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Hiebe aus Liebe zum Rap

 

Hip-Hop kann wunderbar hässlich sein: Das kalifornische Trio Clipping klingt so aufregend und anstrengend, wie man sich die Zukunft des Rap schon immer vorgestellt hat.

© Sup Pop
© Sup Pop

Am Anfang steht der Beat. Aber Clipping machen es anders. Das kalifornische Rap-Trio beginnt sein Debütalbum CLPPNG mit einem Geräusch, das Tinnitus-Patienten aus ihrem eigenen Kopf kennen. Der MC Daveed Diggs rappt dazu, als gäbe es kein Morgen, und er tut das aus gutem Grund: Als atemloser Anpeitscher entwirft er ein apokalyptisches Szenario und zieht seiner Geschichte sogleich wieder den Teppich unter den Füßen weg. Nach 66 Sekunden ist der Spuk vorbei. Letzte Worte: „It’s Clipping, bitch.

Diggs und die Produzenten Jonathan Snipes und William Hutson werden dem Noise- und Industrial-Rap zugerechnet, einem sonnenlosen Paralleluniversum des Hip-Hop, in dem sich ein weiteres kalifornisches Trio zu Hause fühlt: Death Grips aus Sacramento konfrontieren ihr Publikum mit den üblichen Erwartungen an Rap-Kollektive. Sie agitieren, statt zu animieren, sie machen Krach, und manchmal kommen sie gar nicht erst zum Konzert. Kanye West gehört zu ihren Fans. Mit seinem letzten Album Yeezus griff er den harschen Sound von Death Grips auf, um sich als kampfbereiten Anwalt der afroamerikanischen Kulturschaffenden zu inszenieren.

Die Botschaft von Clipping ist nicht so klar. Die Band weist alle umstürzlerischen Absichten von sich. Sie versteht sich mit dem ebenso enervierenden wie atemberaubenden CLPPNG als Teil des Hip-Hop-Kontinuums. Rap, sagt sie, sei immer schon brutal gewesen, habe sich in zunehmend merkwürdigen Formen erneuert und auch den Kontakt mit der Avantgarde nie gescheut. Clippings kompromissloser Ansatz soll keine Kriegserklärung an den Status quo sein. Sie machen das alles aus Liebe zum Rap.

Diese Liebe klingt auf CLPPNG nach allen möglichen Alltagsgeräuschen. Ein Wecker piept, eine Schleifmaschine kreischt. Wasser fließt, und in der Küchenschublade tanzt das Besteck. Solcherlei Field Recordings treffen auf zweckentfremdete Kinderchöre und Stahlplatten-Beats, an denen auch die Einstürzenden Neubauten Freude hätten. Zum Abschluss führt uns CLPPNG das Ausmaß der Zerstörung vor Augen: Ends lässt das ganze Album noch einmal im Zeitraffer passieren. So als wollten Clipping der Beatles-Soundcollage Revolution 9 das Unschuldslächeln aus dem Gesicht wischen.

So wunderbar hässlich kann Hip-Hop sein. In der Beweisführung sind Clipping nicht zimperlich. Während Work Work eine Fiebertraum-Version des G-Funk ihrer Heimatküste halluziniert, fahren sie den R-’n‘-B-Partyrefrain von Tonight ganz bewusst vor die Wand. Wo die Korken knallen, können Clipping nicht zu Hause sein. Auch wenn sie mit dieser Haltung ein ziemlich gutes Sample verschenken.

Diese Musik hegt also subversive Absichten. Das erklärt auch, wieso die Texte von Daveed Diggs immer wieder klassische Zeilen von Jay-Z, Outkast oder The Notorious B.I.G. aus ihren ursprünglichen Kontexten herausreißen und in neue Bezüge setzen. Dadurch entsteht eine alternative Geschichtsschreibung des Rap, die auf CLPPNG schon so aufregend und anstrengend klingt, wie man sich die Zukunft immer vorgestellt hat. Jetzt muss es Clipping nur noch gelingen, das Publikum von ihrer Idee der Hiebe aus Liebe zu überzeugen.

„CLPPNG“ von Clipping ist erschienen bei Sub Pop/Cargo.

4 Kommentare


  1. Irgendwie finde ich den Beat sehr „Tyga-lastig“ und das ganze ist auch nicht sonderlich orginell. Das Video ist ja ganz nett gestaltet, mehr aber auch nicht. Lyrics sind nicht schlecht aber der Flow gefällt mir persönlich nicht und Musik ist ja viel Geschmackssache.
    Für alle die interesse haben was ich gut finde hier n paar Links:
    https://www.youtube.com/watch?v=bD3ro107KsM
    https://www.youtube.com/watch?v=h8nIHZ-0kS4
    https://www.youtube.com/watch?v=h8nIHZ-0kS4


  2. Das soll anstrengend sein? Vielleicht für Rapnovizen. Nein, da bleib ich lieber bei Untergrundrap aus Deutschland.


  3. sehr gutes album. schön, dass es auch hier besprochen wird.

  4.   thomas

    An: DiesDasHuso

    Eben Geschmackssache, besonders das erste der empfohlenen youtube Videos ist an Langeweile kaum zu überbieten, genauso klischeehaft abgegriffen wie der Gitarrenrock in den Achtzigern…so kann man es auch empfinden…
    Vielleicht doch lieber „Clipping“ wenn man sich schon mit einer mehr oder weniger „verbrauchten“ Form abgeben will.

 

Kommentare sind geschlossen.