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Trendbuch Elektronika

 

Die Anonymität der Londoner Clubszene hat der Bassmusiker SBTRKT hinter sich gelassen. Sein zweites Album fasst die jüngeren Entwicklungen des Genres zusammen und mischt sie zu perfektem Elektropop.

© Beggars
© Beggars

SBTRKT hat kein Gesicht, aber er hat viele Stimmen. Unter den Maskenträgern und Identitätslosen der britischen Bassmusik pflegt der Londoner Produzent den verspieltesten Umgang mit der Anonymität. Hinter seinen aufwändig aus afrikanischen, indischen, chinesischen, zentral- und südamerikanischen Einflüssen zusammengebastelten Masken mag die Absicht stecken, das eigene Ego so weit wie möglich aus der Musik zu subtrahieren – zumindest beteuert SBTRKT das immer wieder, daher auch sein Name. Seine Verkleidung ist aber ebenso Fashion-Statement und Projektionsfläche.

Schon als er noch Haus-DJ war in einem Londoner Club für Dubstep, Garage und Jungle fühlte sich SBTRKT, bürgerlich Aaron Jerome, nie den düsteren Aspekten dieser Genres verpflichtet. Die emotionale Trümmerfeldmusik überließ er Produzenten wie Burial und Actress, den bis heute stilbildenden Architekten britischer Betonwüsten-Entfremdung. SBTRKT umgab sich auf seinem unbetitelten Debütalbum lieber mit den Stimmen zahlreicher Gäste und holte durch sie den Pop in seine Tracks. Er stellte Räume zur Verfügung, die andere mit Identität und Ego füllten.

Wonder Where We Land ist nun sein zweites Album und vorläufiger Höhepunkt dieser Arbeitsweise. Zehn der 15 Stücke darauf sind in Kollaboration mit einer Sängerin, einem Sänger oder einem Rapper entstanden. Die Platte ist angelegt als Handbuch jüngerer Trendentwicklungen im weiten Feld der britischen Elektronika. Als Showcase für SBTRKTs Plattenfirma XL Recordings funktioniert sie Dank der vielen Gäste aber auch. Fast ebenso gut wie die große Werkschau, mit der sich das einflussreiche Label unlängst selbst zum 25. Geburtstag beschenkte.

Ezra Koenig von Vampire Weekend tänzelt durch New Dorp New York, ein großstädtisches Beziehungsgespräch mit der Sängerin Caroline Polachek aus Brooklyn, von SBTRKT durch klapprige Blockparty-Percussion unterlegt. Voices In My Head blickt mit Schlagzeug, Klavier und Hilfe von Warpaint auf die Hochzeit des Trip-Hop zurück, während der Gastrapper A$AP Ferg ganz andere Höhenflüge rekapituliert. Vier Stücke sind reserviert für den R’n’B-Sehnsüchtler und James-Blake-Widergänger Sampha. Zusammenhänge zwischen den Tracks ergeben sich erst durch SBTRKTs ökonomischen Produktionsstil.

Ob er sich Richtung 2-Step, Trance, Hip-Hop oder Ambient treiben lässt: SBTRKT hat immer eine unkomplizierte Version des jeweiligen Stils im Sinn. Wonder Where We Land ist deshalb ein sehr kurzweiliges Album, vielseitig und einprägsam, Zerstreuungsmusik an der Grenze zur Perfektion. Wer Pop vor allem aus Ablenkungsgründen hört, wird damit – Moment, worum ging’s noch mal?

Wer aber auch Täuschungs- und Wendemanöver erwartet, vielleicht sogar Erkenntnisse, die über die dargebotene Musik hinausweisen, den wird Wonder Where We Land unterfordern. Die Breaks und die Intensität, die seine frühen Club-Tracks auszeichneten, genehmigt sich SBTRKT inzwischen nur noch bei Auftragsarbeiten. Wenn er Radiohead oder Frank Ocean remixt, fügt er den Songs keine neuen Stimmen hinzu. Er gibt ihnen aber ein neues Gesicht.

„Wonder Where We Land“ von SBTRKT ist erschienen bei Young Turks/XL Recordings/Beggars Group/Indigo.