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Schaut, wie die Sterne für euch scheinen!

 

Nachtschattengraues Pausenfutter: Das neue Album von Coldplay ist so unauffällig wie die Musiker, die es aufgenommen haben.

© Anton Corbijn
© Anton Corbijn

Das war ja mal wieder ein Familienfest. Coldplay live im beschaulichen Kreis von 2.000 Menschen hat man auch nicht alle Tage. Ein Baum mit Lichterkette und der Sternenhimmel über der Spielfläche im Kölner E-Werk kündeten vom feierlichen Anlass des Zusammenkommens, dem Startschuss für eine alle Kontinente erfassende Aufmerksamkeitslawine. Am 16. Mai erscheint das neue Coldplay-Album Ghost Stories. Neues aus der letzten Bastion des britischen Stadionrock, geht da noch was?

Erst einmal wird es dunkel. Im Video zur Single Midnight marschieren die Coldplay-Musiker in Schwarz-Weiß-Negativbildern durchs Unterholz, Chris Martins Vocoder-verfremdete Stimme lässt nichts Gutes ahnen. Dem Sänger fließt das Blut von der Dornenkrone, Millionen Meilen von zu Hause entfernt sucht er nach dem Licht. Man muss daraus nicht gleich eine Trennungsparabel auf das Ende der Ehe mit Gwyneth Paltrow basteln. Aber ein bisschen hört sein Gesang sich schon so an – schlaflos auf den Anruf wartend, am Ende steht eine Liebeserklärung fürs universelle Poesiealbum: „Du bist ein Himmel voller Sterne.“

Jahrelang war es um den Trübsinn bei Coldplay großartig bestellt. Martins verschwurbelte Grübeleien passten perfekt in die wolkigen, sanft geschwungenen Piano- und Gitarrenelegien. Coldplay galten als die Band, die berühmt wurde, weil sie das Berühmtsein ablehnte, maximale Stadiontauglichkeit auf minimaler Glam-Basis – ein Meisterstück der Dialektik. Ihre Musik verkaufte sich auch deshalb 50 Millionen Mal, weil Zahnärzte und Studienräte die Teenager als werberelevante Zielgruppe für physische Tonträger abgelöst hatten. Für Viva la Vida (2008) und Mylo Xyloto (2011) war mit Brian Eno gar der Gottvater der Ambientmusik als Soundarchitekt für eine elektronische Runderneuerung engagiert worden.

Die Elektronik hat auch ohne Eno auf den Ghost Stories überlebt. Gleichzeitig legen Coldplay jene musikalischen Wurzeln frei, die ihr Bandwerk von Anbeginn an durchziehen – in der stillen Akustikballade Oceans und der Falsettträumerei Magic. „Look at the stars! Look how they shine for you!„, hatte Chris Martin im Jahr 2000 gesungen, nichts anderes erzählt der neue Song A Sky Full Of Stars. Seine Weltpremiere kündigte Martin in Köln mit der Bitte an, keine Videos zu drehen. Dieser Moment sei „nur für uns, nicht für YouTube“.

Ein frommer Wunsch, der von der Menge bejubelt wurde. Coldplay werden sich indes nicht mehr so leichttun, ihre Erfolgsgeschichte auf Millionensellerniveau fortzuschreiben. Die Ghost Stories eignen sich bestens als Pausenfutter für die großen Heuler der Band. Ansonsten sind sie leider so nachtschattengrau und unauffällig wie die Musiker, die sie spielen.

Ghost Stories von Coldplay ist erschienen bei Parlophone/Warner.
Aus der ZEIT Nr. 21/2014

2 Kommentare


  1. Bands oder Musiker, die mal eine Zeit lang von Brian Eno produziert worden sind, funktionieren danach ohne ihn nicht mehr so richtig (siehe u.a. Talking Heads, Devo, U2, David Bowie). So ist das auch hier.
    Das liegt daran, dass Eno den Bands einen ganz spezifischen, eigentümlichen Groove verpasst, der die Musik enorm veredelt, ohne ihn aber offenbar nicht reproduzierbar ist.

  2.   Kraftbrühe

    Ich bin da aber mal ganz anderer Meinung. Coldplay ist zurück in der Spur. Die Musik ist wieder die, die sie immer auszeichnete. Die Alben mit Eno waren nicht schlecht, aber dieses hier ist noch besser.

 

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