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Ein Kauz verdient den Grammy

Von 1. Februar 2013 um 10:41 Uhr

Mark Oliver Everett musiziert seit 20 Jahren konsequent vorbei am Mainstream-Erfolg. Auch das neue Album seiner Eels wird ein wundervoller, glorreicher Flop.

© Cooperative

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Splitternackt werde er neben seinem Grammy Award schlafen, verkündet Mark Oliver Everett in einer aufgezeichneten Dankesrede, die er per Video vom Nordpol schickt. Der Kopf hinter der Band Eels, besser bekannt als E, kann kaum glauben, dass er nach gut 20 Jahren im Geschäft gleich acht der Trophäen erhalten soll: unter anderem für die beste internationale Folk-Metal-Ballade, den besten Rückwärtssalto auf einer Bühne und die meisten aufeinanderfolgenden kommerziellen Flops. Ein Scherz? Am 10. Februar, dem Abend der Verleihung, wissen wir zumindest darüber mehr.

Wäre das Musikgeschäft eine Folge der Simpsons, dann wäre E wohl Hausmeister Willie. Grummelig beobachtet der Kauz den Trubel aus der Distanz und geht unbeirrt seiner Arbeit nach, die darin besteht, ein geniales Album nach dem anderen herauszubringen. Oder er dreht eine preisgekrönte BBC-Doku über seinen Vater, den Begründer der Viele-Welten-Interpretation. Und als er vor fünf Jahren seine Autobiografie schreibt, kommt dabei große, weise Literatur heraus, die den Leser zum Lachen bringt und zu Tränen rührt.

Diese Spannbreite trifft auch auf die meisten seiner Platten zu, auf denen Selbstironie und Intimität stets nah beieinanderliegen. Album Nummer zehn ist keine Ausnahme und wirkt doch gelöst. E und seine Bandkollegen The Chet, Koool G Murder, P-Boo und Knuckles haben sich laut eigener Aussage völlig planlos im selbst gebauten Studio eingefunden und einfach losgelegt. E flüstert und jault, die Gitarrensaiten surren wie Hochspannungsleitungen und manchmal klingt es wie Tom Waits zu seinen besten Zeiten.

Fans der Eels müssen sich nicht zwischen dreckigem Lo-Fi-Rock und großem Gefühl entscheiden, die Herren aus L.A.s ultrahippem Viertel Silver Lake bedienen seit jeher beides. Im hinreißenden Accident Prone fügen sich Samtgitarren und zweistimmiger Gesang zu einem Song, den man ganz behutsam anhören möchte, so zerbrechlich wirkt er. Niemals aufgeben, nur nach vorne schauen: Dieses Motto zieht sich durch das ganze Album. “I’m hurting bad / And fighting mad“, singt E, “I’m not knocked out but I’m on the ropes“. Hinein mit dem Mundschutz und auf in die nächste Runde. Auch wenn E demnächst fünfzig wird: Einer muss es ja machen, nun, da sogar Rocky Balboa über Musicalbühnen tänzelt.

Zugegeben, so manchen Song glaubt man schon mal von der Band gehört zu haben – einer erinnert sehr an Little Bird – und ein echter Hit ist wohl wieder nicht dabei. Aber wer braucht den schon? Die Formel funktioniert: ruhige Nummern, in denen Everetts kehliger Gesang mit glockenklaren Gitarren kontrastiert. Dazwischen Rockabilly, Bluesrock und im wunderbar schleppenden, nach hinten ausfransenden The Turnaround taucht sogar eine Pedal-Steel-Gitarre auf.

Schlittengeläut trifft auf Drumcomputer, ein himmlischer Chor auf quietschende Keyboards. Funksignale flirren einem durch die Synapsen und benommen torkelt man durch einen Wald aus dröhnenden Gitarren. Bis man unvermittelt auf einer sonnendurchfluteten Lichtung steht und sich so klar im Kopf fühlt, als rausche einem Menthol durch die Adern. Vielleicht war das mit der besten internationalen Folk-Metal-Ballade doch kein Scherz.

“Wonderful, Glorious” von Eels ist erschienen bei Cooperative Music/Universal.

Kategorien: Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das Foto oben ist ein gutes Beispiel für den grassierenden Sexismus in dieser unserer Gesellschaft.

    • 1. Februar 2013 um 13:30 Uhr
    • olga
  2. 2.

    nee wie toll, und so neu und creativ

    • 1. Februar 2013 um 13:43 Uhr
    • smojoe
  3. 3.

    Na soviel zur aktuellen Sexismusdebatte und dazu, dass es Leute zum Reflektieren bringt ….
    Wer das nicht versteht: hallo zeit-redaktion, bitte keine sexistischen fotos publizieren, heisst: nackte frauen als pure deko-objekte.

    • 1. Februar 2013 um 14:03 Uhr
    • andand
  4. 4.

    Naja, die Eels sind natürlich schon lange dabei und, meiner Meinung nach, immer interessanter gewesen als die anderen sogenannten Indie-Bands.
    Allerdings gibt es noch so viele Bands welche man eigentlich vorstellen müsste. Und im Vergleich zu denen sind die Eels schon Mainstream. Sonst würde es auch gar kein top produziertes Musikvideo von ihnen geben. Irgendwer muss das ja finanzieren.

    Interessant: Ja
    Mainstream: Ja

    Wäre schön mal von Bands abseits der heilen Videowelt zu hören. Also wirklich Indi oder Alternativ und nicht wo einfach ein diese Attribute zum Marketing genutzt werden.
    Ich habe leider selbst kaum mehr Zeit mich umzuhören und muss auf das zurückgreifen wsa schon in der Sammlung ist.

    • 1. Februar 2013 um 14:03 Uhr
    • Lyaran
  5. 5.

    @andand: Die Bildauswahl wurde nicht unbewusst (und falls das etwas zur Sache tut: von einer Frau) vorgenommen. Bei aller Notwendigkeit der aktuellen Debatte sollte man doch nicht den Humor und die Fähigkeit der differenzierten Betrachtung vergessen. Everett verwendet immer wieder Elemente des Absurden, wie auch auf diesem Pressefoto. Die Frauen sind keine Dekorationsobjekte, sondern Teil einer dargestellten Szene, deren Gegensätze ein humorvolles Spannungsverhältnis erzeugen. Aber das ist natürlich Ansichtssache. Beste Grüße aus der Redaktion!

    • 1. Februar 2013 um 15:05 Uhr
    • Rabea Weihser
  6. 6.

    Wenn das mit der Sexismusdebatte so weiter geht (grundsätzlich ja nicht abzulehnen), dann werden wir irgendwann mit Scheuklappen und Burka rumlaufen.
    Ein bisschen Lebensfreude sollte schon noch sein, oder?

    • 1. Februar 2013 um 15:20 Uhr
    • oannes
  7. 7.

    can`t a man just have dinner with two naked women?

    • 1. Februar 2013 um 15:36 Uhr
    • AAL
  8. 8.

    Ich bin für eine Qoutenregelung: Es muss Gesetz werden, dass auf Bildern neben jeder nackten Frau mindestens ein nackter Mann gezeigt.

    Wenn die Frau von vorn gezeigt wird, soll der Mann von hinten gezeigt werden und umgekehrt.

    Und was die beiden auf dem Foto zusammen machen oder nicht machen dürfen, muss auf mindestens 600 Seiten geregelt werden.

    • 1. Februar 2013 um 16:27 Uhr
    • hareck
  9. Kommentar zum Thema

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