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Diskurspop auf Hanseatisch

 

Kettcar nur ohne Kettcar: Auf Marcus Wiebuschs erstem Solo-Album „Konfetti“ trifft man auf die gewohnte Radiotauglichkeit mit Botschaft und Niveau. Ja, und sonst?

© Andreas Hornoff
© Andreas Hornoff

Wenn es ein Unwort der Musik gäbe, den übelsten Popbegriff ever, schlimmer als noch Easy Listening, Horst-Wessel-Lied oder Saxofonsolo – es wäre wohl: Frontmann. Im Frontmann vereint sich militaristische Alltagssprachanleihe besonders furchtbar mit unterschwelligem Sexismus zu einer Art arglosem Führerprinzip der Massenkultur.

Nun kann man Marcus Wiebusch weder bellizistische noch machistische, geschweige denn diktatorische Triebe unterstellen; der Fro… äh, Kopf, nein: Bühnenkantenmittemensch vom Hamburger Schulkollektiv Kettcar ist ja eher als seidig brummelnder Gefühlsverwalter deutschen Diskurspops bekannt. Aber irgendwie stand er eben doch sein ganzes Bandleben an dem, was man mit der passenden Streitlust als das bezeichnen müsste, was zu kriegerischeren Zeiten „Front“ hieß: Zehn Jahre lange als systemfeindlicher Punkrocker von But Alive, zehn weitere als rachitischer Schmeichelbariton von Kettcar, stets im kritischen, pardon: Sperrfeuer der Gegenwehr. Immer mit Gitarre und Mikro vorneweg, stets das Gesicht in den Gegenwind, immer einer für alle mit den anderen dahinter, ganz gegen sein Naturell, wie er selbst sagt, aber musikalisch notwendig.

Jetzt jedoch dringt das „Front“ am „Mann“ aus Hamburg sogar noch weiter vorwärts: Marcus Wiebusch ist solo. Erstmals. Konfetti heißt sein Einzelprojekt, mit anderen Musikern, gut ein halbes Dutzend; am Ende allerdings steht er allein im Namenszug unter einer Reihe von Erfüllungsgehilfen, ja Angestellten. Einfach weil „alle musikalischen Entscheidungen von mir stammen“. Und nicht nur die.

Fast alles an Wiebusch ohne Kettcar erinnert an Kettcar mit Wiebusch. Die Texte mögen nicht immer so poetisch kodiert klingen, Sound oder Gesang zuweilen robuster, und dann wäre da ja noch dieses zornige, bitter nötige, ziemlich gelungene Schlüsselstück Der Tag wird kommen übers Coming-out eines schwulen Fußballprofis nach Hitzlsperger, aber angeblich vor ihm fertiggestellt, das bereits seit Wochen durchs Feuilleton rauscht – auch ohne sein gewohntes Umfeld bleibt Marcus Wiebusch unüberhörbar er selbst.

Kein Wunder: Zu unverwechselbar ist seine Stimme, zu diskurspoppig hanseatisch der Umgebungsklang mit feiner Gitarrengrundierung, treibendem Schlagzeug, ab und an ein paar Klavierfetzen und Samples, dazu reichlich urban poetry zwischen Haters gonna hate und Nachrichten für die Alpha-Männer. Das macht Konfetti zu klugem Indiepop aus Hamburg in der Tradition von Sterne, Blumfeld, Tomte, Kettcar, aber dank Sprechgesang, Bläsern, mehr Tempo, mehr Kraft „experimentierfreudiger“ als letztere, wie Wiebusch beteuert.

Mag sein, auch dass es toll klingt für jene Ohren, die auf derlei sanft gebrochene Geschmeidigkeit stehen, Radiotauglichkeit mit Botschaft und Niveau. Aber Konfetti ist und bleibt eben nicht neu, schon gar nicht spezifisch Wiebusch. Es ist Kettcar, nur ohne Kettcar. Die, die das lieben, werden jubeln, alle anderen kotzen. So ist das an der Front des Pop.

Konfetti ist erschienen auf Grand Hotel van Cleef.

6 Kommentare

  1.   Kath_E

    Klingt, als wäre es recht langweilig. Schon wieder diese ewig gleichklingenden Melodien mit immer neuem pseudobedeutsamen Gesäusel im Text?

  2.   Stoef

    Gewohnte Radiotauglichkeit? Kann mich nicht erinnern, Kettcar geschweige denn But Alive je im Radio gehört zu haben. Generell drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor eine gehörige Portion Abneigung gegen jene Musik hegt, das klingt teilweise ja schon offen feindselig. Was genau ist der Punkt?

  3.   Bonanza

    Zum Artikel:
    Was ich nicht mehr hören kann, ist die Behauptung, Kettcar würden nix weiter als belanglosen, gefühligen „Diskurspop.“ Dabei war deren „Sylt“ lauter und wütender als „Konfetti.“

    Zum Album:
    Textlich stellenweise grandios, musikalisch stellenweise furchterregend.

  4.   ösi

    Ich habe die Lyrics nach „Liebe“ durchsucht und nichts gefunden.
    🙁


  5. „Wenn es ein Unwort der Musik gäbe, den übelsten Popbegriff ever, schlimmer als noch Easy Listening, Horst-Wessel-Lied oder Saxofonsolo – es wäre wohl: Frontmann“

    Häh, würde da der Hesse sagen. Oder, auf Deutsch, so ein Bullshit! Was hat denn das Horst-Wessel-Lied z.B. mit Easy Listening oder mit Pop überhaupt zu tun?

    Deutschrock ist ja manchmal schon schlimm von wegen Metapherschmiederei (wovon ich Marcus Wiebusch hier mal explizit ausnehmen möchte). Schlimmer aber noch ist Deutsch-Pop-Journalismus mit „flott“ daherdelirierenden Metaphern, wo das Lied auf den ermordeten SA-Schläger Horst Wessel, das im 3. Reich eine Art Nationalhymne war, mit James Last in einen Topf geschmissen wird, damit man eine pseudorginelle Einleitung zu einem Text konstruiert, der von einem Musiker handelt, der mal in einer Band spielte. So etwas finde ich einfach unterirdisch!


  6. Der geneigte Leser dieses Blogs kommt immer mehr zur Annahme, Jan Freitag sei für die (Pop-) Musik das, was Matthias Dell für den Tatort ist: Ein Kritikaster um des Kritikaster-Seins willen, der auch noch die belanglosesten Folge in einem dialektisch verschwurbelten Stahlgewitter vernichten muß. So im Falle Dell allsonntäglich im „Freitag“ geschehen – man konnte es nicht mehr lesen, dieses manierierte Geschwätz mit seinen Zwangs-Anglizismen und seiner Pseudo-Wissenschaftlichkeit in Sachen „Filmtheorie“. So auch hier: Immergleich und immervonanfangandurchschaubar, mithin bei allem Theaterdonner auf die Dauer langweilig. Dell hatte zuletzt eine verschworene Forumsgemeinschaft, die sykophantisch seine Ergüsse aufsaugte; wer etwas kritisch dazu stand wurde unweigerlich aus dem Forum geworfen. Jetzt schreibt Dell sonntagabends beim Schweizer „watson.ch“; genauso unerträglich, aber dort hauen sie ihm das im Forum von Anfang an um die selbstverliebten Öhrchen. Den Jan-Freitag-Blog werde ich mir inskünftig ersparen.

 

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