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Wiedergefunden

Wer kennt “Stummerle”?

Von 23. März 2015 um 12:00 Uhr

Wiedergefunden hätte ich sehr gerne das gehörlose Mädchen, genannt »Stum­merle«, das von 1945 bis 1947 in einem von Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz betreuten Fürsorgeheim in Kallham, Oberösterreich, lebte. Die damals neunjährige Irene Steinhorst, die zusammen mit ihrem vierjährigen Bruder Hanns – meinem späteren Mann – auf der Flucht aus Oberschlesien von der Mutter getrennt worden war und ebenfalls für zwei Jahre in Kallham landete, hat mir Lustiges und Berührendes von »Stummerle« erzählt. In dem Buch Lauf weiter, kleiner Bruder habe ich diese Erlebnisse festgehalten. Es wäre wunderbar, wenn sich die beiden Damen noch einmal treffen könnten. Meine Schwägerin Irene lebt in den USA. Doch meine Bemühungen, »Stummerle« zu finden, blieben bisher erfolglos. Die Dame müsste inzwischen rund 80 Jahre alt sein. Ihren Namen weiß ich leider nicht.

Renate Steinhorst, Bamberg

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Das Glasauge

Von 23. Februar 2015 um 15:00 Uhr

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Im Jahr 1944 ging mein geliebter Teddybär mit mir auf die Flucht von Königsberg gen Westen. Obwohl ein Jahr jünger als ich – nämlich fünf – war er bereits ein wenig ramponiert: Ein Auge war beim Spiel verloren gegangen und blieb unauffindbar. So wurde Ersatz gestickt.
Mehr als 50 Jahre später war es mir möglich, nach Königsberg, nunmehr Kaliningrad, zurückzukehren. Unsere ehemalige Wohnung in der früheren Zeppelinstraße wurde gerade umgebaut, mancherlei Fundstücke aus »unserer Zeit« hatte jemand in einer Bonbondose gesammelt, und ich durfte in den Schätzen kramen: ein Knopf vom Sommerkleid, ein Spielsoldat, eine Wäscheklammer, ein Zopfhalter. Und dann schaute mir plötzlich das Glasauge entgegen, das verlorene. Es hatte seine Farbe – bis auf die Pupille – fast vollständig verloren, die Halterung war total verrostet. Ich habe es voller Freude mit nach Hause genommen und vorsichtig an dem Bauch- verband befestigt, den mein Teddy inzwischen braucht.

Ute Gerull, Reppenstedt, Niedersachsen

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Ausnahmsweise

Von 12. Februar 2015 um 12:00 Uhr

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Im Sommer 1972 besuchte ich als Theologiestudent mit österreichischen Jugendlichen Leipzig und Dresden, wo wir unter anderem Kontakt zu katholischen Priestern aufnahmen. Einer von ihnen bat um die Übersendung einer bei Herder erschienenen »Jerusalem-Bibel«. Doch mein Geschenk wurde mir von der Zollverwaltung der DDR mit dem Vermerk retourniert, dass »dieses Druckwerk den gesetzlichen Bestimmungen der DDR widerspricht« und daher zur Einfuhr nicht zugelassen sei.

Pater Udo Fischer, Paudorf, Österreich

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Die Kiste

Von 8. Januar 2015 um 12:00 Uhr

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Weihnachten 1940: Mein Großvater schickt von der Front (vermutlich aus Russland) ein besonderes Paket an seine Familie daheim in Hessen: Schinken, Eier und andere Köstlichkeiten für seine Frau und seinen Sohn. Für sie war es ein himmlisches Weihnachtsgeschenk, von dem sie noch Jahrzehnte später beglückt erzählten. Der Großvater hatte eine Munitionskiste aus Holz benutzt und sie als »Krankeneigentum« deklariert. Als Postbeamter wusste er, dass der Zoll diese Pakete ungeöffnet ließ. Er überlebte Krieg und Gefangenschaft und konnte zu seiner Familie heimkehren. Die Weihnachtsgabenkiste aber wurde seitdem als Erinnerung an die schreckliche Kriegszeit aufbewahrt. Als Jugendlicher packte mein Vater seinen wertvollsten Besitz hinein: Krippenfiguren aus Ton.
Wenn die Weihnachtszeit an Mariä Lichtmess zu Ende geht, werde ich gemeinsam mit meinen Kindern die alte Holzkiste vom Dachboden holen. Auf der Innenseite des Deckels sind das Herstellungsdatum (Mai 1940), der Munitionstyp (für Maschinengewehr) als auch das Herkunftsland (Polen) angegeben. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wer die Munition für die deutschen Besatzer gießen musste. Und so werden wir behutsam und im Bewusstsein großer Dankbarkeit, hier und jetzt leben zu dürfen, die nunmehr 80 Jahre alten Krippenfiguren einpacken in diese ehemalige Munitionskiste aus dem Zweiten Weltkrieg.

Saskia Hannig, Sauerlach

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Rote Lippen

Von 1. Januar 2015 um 15:00 Uhr

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Ein Blatt, das vom Christstern abgefallen war, lag auf dem Boden meines Ateliers. Ich wollte es gerade wegkehren, als ich in ihm plötzlich einen roten Mund erkannte. Dabei fiel mir ein lang vergessener Schlager wieder ein: »Rote Lippen soll man küssen...«

Rina Nentwig, Erlensee

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Fahrrad-Feuerwehr

Von 27. November 2014 um 18:00 Uhr

Gleich nach dem Krieg wurde mein Vater von seinem ehemaligen Arbeitgeber wieder in seinem früheren Beruf als Werksfeuerwehrmann eingestellt. In seinem Nachlass fand ich ein Dokument, das all die Probleme der damaligen Zeit widerspiegelt: Für »die Beschaffung von Fahrradbereifung« war eine Genehmigung der französischen Besatzungsmacht nötig und dafür wieder eine umständliche Bestätigung des Arbeitgebers. Ob mein Vater jemals mit dem Fahrrad zu einem Einsatz gefahren ist, das habe ich leider nie erfahren.

Günther Lang, Weisenheim am Berg

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Bärbel

Von 22. November 2014 um 12:00 Uhr

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Im Jahr 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, fand in meiner Heimat- und Geburtsstadt Merseburg an der Saale ein Klassentreffen statt. Nach 45 Jahren meine Heimat, mein Elternhaus, meine alte Schule und ehemalige Schulkameraden wiederzusehen – das allein war überwältigend. Einige Klassenkameraden waren in den letzten Kriegstagen gefallen, eine Klassenkameradin hatte ein Bein verloren und ging an Krücken. Wir, die Übriggebliebenen, fielen uns weinend in die Arme. Dass ich auch meine Puppe Bärbel wiedersehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

Zusammen mit meinem Mann ging ich noch einmal alte Schulwege ab, kam in die Straße, in der wir gewohnt hatten, besah unser Haus von außen, in dem nun andere Leute wohnten. Dann wollte ich eine Nachbarin und Freundin meiner Mutter besuchen, die unterdessen über 80 Jahre alt sein musste. Ich fragte mich, ob sie wohl noch hier wohnen würde. Ich läutete an der Haustür. Sie war offen, und ein paar Stufen über mir stand auf dem Treppenpodest Frau Martha Treu. Nomen est omen! Sie erkannte mich nach 45 Jahren sofort und sagte: »Doris, ich wusste immer, dass du mich einmal besuchen wirst. Ich habe dir deine Puppe aufgehoben.« Und da saß meine Bärbel – auf dem Plüschsofa in einem niedlichen Kleidchen, das meine mütterliche Freundin gehäkelt hatte. Glücklich schloss ich Bärbel in meine Arme. Auf dem Bild bin ich mit ihr zu sehen.

Als ich wieder zu Hause war, schrieb mir Martha Treu, wie glücklich sie gewesen sei, dass sie mir meine Puppe persönlich hatte geben können. Mein Antwortbrief an sie aber kam mit einem lapidaren Vermerk des Postboten zurück: »Empfänger verstorben«.

Doris Meyer-Hahnen, Jever, Niedersachsen

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Das Versprechen

Von 4. November 2014 um 12:00 Uhr

Hubertus, mein jüngster Sohn, wird 30 Jahre alt. Alex, sein ältester Bruder, ist 17 Jahre älter. Beim Räumen habe ich ein Büchlein gefunden, in das vor 20 Jahren der damals zehnjährige Hubertus schrieb: »Ich heirate niemanden außer den Alex, wenn man, wenn ich groß bin, Männer heiraten darf.«

Ingrid Halmburger, Wörthsee, Bayern

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Mauergedicht

Von 27. Oktober 2014 um 09:00 Uhr

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Auf diese DDR-Papiertüte hat meine Mutter, Herlinde Todt, als junge Frau ihre Gedanken zum Mauerbau gekritzelt. Ihre beste Freundin studierte in den sechziger Jahren Medizin und arbeitete während der Semesterferien an der Berliner Charité. Meine Mutter besuchte sie manchmal dort. Bei einem dieser Treffen erzählte ihr die Freundin, Erika, dass sie vom Fenster des in unmittelbarer Nähe der Mauer gelegenen Krankenhauses beobachtet habe, wie ein Flüchtling erschossen wurde. Auf der Heimfahrt nach Köthen versuchte meine Mutter, das Unmenschliche in Worte zu fassen – und hatte offenbar nur diese Tüte zur Hand.
Erika versuchte später selbst, mit ihrem westdeutschen Freund über Bulgarien in den Westen zu fliehen. Die Flucht misslang. Erika kam ins Gefängnis und verließ es als gebrochene Frau. Auch meine Mutter hat gegen den Unrechtsstaat DDR rebelliert und wurde 1968 – weil sie gegen den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei war – vom Lehrerstudium exmatrikuliert.
Die Freundinnen haben sich leider nie wieder gesehen, denn wenige Jahre, nachdem Erika aus der Haft entlassen und in den Westen abgeschoben worden war, nahm sie sich das Leben. Vermutlich hat meine Mutter die alte Tüte mit dem Mauergedicht deshalb so lange aufgehoben.

Die Stadt der Mauer
Wer kennt sie nicht
Und ihre Erbauer (...)
mit dem Friedensgesicht!
Ein Schutz der Freiheit,
die keine ist!
Mit welcher Gemeinheit
man Menschen erschießt.
Dann lässt man sie liegen,
verbluten im Sand.
Doch nie wird der siegen,
der mißbraucht seine Hand.
Das Wagnis zu fliehen
ist unheimlich groß,
wenn vergebens das Mühen
(droht) ein (...) bitteres Los.
Wie sinnlos das Streben
wenn man bedenkt,
was getan wird für das Leben,
das eine Mutter schenkt.

Anja Sabel, Osnabrück

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Verunglückter Glückwunsch

Von 18. Oktober 2014 um 16:00 Uhr

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Onkel Heinz und Tante Lotte waren schon über 80 Jahre alt, aber immer noch rege. Sie lebten in der Nähe von Magdeburg auf dem Land, kannten die Arbeit (Rübenhacken) in der »Kolschose« nach der Landenteignung. Das Häuschen am Waldrand blieb ihnen zum Glück.
Wir besuchten sie – so oft es ging – und brachten Wäsche und Gebrauchsgegenstände von West- nach Ostdeutschland. Das Leid der Trennung durch die »Mächte« war alltäglich. Umso mehr freuten wir uns, als die Entspannung 1989 eintrat.
Spontan sandte ich ihnen am Tag der Wiedervereinigung ein Telegramm nach drüben mit einer Zeile aus dem Deutschlandlied. Das Telegramm mit dem verstümmelten Text und ohne Datum ist erhalten geblieben – und die Entschuldigung der Telekom ebenfalls.
Es wäre ein zeitgeschichtliches Dokument gewesen, wenn alle richtig mitgespielt hätten.

Rainer Senkbeil, Zell an der Mosel

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