Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Pop ganz ohne Pop

Von 22. April 2013 um 16:30 Uhr

Die singende DJane Miss Kittin flottiert zwischen Amanda Lear, Donna Summer oder Kraftwerk. Ihr vielschichtiger Wavehouse klingt technoid und handgemacht zugleich.

© Phrank

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Wer Amanda Lear nicht kennt, ist entweder spät geboren oder früh vom Mainstream abgebogen. Wer sich an sie erinnert, muss mit offenen Ohren durch die siebziger Jahre gelaufen sein. Seinerzeit war Salvador Dalís androgyner Muse kaum zu entgehen. Trübsinnig kroch ihre maskuline Schmusestimme wie Bodennebel über die Tanzflure der Welt. Follow Me hauchte sie 1978 und bereitete dem New Wave einen düsteren Empfang in der zwangsfröhlichen Disco.

Seltsamerweise war Amanda Lear nie weg vom Fenster, sondern macht auch mit 73 fleißig Platten. Doch selbst, wenn sie sich zurückgezogen hätte: Es gäbe adäquaten Ersatz. Der heißt Caroline Hervé und ist bekannt als singende DJane unter dem Pseudonym Miss Kittin. Auch auf ihrem aktuellen Album klingt sie, als hätte die lebende Legende Lear ein neues Kapitel aufgeschlagen. Das könnte nun als despektierlich missverstanden werden, doch weit gefehlt: Ihrer amandahaften Stimme, den englischen Texten zu technoiden Tönen kann die Französin einen Teil ihres Erfolgs verdanken.

Warum das so ist, warum sie die Bühnen riesiger Technofestivals besteigen darf, unterstützt von den Großkünstlern der Szene – davon zeugt ihr Album Calling From The Stars, mehr noch als die 14 Platten in zwölf Jahren zuvor. Elektronischer Wavehouse in vielschichtiger, epochaler Form. Das Doppelalbum bietet das volle Repertoire, in dem sich digital erzeugte Klänge ausbreiten können, wenn sie sich ihrer Wurzeln bewusst werden: Die erste Seite flottiert 13 Tracks lang ziemlich nostalgisch zwischen Donna Summer, Kraftwerk und Anne Clark, die zweite verbindet dieses Konvolut mit einer Art Retroambient, der modernen Ohren zu minimalistisch sein dürfte und zu rückwärtig mit seinen Neunzigergedächtnistiteln zwischen Cosmic Love und Sunset Mission. Doch Miss Kittins unterkühlter Sprechgesang, ihr Gespür für pointierte Effekte und rücksichtsvolle Samples, führt beide Ebenen etwas Neuem, neu Verwertbarem zu.

Man kann das sehr gut in Bassline erkunden, der Single von Platte 1. Ohne je in trivialen Pop zu verfallen, treibt sie mit stilisiertem Klatschen, künstlichem Klavier, all der Synthiespielerei ruhig und doch dynamisch dem Ziel entgegen: fast heimlich zum Tanze drängend, nicht mit zappelnden Beats und wummerndem Bass, sondern mit der Kraft einer Melodie, die von echtem Gesang verkittet wird. So technoid das auch klingt, ist es eben doch mehr als das. Calling From The Stars mag strikt der Mixkultur entspringen; doch wie Miss Kittins erster kleiner EP-Hit 1982 anno 1998 glimmt darin eine warme Flamme handgefertigter Musik, die von echten Instrumenten zu kommen scheint, nicht von der Festplatte.

Ob Miss Kittin das überhaupt will, dieses Fenster offenhalten? Keine Ahnung. Aber sie klingt ja manchmal auch wie Amanda Lear, ohne es zu wollen, und es klingt toll. Wirkung ist nicht immer eine Folge des Willens, sondern des Könnens. Und Miss Kittin kann mit ihren Mitteln fast alles, sogar Popplatten ganz ohne Pop. Follow her!

“Calling From The Stars” von Miss Kittin ist erschienen bei Wagram.

Kategorien: House, Techno
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich finde DJane ist ein ganz schlimmes Un-”Wort”.

    • 22. April 2013 um 19:42 Uhr
    • David
  2. 2.

    Hab die Frau schon mehrfach live erlebt, ihre Musik ist gerade in Verbindung ihrer Sets einfach goettlich.

    Sie singt sehr schraeg und das absichtlich, denn ihr Englisch ist weit besser,als das was sie beim Singen von sich gibt, durfte sie mal kurz auf einem der Festivals sprechen .

    Ihre Musik ist eine hommage an die 80er Jahre in meinen Augen, auch ein wenig an die 90er, und es laedt immer wieder zum Tanzen ein.

    Schoen ,daß sie hier auch mal einem breiteren Publikum vorgestellt wird.

    • 22. April 2013 um 19:59 Uhr
    • Marobod
  3. 3.

    Retro-Anspieltipp: “Madame Hollywood” (Felix da Housecat feat. Miss Kittin). Uralt, aber voll von dem Style, den man hier hört.

    P.S. Für niedliches French-English empfiehlt sich auch die “Voicemail” vom gleichen Longplayer (“Kittenz an The Glitz”).

  4. 4.

    wirklich “old school” und erinnert wirklich start an ann klark, aber mit neuen einflüssen…

  5. 5.

    Miss Kittin, Miss Kittin!

    Am liebsten über ein Paar ADAM S3A und einem Klein und Hummel O800!

    Etwas für die Ewigkeit!

  6. 6.

    @David: Ja, komisches Wort, etwas bemüht transgendernd, aber sie nennt sich selber so, wie sich überhaupt die meisten weiblichen DJs so nennen. Da wäre es anmaßend, wenn ich als Mann etwas anderes verwende. Gewöhnen wir uns also besser daran.
    Der Autor

    • 25. April 2013 um 11:41 Uhr
    • janfreitag
  7. 7.

    Ja, sehr nettes Mädchen, sie ist näher an Pop mit ihrer Poesie und handgefertigte
    Kostüme für die Bühne-Konzerte verwendet. Ihr Elelktro hintergrund kann in Spuren gefunden werden. http://www.clubbingunlimited.com

  8. 8.

    Das neue Album mit Miss Kittin ist voll gelungen und
    erinnert in einigen Songs an vergangene Tage.
    Daumen hoch!!!
    Übrigens zum reinhören empfehle ich das
    Doppel – Album “Brief Encounters” mit
    Amanda Lear!!!!

    • 20. Mai 2013 um 18:38 Uhr
    • La Belle
  9. Kommentar zum Thema

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