Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Am Abgrund der ollen Melodien

Von 18. Februar 2013 um 13:30 Uhr

Ein Album für die angesagten Clubs der nicht so angesagten Städte: Die beiden popfeministischen Zwillinge Tegan & Sara verseifen alles Rohe, Alternative, das ihre Musik einst so großartig machte.

© Warner Music Group

© Warner Music Group

Im Kombiwort Fallhöhe stecken zwei Begriffe, die es – bewusst oder nicht – mindestens ein bisschen ambivalent machen: “Fall” klingt ja zunächst mal irgendwie riskant, fast gefährlich. Allerdings nur, solange die “Höhe” dabei entsprechend eindrucksvoll ist. Von Fallhöhe spricht man folglich, wenn der potenzielle Sturz von einem gewagten Niveau aus erfolgen könnte.

Mit ihrem aktuellen Studiowerk Heartthrob sind Tegan & Sara aus den luftigen Höhen des Pop-Olymps, den die eineiigen Zwillinge mit ihren vorigen Alben erklommen hatten, auf die Ebene einer handelsüblichen Styroporplatte hinabgestiegen. Der Sturz ist tief, nach alternativen Maßstäben sogar gewaltig, insgesamt jedenfalls ungeheuer bedauerlich.

Denn als die kreativen Quin-Schwestern vor gut fünf Jahren inmitten einer Reihe eigenproduzierter Alben und ungezählter Kollaborationen dank The Con ihren Durchbruch schafften, dessen Qualität sie 2009 mit dem Nachfolger Sainthood sogar noch übertreffen konnten, da feierte die globale Indieszene zwei Frauen Mitte 20, die einen kaugummibunten, aber durchaus gediegenen Wind durch etwas bliesen, was mal Electroclash getauft wurde. Das schrammte zwar schon damals um Haaresbreite am Hades des Eurodance vorbei, rang ihm aber Spielarten ab, die auf selbstbewusste Weise an Chicks on Speed, Miss Kittin, solche Sachen von Frauen auf bis dato männerdominiertem Terrain erinnerten. Also relevant waren. Tanzbar sowieso. Das sind sie bis heute. Auch auf Heartthrob, keine Frage.

Doch das gefühlt zwölfte Album der massenproduktiven ehemaligen Schülerinnenband lässt alles Rohe, alles Ungeschliffene, Alternative und Unabhängige bereitwillig vor der Majorlabeltür, um dahinter zwischen Snap! und Dr. Alban zu verseifen – immerhin sind sie noch nicht bei DJ Bobo angekommen, dafür sorgt immer noch der bisweilen unkonventionell blecherne Doppelgesang. Doch wenn Strophen “Come a little closer” bitten, um “things physical” zu machen, wenn Refrains zu Titeln wie Fool For Love von I’m not your hero oder “drove me wild” sülzen, dann hat sich der Abstand zu klanglichen Referenzobjekten wie Peaches ungefähr auf die Distanz zwischen Heino und Rammstein vergrößert.

Wie gesagt: klingt alles gefällig, geht alles ins Bein, hat alles immer noch einen sonderbar popfeministischen Appeal, was auch an den zwei Hauptdarstellerinnen an Gitarre und Synthesizer liegt, die weiterhin diese kernige Ausstrahlung selbstgewisser Popgören haben. Dahinter aber tut sich ein Abgrund abgegriffener Melodien auf, die man allesamt schon vor 20 Jahren irgendwo als Coverversion einer Coverversion einer Coverversion gehört zu haben glaubt. Wir werden ein paar Stücke davon ohne Zweifel mal in den angesagten Clubs der nicht so angesagten Städte hören. Aber wollten Tegan & Sara das? Wahrscheinlich schon.

“Heartthrob” von Tegan & Sara ist erschienen bei Warner.

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der Ostseezeitung haben sie telephonisch mitgeteilt, dass sie auch länger von ihrer Musik leben können wollen. Ob ein kreativer Ausverkauf und Majorlabelrundschliff sich am Ende auszahlen, ist jedoch fraglich.

  2. 2.

    Ja, Tegan & Sara, einst musikalisch-kritisch und anders. The Con ist mit Abstand Ihr bestes Album! Einfach nicht erreichbar, unschlagbar. Das neue Album ist irgendwie mittelmäßig, nett, discotauglich, und, leider radiotauglich. Manche mögen’s, ich nicht.

    • 18. Februar 2013 um 16:52 Uhr
    • Hagen Henke
  3. 3.

    absolute Hirn, Hör und Bit-Verschwendung.
    Warum über so einen mainstream Müll überhaupt berichten?

    • 18. Februar 2013 um 18:33 Uhr
    • le_roi
  4. 4.

    Bis eben wusste ich noch nicht, dass Tegan & Sara ein neues Album rausgebracht haben. Einem kurzen Freudenjauchzer folgte aber leider die Einsicht, dass es besser gewesen wäre, wenn ich nichts mitbekommen hätte!
    Wo sind denn bitte die grandiosen zweistimmig gesungenen Parts hin, wo die etwas abwegigen Klänge? Diesen Schrott habe ich gerade zweimal gehört: Das erste und das letzte Mal!

    • 18. Februar 2013 um 19:11 Uhr
    • felix
  5. 5.

    oje, hab grad reingehört … ehrlich, ich hab sie 1998 oder 1999 nachmittags vor 3 figuren inklusive mir im “java sharks” in calgary hören dürfen … das war als wären tracy chapman und melissa etheridge zum duett angetreten, ich bin vom hocker gefallen – unvergesslich. danach gequatscht miteinander.
    deswegen hab ich eben die hörprobe schnell wieder gestoppt.
    schade schade.

    • 18. Februar 2013 um 19:57 Uhr
    • Thorsten Nesch
  6. 6.

    Har, har, die Indie-Taliban geben sich ein Stelldichein und holen ihre “als ich damals”-Geschichten raus. T&S sind seit So Jealous Stammgäste in meinen Ohren, Heartthrob ist einfach großartig und die Melodien und Stimmen natürlich immer noch unverkennbar.

    Wenn manchen die Soundkulisse überfordert und den Blick auf die inliegende Popherrlichkeit verstellt, dann ist das schade, aber davon sollte sich kein anderer den Spaß verderben lassen. Und wer Scheuklappen aufhat, sollte bitte nicht noch stolz drauf zeigen.

    Ich bin dann mal tanzen!

    • 12. März 2013 um 16:39 Uhr
    • Soundog
  7. Kommentar zum Thema

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