
Beim Ausräumen der elterlichen Dachkammer meine Skizzenmappe wiedergefunden. Kunststudium, dreißig Jahre her, viele Flausen im Kopf damals. Das Leben hatte anderes mit mir vor. Meine Tochter blättert die Mappe durch und entdeckt eine winzige Bleistiftstudie. Sie bittet mich, ihr genau so ein Bild in ganz großem Format zu malen. Sofort habe ich diesen besonderen Geruch des Leinöls in der Nase, und ich stelle mir vor, wie es wäre, wieder an einer Staffelei zu stehen. Ob ich es noch kann?
Esther Augustin, Kiel

Dieses Briefchen schrieb mir meine Tochter, als sie sieben Jahre alt war. Sie hatte gerade Schreiben gelernt und war so stolz darauf, dass sie alle wichtigen Mitteilungen an mich nur noch schriftlich verfasste. 15 Jahre ist das her. Nach einem Umzug habe ich den Brief in einer lange unberührten Kiste wiedergefunden. Die »Kleine« studiert inzwischen in Berlin, schreibt Drehbücher – und weiter wunderbare Briefe.
Anya Olbrich, Spreenhagen, Brandenburg

Was macht eine Vierjährige, Tochter eines Schuhdesigners, wenn sie von ihren Eltern ausnahmslos Sandalen mit WMS (Weitenmaß-System) Gütesiegel bekommt? Sie schleicht sich in Papas Büro und zaubert sich selbst ihren Mädchentraum aus pinkfarbenen Leder und Neon- Tüll! Diese Erinnerung an einen Sommer vor etwa zehn Jahren geriet mir jüngst wieder in die Hände, während ich selbst sehnsüchtig auf die sockenfreie Zeit des Jahres wartete.
Simone Paust, Münster

Mein vor fast 25 Jahren verstorbener Vater war ein großer Verehrer der Autorin Marie Luise Kaschnitz. Ihr Büchlein Beschreibung eines Dorfes hatte es ihm besonders angetan. Vor einigen Wochen erstand ich in Prien am Chiemsee – für je 25 Cent – vier antiquarische Bücher, darunter auch die Beschreibung eines Dorfes. Ich las erst die drei anderen Bücher, heute machte ich mich an das von Kaschnitz. Und gut, dass ich das im Bett tat, denn sonst hätte es mich vom Stuhl gehauen: Es war das Buch meines Vaters, 1966 von seiner Hand signiert und kommentiert. Nachdem er 1989 bei einem Bergunfall ums Leben gekommen war, hatte ich all seine Bücher in München verkauft und verschenkt. Nun war ausgerechnet sein Lieblingsstück wieder bei mir gelandet. Ehrlich gestanden – ich glaub an keinen Zufall!
Gundula Martz, Prien am Chiemsee

Unsere Tochter Julienne, damals acht Jahre alt, überreichte ihrer Mami zum Muttertag 1986 ein hingebungsvoll gemaltes Bild. Ihr angeborener Gerechtigkeitssinn muss sie offenbar angespornt haben, ihren Papa an diesem Tag nicht leer ausgehen zu lassen. So entstand dieser Scherenschnitt, der kürzlich beim Entrümpeln wieder ans Licht kam.
Ursula und Dieter Heiss, Remseck am Neckar

Nach dem Tod meiner Mutter begann das Aussortieren, Wegwerfen und Behalten. Sie besaß eine große Knopfsammlung. Als ich diese langsam in einen Müllsack rieseln ließ, fiel mir ein schwärzlicher, runder »Knopf« ohne Löcher auf. Ich nahm ihn und säuberte ihn. Er entpuppte sich als der silberne hintere Deckel einer Taschenuhr. Darauf fand sich der Name meines Großvaters Leonhard Boschet und eine Jahreszahl: 1879. Vielleicht das Jahr seiner Konfirmation? Leider weiß ich wenig von meinem Großvater, nur dieses Erinnerungsstück besitze ich jetzt. Ich trage es als Halsschmuck.
Hilde Brust, Nordheim

Im Februar 1945 landeten meine Mutter, mein Bruder und ich nach der Flucht aus Ostpreußen auf der Insel Nordstrand. Wir besaßen nichts als das, was wir auf dem Leib trugen, und das, was Mutter mit Blick auf die bevorstehende Geburt unserer Schwester im Kinderwagen verstaut hatte. Stück für Stück musste sie einen Haushalt aufbauen. Ein Beil war ein wichtiges Werkzeug zur Zerkleinerung des Brennmaterials. Wie kam man an ein Beil? Konnte man den dringenden Bedarf nachweisen, er hielt man einen Bezugsschein, um eines zu erwerben – falls eines angeboten wurde. Eingerahmt hängt die Bescheinigung nun über meinem Schreibtisch, eine Mahnung in Zeiten des Überflusses.
Hartmut Neumann, Rheinbach, NordrheinWestfalen

Beim Durchwühlen einer alten Bilderkiste fiel mir ein Foto aus dem Jahr 1958 in die Hände. Es zeigt mich auf dem NSU-Moped mit dem Namen Quickly. Vor genau 60 Jahren kam dieses Zweirad auf den Markt, was in den einschlägigen Medien auch gewürdigt wurde: NSU hat über die Jahre hinweg nicht weniger als 1,5 Millionen Exemplare gebaut und mit ihnen viel Geld verdient.
An der Namensgebung übrigens war ich beteiligt. An einem Sonntagvormittag fragte mich mein Vater, der damals für die NSU-Werbung zuständig war, was wohl besser klänge: »Quick 50« oder das Adverb von quick, also quickly. Es wurde Quickly, auch weil ein y jeden Namen dekorativ schmückt.
Klaus Westrup, Bad Wimpfen, Baden-Württemberg
Nach einer Viertelstunde verzweifelten Suchens blitzt mit einem Mal der verlorene Ehering meines Mannes im hohen Schnee auf. Vorsichtig grabe ich ihn aus und stecke ihn meinem Liebsten feierlich an den Finger. Wir küssen uns und heiraten zum zweiten Mal – diesmal zwischen den Mülltonnen.
Katharina Lipskoch, Halle (Saale)

Diese alte Ansichtskarte aus dem Ersten Weltkrieg (1916) fand ich im Nachlass meiner verstorbenen Mutter. Mein Großvater hat sie gemalt und als Ostergruß von der russischen Front an die Familie nach Potsdam geschickt. Ein denkwürdiges Zeitdokument, wie ich meine. Den Krieg hat mein Großvater überlebt. Gerne hätte er danach künstlerisch gearbeitet, aber die Verhältnisse ließen das nicht zu. So verdiente er sein Geld als Maler- und Lackierermeister, bis er 1933 an einer Kopfverletzung starb, die er sich beim Streichen eines Fensters zugezogen hatte.
Ernst-Ulrich Schadow, Erlangen