Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Köstliches musikalisches Schnöseltum

Von 10. Mai 2013 um 10:27 Uhr

Sportlich, wer alle Referenzen auf dem dritten Album von Vampire Weekend entschlüsseln will. Trotz allen Tamtams klingt die Band aber immer noch einzigartig.

© XL Recordings

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Ganz schöne Schlaumeier, diese Jungs. Einen regelrechten Wirbelsturm an Ratespielchen und Witzeleien haben Vampire Weekend um ihr neues Album Modern Vampires Of The City entfesselt. Schon vor Monaten bombardierten sie die sozialen Medien mit dem Kürzel MVOTC. MV, wurde schnell vermutet, könne auf die Insel Martha’s Vineyard anspielen, dort hatten doch Ezra Koenig und Rostam Batmanglij am neuen Album gearbeitet. Auch die Auflösung war ungewöhnlich: Sie schalteten eine Kleinanzeige in der New York Times, ganz schlicht hieß es dort: “Modern Vampires Of The City, May 7, 2013″. Und das, so stellten die Fans schnell fest, hatte dann eben nichts mit der Insel zu tun, sondern ist die erste Zeile aus dem Dancehall-Kracher One Blood von Junior Reed.

Nun ist das Album draußen und die Songs sind alle in solch ein intellektuelles Polster gebettet. Step basiert auf einer Demoaufnahme der kalifornischen Hip-Hop-Band Souls of Mischief. Um Ya Hey – das spielt wohl auf den hebräischen Namen Gottes, Yahweh, an – vollständig zu deuten, müsste man das Alte Testament studieren. Und Desmond Dekker. Und die Rolling Stones … Dann Hannah Hunt? Dreht sich das um die Sängerin der eher unbekannten Indieband Dominant Legs? Und Diane Young? Keine Ahnung. Viele Anspielungen winden sich um so viele Ecken, dass Vampire Weekend selbst ein paar Fährten legen müssen.

Vampire Weekend – Step (Official Lyrics Video)

Lässt sich um jede Zeile, jeden Titel, jeden Akkord irgendeine Legende stricken, so wird Musikhören zum Sport. Dieses Album ist Ausdruck authentischen Schnöseltums, durchdacht und köstlich. Der Schauspieler Steve Buscemi steuerte etwa einen Kurzfilm bei, in dem er der Band erzählt, dass er viele Musiker kenne und normalerweise fassungslose Blicke ernte, wenn er ihnen von Vampire Holiday erzähle. Dazu schaut er mitleidig. Buscemi prahlt mit der Bekanntschaft zu dem bescheidenen Peter Gabriel – und der tauchte schon in Cape Cod Kwassa Kwassa von Vampire Weekends erstem Album auf. Naja, und so weiter eben.

Mancher Kreis schließt sich: Modern Vampires Of The City vervollständige eine Trilogie, sagt die Band. Und so richtig klar ist nicht, ob sie das sagen, um die Bedeutung der Platte ein bisschen aufzuwerten, oder weil sie tatsächlich fürchten, es könne Hörern entgehen, dass da Themen und Charaktere auftauchen, die schon zuvor da waren. Eine Rückkehr nach New York stelle die Platte dar, auch das sagt die Band, von dort aus waren Vampire Weekend im Jahr 2007 in die Welt gezogen.

Und, ach ja, es geht hier natürlich immer noch und vor allem um die Musik: Sie spielt auf Modern Vampires Of The City ungefähr dort, wo schon das Debütalbum und Contra spielten. Frischer Indierock, aufgepeppt mit Afropop-Rhythmen, Paul Simons Graceland Version 3.0 sozusagen. Der ansteckende Überschwang der frühen Tage ist ein wenig dahin, Modern Vampires Of The City klingt kontrollierter, düsterer, die Stücke sind vertrackter und ausgefeilter.

Schon im ersten Song Obvious Bicycle wirbeln unzählige Versatzstücke, hier hallt ein Flügel, dort wird ein raschelnder Elektrorhythmus mit stampfender Perkussion vermengt, mal ist da kaum mehr als Ezra Koenigs Stimme, dann wieder begleitet ihn ein zerschnipselter Engelschor. Koenig singt von der Liebe – und vom Älterwerden: “Wisdom’s a gift, but you’d trade it for youth, age is an honor, it’s still not the truth“, heißt es in Step. Der Kerl ist nicht mal dreißig, übrigens.

Geht es auch im Mittelteil ein bisschen lahm zu, so überwiegen die großartigen Lieder: Unbelievers wird von einem mitreißenden Keyboardmotiv vorangetrieben, Step surft auf einer ungeheuer charmanten Melodie, Diane Young tanzt mit Jerry Lee Lewis und Ya Hey auf Jamaika. Vampire Weekend haben eine Sprache gefunden, in der das alles schlüssig klingt – auch sieben Jahre nach ihrem Debüt ist sie weiterhin einzigartig. Und, wie beruhigend, Modern Vampires Of The City ist auch ohne das schlaumeierische Tamtam ein richtig gutes Album.

“Modern Vampires Of The City” von Vampire Weekend ist erschienen bei XL Recordings/Beggars.

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ohne Geschwurbel: Schöne Musik. Wunderbares Album. Klasse Band.

    • 11. Mai 2013 um 21:16 Uhr
    • frillinx
  2. 2.

    “Frischer Indierock, aufgepeppt mit Afropop-Rhythmen, Paul Simons Graceland Version 3.0 sozusagen.”

    Ist dem Autor da etwa einTextbaustein aus der Rezension des ersten Albums reingeraten? Mit dem aktuellen Album Afropop und Paul Simon in Verbindung zu bringen, ist nämlich schon einigermaßen abenteuerlich…

    • 14. Mai 2013 um 11:15 Uhr
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  3. Kommentar zum Thema

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