Soul.

Anstrengend ist das alles nicht. Trotz aller Vielseitigkeit stellt sich keine Nervosität ein. Vielmehr klingen die aberwitzigen Verknüpfungen entspannt und organisch. Die Fragen kommen erst nach dem Ende der Vorstellung.

“The Crossing” von der Menahan Street Band ist als CD/LP und Download erschienen bei Dunham/Daptone.

Aus der ZEIT Nr. 49/2012

Kategorien: Funk, Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Meiner Meinung nach für die Beschallung von Fahrstühlen geeignet, wenn nicht noch eine Stimme auftaucht und selbst dann ist es bloß das aufgewärmte Essen von vorgestern aber keineswegs eine Neuerung, wie die Einleitung des Artikels suggerieren will. An dieser Musik ist nichts Neues, nur Revival. Und natürlich würde sich niemand für diese Band interessieren, wenn sie nicht im Schleppnetz eines großen Namen hängen würden.

    • 7. Dezember 2012 um 14:34 Uhr
    • Leotse
  2. 2.

    Dass nach Meinung mancher, oder noch besser vieler angeblicher Muskikfreunden immer etwas “Neues” kreiert werden muss, ist schon verwunderlich. Es gibt entweder gute oder schlechte Musik. Sollte diese besprochene Musik in Fahrstühlen zu hören sein, wäre nicht schlecht. Denn akustische Umweltverschmutzung gibt es zu genüge, vor allen Dingen bei der immer wieder aufkommenden “neuen Musik”.

    Nebenbei bemerkt, es gibt reichlich Bands, die gute bis sehr gute Musik machen, nicht im Schleppnetz eines “großen Namens” hängen (was auch immer das bedeuten soll), kaum einer der “vielen Musikfachleuten” kennt sie. Wie kommt das?

    • 7. Dezember 2012 um 17:58 Uhr
    • dacapo
  3. 3.

    Ach, ersten besser als als alles gesamp….und nett…..

  4. 4.

    Lieber Leotse, da bin ich aber ganz anderer Meinung.
    Die Menahan Street Band hat schon einen ganz eigenen Sound, den ich immer sofort erkenne. Diese Bläserlinien, Gitarren- und Orgelsounds (Farfisa) hört man nicht oft. Es gibt übrigens auch deutlich sperrigere und kantigere Songs als den hier vorgestellten.
    Die Band ist durchaus auch ohne Schleppnetz erfolgreich!
    Und ich bin der Meinung, dass Funk und Soul auch heute aktuell sind, ich erfreue mich auf jeden Fall gern an den Alben und Liveauftritten dieser Gruppe, und das schon seit Jahren.

    • 8. Dezember 2012 um 03:12 Uhr
    • @Leotse
  5. 5.

    Nach einer halben Minute nahm ich die Töne fast schon gar nicht mehr, bzw. bestenfalls als Shoping-Gedöns wahr.

    • 8. Dezember 2012 um 15:49 Uhr
    • Zack34
  6. 6.

    tut mir leid @leotse aber sie verstehen hier das konzept der band bzw. des albums nicht. das ziel hierbei ist sicherlich nicht die musikrevolution (was es auch nicht sein muss).es kommt hier ausschließlich auf die musik selber und die art und weise der produktion an. die band lässt sich von ihren einflüssen inspirieren und kreiert imnerhalb eines genre-spektrums ein album. es werden gängige konzepte des funk, soul und jazz verwendet, abgewandelt und angepasst, um etwas neues zu schaffen. ist das denn falsch? das album ist meiner meinung nach zwar keine meisterleistung geworden, aber ihm sollte dennoch der nötige respekt gezollt werden. es geht hier um die liebe zur musik, die man der band anmerkt. es ist eine moderne neuinterpretation von persönlichen einflüssen und eine hommage an das genre selber. nicht mehr und nicht weniger. dass sich niemand für die musik interessieren würde, wenn sich die band “nicht im schleppnetz eines großen namen” befände stimmt so auch nicht. vor 10 minuten wusste ich noch nicht einmal, dass das die band amy whinehouse begleitet hat. die truppe ist nämlich im kreise der funk und soul interessierten schon sehr lange bekannt und hat großen einfluss auf das genre. und dann frage ich mich noch wieso sie eine stimme vermissen? es gibt nun mal keine und es ist auch keine notwendig. mag sein, dass sich die lieder mit gesang besser verkaufen würden, aber darauf kommt es der band schlicht und einfach nicht an, was letztendlich ja ein schöner aspekt ist: es geht nur um die pure musik in reinform.

    • 8. Dezember 2012 um 20:32 Uhr
    • Jonas
  7. 7.

    wunderbar! Ein Album wie aus einem Guß – auch mit solis – , das einen ziemlich schnell gefangen nimmt. Das einzige, was – für mich – etwas ” strange ” klingt, ist, wenn die wawa-gitarre vor die Bläser gemixt wird.

    • 9. Dezember 2012 um 00:13 Uhr
    • frillinx
  8. 8.

    Na, mit Ihnen möchte ich nicht Fahrstuhl fahren!
    Die Platte ist fantastisch! Wunderschön arrangiert, ohne zu ausproduziert zu wirken und NATÜRLICH Bekanntes aufgreifend. Hat der Autor ja auch sehr schön beschrieben: Es ist die Entwicklung der zeitgenössischen, mit Hand und Herz gemachten Musik – kein Quantensprung.
    Muss es auch gar nicht sein und wer hier nach Vocals verlangt, dem empfehle ich den mehrfachen Durchlauf der gesamten Platte: Stimmung ja, Stimme nein und das ist gut so. Und was das vermeintliche Fahrwasser der Amy Winehouse betrifft: Mal deren erste Platte gehört?! Erst der Sound der Dap Kings, gepaart mit diesen spannenden Harmonien, die Mark Ronson Ihr auf den Leib schrieb, war der Durchbruch für die Sängerin!
    Und auch JayZ zum Beispiel interessierte sich bereits vor Jahren für die Band und verwendete “Make the road by Walking” für sein “Roc Boys” beinahe ungekürzt. Aloe Blacc, Sharon Jones und Charles Bradley lieben diesen Sound ebenfalls.
    Herzliche Grüße

    • 9. Dezember 2012 um 23:17 Uhr
    • hans
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)