‹ Alle Einträge

Liefers liebt Pathos

 

Seine Frau singt, sein „Tatort“-Kollege auch. Jetzt veröffentlicht der Schauspieler Jan Josef Liefers ein neues Album mit seiner Band Radio Doria. Muss das denn sein?

© Michael Zargarinejad/Universal Music
© Michael Zargarinejad/Universal Music

Der singende Schauspieler ist eine Plage, die nicht enden will. Nahezu jeder, der regelmäßig sein Gesicht in eine Kamera halten darf, meint, auch noch Musik machen zu müssen.

International taten sich da überflüssigerweise Don Johnson, Kate Winslet oder Kevin Costner hervor, und David Hasselhoff brachte bekanntlich sogar die Berliner Mauer zum Einsturz.

Aber auch die hiesige Darstellergarde steht dem in nichts nach: Willy Millowitsch sang einst Schnaps, das war sein letztes Wort, später nervte Uwe Ochsenknecht mit Altherrenrock, der Lindenstraße-Bösewicht Oliver Petszokat rappte eher schlecht als recht unter dem schnittigen Kürzel Oli P., Jeanette Biedermann versuchte sich als Tina Turner für Arme und Yvonne Catterfeld säuselt bis heute Belanglosigkeiten.

Vor allem im Umfeld von Jan Josef Liefers wird heftig geträllert. Seine Frau Anna Loos ist bei Silly eingesprungen für die verstorbene Tamara Danz, und Axel Prahl, sein Ermittlerkollege beim Tatort aus Münster, hat eine Zweitkarriere als Singer/Songwriter laufen. Liefers selbst ist schon seit Mitte der Nullerjahre neben der Schauspielerei auch als Musiker unterwegs. Anfangs hieß seine Band noch Oblivion, mittlerweile wurde sie in Radio Doria umbenannt. Die freie Stimme der Schlaflosigkeit nennt sie ihr neues Album.

Zugute halten muss man Liefers, dass er nicht nur – im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen – singen kann. Er verzichtet auch darauf, den denkbar einfachsten Weg zu gehen und sich passend zu seinem prominenten Gesicht ein paar schnittige Titel schreiben zu lassen, um die dann mit einschlägigen Studiomusikern aufzunehmen. Radio Doria, darauf legt der Schauspieler großen Wert, ist eine ganz gewöhnliche Rockband: Zwar sind die Musiker auch mit diversen anderen Projekten beschäftigt, so spielt der Keyboarder Gunter Papperitz auch für die aktuelle Ausgabe der Rainbirds oder der Gitarrist Jens Nickel für Cäthe. Aber immerhin arbeitet man in dieser Besetzung schon seit Jahren zusammen.

Das Ergebnis ist trotzdem gewöhnlicher Altherrenrock, dem man deutlich anhört, dass Liefers jahrelang mit dem Soundtrack meiner Kindheit über die Bühnen der Republik tingelte. In diesem Programm erzählte der 50-Jährige Episoden aus seiner Jugend und sang Klassiker des DDR-Rocks. Und folgerichtig sind Radio Doria nicht allzu weit entfernt von Lift, Renft, Silly oder den Puhdys, mit denen Liefers 2012 auf Tournee ging.

Das gilt nicht nur für die brave, von bräsigen Gitarren dominierte Musik, die aktuelle Entwicklungen tapfer ignoriert. Auch textlich orientiert sich Liefers an den Helden seiner Kindheit und deren verdrucksten, von der real existierenden Zensur diktierten Umgang mit der Sprache. „Wir sind Diebesgut/ Haben uns davongestohlen/ Haben unser Leben geplündert“, singt er in Verlorene Kinder, der ersten Single: „Und wenn wir stehlen/ Dann keine Uhren/ Wir nehmen uns die Zeit.“

Und so geht es fröhlich weiter: Metaphern werden überstrapaziert, das Pathos schwingt sich auf in lichte Höhen, und kryptische Ausdrucksweise tarnt sich allzu oft als Poesie. Es gibt Ausnahmen wie das locker hingetupfte Sehnsucht Nr. 7, das sich nicht zu schade ist, ein paar klare Worte zu finden. Aber allzu oft geht der erdrückende Anspruch, große Dichtkunst abzuliefern, einher mit einer Vertonung, die sich ebenfalls viel zu ernst nimmt.

Da kann der Musiker Liefers noch etwas lernen vom Schauspieler Liefers: Der ironische Abstand zur eigenen Rolle, den er vor allem als Tatort-Leichenbeschauer Börne demonstriert, täte auch Radio Doria gut.

„Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ von Radio Doria ist erschienen bei Polydor/Universal.

36 Kommentare


  1. Ach Gott, jeder Mensch wird von Abstammung und Kindheit geprägt. Bei anderen heißt es dann „authentisch“, hier wird’s ihm vorgewerfen. Manche werden für poetische Texte verehrt, hier heißt es „verdruckst“, wenn sich Herz nicht auf Schmerz reimt und Liebe auf Hiebe. Wie fandens Sie’s denn musikalisch, Herr Winkler, kann man es kaufen? Da haben Sie leider nichts zu geschrieben.

  2.   EDL

    Ja – da gehe ich mit … sie sind (mit wenigen Ausnahmen) ein Plage, die Schauspieler, die nicht nur auf Theaterbühnen trällern.

    Und ich pers. bin ziemlich traurig, dass die Herren von Silly sich nicht eine richtige Rockröhre gesucht haben – so wie die (alten) Songs und die Musik von Silly es verdient hätten.

    Vielleicht würde sich Tamara bzgl. Anna Loos nicht unbedingt im Grabe umdrehen … und es ist ja auch schön, dass ihre Songs weiter Hörer finden … aber es gibt wirklich so unglaublich gute kraftvolle weibliche Stimmentalente … und es ist genau das, was der Stimme von Anna Loos fehlt: kraft (und btw. der Person Anna Loos auch Authentizität für Rockmusik).

    Ein Silly-Comeback hat es für mich bislang nicht gegeben!

    … just 2 cent …

  3.   anna chron

    Diser Mann ist sowieso ein Unikat!

  4.   Lloyd

    Kleiner Hinweis: Ganz am Anfang hieß die „Band“ Jan Josef Liefers und das erste Album Oblivion. Das empfand ich damals als sehr ehrlich.
    Wie sich die Sache mit und seit der Band Oblivion gestaltete ist mir glatt entgangen… und ein erster Fund auf Youtube gibt dem Artikel leider recht.

  5.   Cathy

    Danke für diesen Artikel! Wann immer ich das Radio einschalte, dröhnt mir unerträgliche reim-dich-oder-ich-fress-dich-dauer-beschallung humorloser deutscher Wichtigtuer entgegen. Grauenhaft. Und jetzt auch noch JJL.


  6. »Der singende Schauspieler ist eine Plage, die nicht enden will.«
    Nuff said. Für Liefers gilt das exemplarisch. Und Silly ist seit Tamara Danz’ Tod Geschichte, wie Led Zeppelin nach dem Tod Bonhams. Einfach nur peinlich.
    JJL funktioniert eh nur in den Tatorten.


  7. Also bei mir hat jeder Musiker,
    der “ die aktuelle(n) Entwicklungen tapfer ignoriert “ erst mal einen Sympathiebonus….der Masse hinterher laufen kann jeder !

  8.   walter wigand

    Grauenhaft wichtigtuerisch. Der singende Schauspieler ist die Geißel der Menschheit.

  9.   zeitlos

    Als Jan-Josef Liefers im Tatort zu ermitteln begann, hatte er meine ungeteilte Aufmerksamkeit, nach seiner ostdeutschen, sehr persönlichen Biografie ist er mir näher als mir lieb ist. Meine eigene Biografie trägt viel an Erinnerung, welche sich mit der Lieferschen fast syncron deckt. Nun ein CD-Album…, musikalisch und im Text an Ostrock angelehnt??? Was soll das liebe Leute,Musik kommt nach wie vor aus dem Herzen und wer es gut macht ist in meinen Ohren ein willkommener Gast. Also, wo gibts die Scheibe, wo kann ich sie hören, um mir ein eigenes Bild zu machen.


  10. Also bei mir steht er hoch angeschrieben, als Mensch und als Schauspieler.
    Künstler experimentieren nun mal, lasst ihn doch singen… warum nicht?

    „Metaphern werden überstrapaziert, das Pathos schwingt sich auf in lichte Höhen, und kryptische Ausdrucksweise tarnt sich allzu oft als Poesie.“

    Ach ja? Könnte es sein, dass solche Texte nicht mehr richtig verstanden werden? Das scheint mir eher der Fall zu sein. Kein Wunder bei der Plattheit der Popszene.

 

Kommentare sind geschlossen.