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Wiedergefunden

Mauergedicht

Von 27. Oktober 2014 um 09:00 Uhr

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Auf diese DDR-Papiertüte hat meine Mutter, Herlinde Todt, als junge Frau ihre Gedanken zum Mauerbau gekritzelt. Ihre beste Freundin studierte in den sechziger Jahren Medizin und arbeitete während der Semesterferien an der Berliner Charité. Meine Mutter besuchte sie manchmal dort. Bei einem dieser Treffen erzählte ihr die Freundin, Erika, dass sie vom Fenster des in unmittelbarer Nähe der Mauer gelegenen Krankenhauses beobachtet habe, wie ein Flüchtling erschossen wurde. Auf der Heimfahrt nach Köthen versuchte meine Mutter, das Unmenschliche in Worte zu fassen – und hatte offenbar nur diese Tüte zur Hand.
Erika versuchte später selbst, mit ihrem westdeutschen Freund über Bulgarien in den Westen zu fliehen. Die Flucht misslang. Erika kam ins Gefängnis und verließ es als gebrochene Frau. Auch meine Mutter hat gegen den Unrechtsstaat DDR rebelliert und wurde 1968 – weil sie gegen den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei war – vom Lehrerstudium exmatrikuliert.
Die Freundinnen haben sich leider nie wieder gesehen, denn wenige Jahre, nachdem Erika aus der Haft entlassen und in den Westen abgeschoben worden war, nahm sie sich das Leben. Vermutlich hat meine Mutter die alte Tüte mit dem Mauergedicht deshalb so lange aufgehoben.

Die Stadt der Mauer
Wer kennt sie nicht
Und ihre Erbauer (…)
mit dem Friedensgesicht!
Ein Schutz der Freiheit,
die keine ist!
Mit welcher Gemeinheit
man Menschen erschießt.
Dann lässt man sie liegen,
verbluten im Sand.
Doch nie wird der siegen,
der mißbraucht seine Hand.
Das Wagnis zu fliehen
ist unheimlich groß,
wenn vergebens das Mühen
(droht) ein (…) bitteres Los.
Wie sinnlos das Streben
wenn man bedenkt,
was getan wird für das Leben,
das eine Mutter schenkt.

Anja Sabel, Osnabrück

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Verunglückter Glückwunsch

Von 18. Oktober 2014 um 16:00 Uhr

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Onkel Heinz und Tante Lotte waren schon über 80 Jahre alt, aber immer noch rege. Sie lebten in der Nähe von Magdeburg auf dem Land, kannten die Arbeit (Rübenhacken) in der »Kolschose« nach der Landenteignung. Das Häuschen am Waldrand blieb ihnen zum Glück.
Wir besuchten sie – so oft es ging – und brachten Wäsche und Gebrauchsgegenstände von West- nach Ostdeutschland. Das Leid der Trennung durch die »Mächte« war alltäglich. Umso mehr freuten wir uns, als die Entspannung 1989 eintrat.
Spontan sandte ich ihnen am Tag der Wiedervereinigung ein Telegramm nach drüben mit einer Zeile aus dem Deutschlandlied. Das Telegramm mit dem verstümmelten Text und ohne Datum ist erhalten geblieben – und die Entschuldigung der Telekom ebenfalls.
Es wäre ein zeitgeschichtliches Dokument gewesen, wenn alle richtig mitgespielt hätten.

Rainer Senkbeil, Zell an der Mosel

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Brotmarken aus dem Ersten Weltkrieg

Von 16. Oktober 2014 um 14:00 Uhr

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Im Jahre 1968 habe ich als Abiturient (und übrigens auch schon ZEIT-Abonnent!) in Hameln einen alten Schreibtisch gekauft, zum Sonderpreis von fünf Mark, weil die Mehrzahl der Kunden damals offenbar lieber was Modernes haben wollte. Das solide, mit Intarsien und Messingbeschlägen verzierte Möbelstück überstand Umzüge nach Göttingen, Clausthal, Hamburg und Aachen. Als wir bei einem dieser Umzüge die Schubladen herausnehmen mussten, kam ein versteckter Briefumschlag mit Brotmarken von 1915 zum Vorschein. Und als ich jetzt die Unterlagen für meinen Rentenantrag zusammensuchte, habe ich diese Marken zufällig wiederentdeckt. Seither grüble ich darüber nach, wer wohl vor knapp hundert Jahren an meinem Schreibtisch saß und wie er Krieg und Inflation empfunden haben mag.

Dieter Mergel, Aachen

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Warteschlangenblues

Von 22. September 2014 um 12:00 Uhr

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Durch Zufall habe ich diese alte Eintrittskarte wiedergefunden.
Die Karten fürs internationale Dixielandfestivals in Dresden waren in der DDR sehr schwer zu bekommen. Der Vorverkauf begann vier Wochen vorher. Um auf jeden Fall dabei zu sein, haben wir uns mit Schlafsack und Rotwein bereits am Vorabend des Verkaufsbeginns am Dynamostadions nach Karten »angelegt«. Am Abend kam dann mit der Straßenbahn das »Zwingertrio« angefahren und hat zur Unterhaltung der Fans schon ein bisschen gejazzt.
Warteschlangen konnten also auch manchmal Spaß machen!

Thomas Plate, Torgau, Sachsen

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Opas Schnupftabak

Von 5. September 2014 um 18:00 Uhr

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1918, lange vor meiner Geburt, starb mein Großvater. Meine einzige Erinnerung an ihn ist eine Schnupftabakdose aus Horn, auf der das Schloss Neuburg an der Donau zu sehen ist. Dort war der Großvater als selbstständiger Sattlermeister tätig. Das Relikt überstand alle Umzüge und Wohnungswechsel. Das Besondere ist, dass die Dose noch immer gefüllt ist mit dem inzwischen fast hundertjährigen Genussmittel. Ich war mal so neugierig, eine Probe zu nehmen. Nie mehr!

Valentin Eglauer, Eichstätt

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Geldverkehr

Von 31. August 2014 um 15:00 Uhr

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Mit meinen fast achtzig Jahren fange ich endlich an, aufzuräumen. Dabei fiel mir mein uraltes Postsparbuch in die Hände. Ich blätterte darin, und ich entdeckte: Nach der Einzahlung von drei Mark im Juli 1953 hob ich nur wenige Tage später zwei Mark wieder ab! Was bewog mich damals dazu? Was war für zwei Mark so Wichtiges anzuschaffen? Oder wollte ich nur dem Postbeamten die Macht des Besitzenden demonstrieren? Ich weiß es nicht mehr. Aber wundern tut es mich heute noch!

Rainer Senkbeil, Zell an der Mosel

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Kopf und Kragen

Von 25. August 2014 um 12:00 Uhr

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In unserer Foto- und Erinnerungskiste gibt es viele Dokumente aus dem Ersten Weltkrieg: Briefe, die mein Vater an seine Verlobte (später: meine Mutter) geschrieben hat, außerdem Ansichtskarten, ab Ende 1914 ganz aktuell auch mit Kriegsruinen: Lyck, Bialla, Mühlen, Petrikatschen, Stallupönen, Wartenburg, Allenstein. Ganz eigener Art aber ist diese »Postkarte«, für die er auf der Fahrt von seinem Heimatort Bochum zu seinem Gestellungsort Lötzen beim Umsteigen in Berlin in der Eile und in Ermangelung von Schreibpapier seinen steifen Stehkragen durchschnitten hat. Als Kind war ich von dieser Absonderlichkeit fasziniert, erst später hat mich ihre Symbolhaftigkeit berührt. Der Postbote, der zunächst »St(rafporto) 20 (Pfennig)« notiert, sich dann aber korrigiert hat, war offenbar noch nicht auf Feldpost eingestellt.

Marianne Muthmann-Friemann, Bochum

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Chapeau!

Von 14. August 2014 um 18:00 Uhr

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Kurz nach der Münchner »Wies’n« erreicht mich eine E-Mail von einem Berliner Ingenieur: Er hätte einen Trachtenhut aus meiner Werkstätte in München auf dem U-Bahnhof Marienplatz gefunden. Er bat mich, durch die im Hutleder eingestanzten Initialen und das beigefügte Bild des Fundstücks den rechtmäßigen Besitzer zu finden. Das war mir leider nicht möglich.
Nach ein paar Wochen kommt ein Herr ins Geschäft. Meine Tochter bedient ihn, ich bin mit anderen Dingen beschäftigt. Der Verkauf ist praktisch abgeschlossen, meine Tochter stanzt die Initialen ins Hutleder. Gleichzeitig beklagt sich der Herr, wie es denn sein könne, dass jemand einen Hut findet und einfach mitnimmt. Der Herr bezahlt und verlässt das Geschäft. Da fällt bei mir der Groschen! Vor dem Geschäft halte ich den Herrn auf und zeige ihm die Mail mit dem Bild. Es ist sein Hut, er erkennt ihn am Federgesteck wieder! Was aber die Geschichte nun so besonders macht: Der Hut war ein Andenken an seine kurz zuvor verstorbene Frau, es war ein Geschenk von ihr. Jetzt konnte ich doch noch vermitteln zwischen dem ehrlichen Finder in Berlin und dem rechtmäßigen Besitzer in München. Inzwischen hat der Herr seinen Hut wiederbekommen.

Doris Gollé-Leidreiter, Tegernsee, Oberbayern

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Trauriges Wiedersehen

Von 30. Juli 2014 um 12:00 Uhr

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Vor längerer Zeit stand auf der Moorweide in Hamburg eine wunderschöne, wuchtige Granitskulptur. Ein bildhauerisches Meisterwerk. Der Künstler war nicht genannt. Eines Tages war sie verschwunden, und nun habe ich sie wiederentdeckt – auf einer Grasfläche an der Kennedybrücke. Da fristet sie ein recht einsames Dasein, sozusagen auf dem Abstellgleis, und ist Anlaufstelle für notdürftige Passanten. Ein Sprayer hat sich auch schon auf ihr verewigt. Dieses Kunstwerk hätte wahrlich einen würdigeren Platz verdient. Was für ein Armutszeugnis für die zuständige Hamburger Behörde!

Fritz Bielefeld, Hamburg

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Birken-Post

Von 16. Juli 2014 um 12:00 Uhr

Im Nachlass meiner Großmutter fand ich ein beidseitig beschriftetes Stück Birkenrinde, das mein Großvater von der russischen Front im Herbst 1915 an seine Frau und seine siebenjährige Tochter schickte. Meine Großmutter war zu diesem Zeitpunkt wieder schwanger. Erst 1918 erfuhr sie, dass ihr Mann im März 1916 (also fast zeitgleich mit der Geburt seines Sohnes) in russischer Kriegsgefangenschaft an Flecktyphus gestorben war. Als junge Witwe sorgte sie fortan unter schwierigen Verhältnissen alleine für die beiden Kinder, denn nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes hat sie nie mehr geheiratet.

Dies ist mein Beitrag zu »100 Jahre Erster Weltkrieg«.

Hans Werner Fischer, Frankfurt am Main

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