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Hits aus der Tüte

 

Sia Furler schreibt Songs für Beyoncé oder David Guetta. Ihr fünftes eigenes Album klingt nun nach demselben Spektakelpop, aber die Sängerin behält die ironische Distanz.

© RCA Records
© RCA Records

Wenn Musiker in amerikanischen Late Night Shows auftreten, dann ist das meist die Antithese zu allem, was früher mal bei Wetten dass…? passiert ist. Keine metaphorisch aufgeladenen Tonnenfeuer im Bühnenbild, keine überdimensionierten Uhren, keine Leuchtbuchstaben und Glitzerjacketts. Sondern alles roh und klein und echt und gerade perfekt genug abgemischt, um am nächsten Tag ordentlich Internet-Credits für Jimmy, Jimmy, Ellen, Conan und Co. zu generieren. Deshalb war das, was sich Sia Furler Anfang Juni bei Late Night With Seth Meyers geleistet hat, umso merkwürdiger:

Bäuchlings liegt die Musikerin auf einem Hochbett, den Kopf in ein Kissen vergraben, unter dem ein Mikrofonständer steht, während Lena Dunham die ganze Arbeit macht. Die Schauspielerin, Regisseurin und Erfinderin von Girls bringt in weißem Anzug und mit Sia-Perücke eine Art Ausdruckstanz auf die Bühne, nicht schön, aber besonders, und so tapfer ungelenk, wie ihn außer Dunhams Serienfigur Hannah wohl nur Sia selbst hinbekommen hätte. Dass die nicht muss, zeigt, wie weit die Australierin gekommen ist. Interessanter ist, warum sie nicht will.

Sia braucht die Verkleidungen, weil sie nicht aus ihrer Haut kann. Dabei weiß sie als Songschreiberin für alle Überstars eigentlich nur zu gut, wie das Popgeschäft funktioniert: Man muss sich zur Kunstfigur mit Knacks an der richtigen Stelle stilisieren, um Plastik zu Gold zu machen. Dem Glee-Star Lea Michele hat sie geholfen, den Abschiedssong If You Say So an ihren toten Freund Cory Monteith zu formulieren. Beyoncé hat sie das Album-Eröffnungsstück Pretty Hurts auf den perfekten Leib geschrieben. Und in David Guettas Unverwundbarkeitshymne Titanium singt sie sogar selbst.

Nur wenn es um ihre eigene Musik geht, hat sie sich noch nie so extrovertiert gezeigt. Vier Alben lang versteckte sie ihren Pop in leicht abseitigen Indie-Arrangements und Selbstironie, das vorletzte nannte sie vorauseilend Some People Have Real Problems.

Ihre neue Platte namens 1000 Forms Of Fear zeigt nun, dass aus Sia nie ein Popstar mit Feuerwerk, Twerking und Bodysuits wird. Wenn sich schon ihr Pop nicht mehr versteckt, dann eben sie selbst. Auf dem Albumcover strahlt ikonisch der geometrisch platinblonde Bob, auf Pressefotos trägt sie eine Papiertüte über dem Kopf, auf der Bühne lässt sie sich gern von Tänzern vertreten. Soll doch niemand denken, sie nähme das Theater wirklich ernst.

Erst wenn alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen sind, legt Sia los. Mit der düster triumphierenden Partygirl-Hymne Chandelier, die Rihanna erst nach drei durchfeierten Nächten gelingen würde. Mit der rauchigen Ballade Fire Meet Gasoline, die klingt, als hätte Pink ihre ganze träge Teenage Angst auf Beyoncé abgeladen. Mit dem afropoppigen Hostage, in dem sich Taylor Swift und Miley Cyrus um einen Strokes-Beat streiten. Jeden einzelnen Song auf 1000 Forms Of Fear hätte Sia verkaufen und damit andere noch erfolgreicher machen können. Aber nicht nur die feierlichen Refrains hat sie diesmal für sich behalten, sondern auch das puckernde Herzklopfen, die kunstvolle Instrumentierung mit Streichern und Klavieren und die eigenwilligen Melodiebögen.

Sogar ihre Formel für erfolgreiche Songtexte wendet sie diesmal für sich selbst an: Man nehme ein leicht zu merkendes Wort und stricke darum lauter generische Phrasen über Liebe und Schmerz. Chandelier eben, der Kronleuchter, an dem sie schwingt, als gäbe es kein morgen und keinen Sarkasmus, mit dem man sich selbst zu Fall bringen könnte. Ehrlicher als alles, was Sia für andere schreibt, ist ihr fünftes eigenes Album nicht. Im Laufe der zwölf Songs wechselt die Songschreiberin, die auch eine hervorragende Sängerin ist, geschickt von einer Popstimme zur nächsten. Was war zuerst da? Ihr Talent oder die hübschen Gesichter der anderen? Das Echte oder die Papiertüte?

„1000 Forms Of Fear“ von Sia ist erschienen bei Sony.