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Ach, hätte der Baron doch geschwiegen

 

Mit Hohn und Spott kommentierte die politische Konkurrenz am Wochenende den Vorschlag des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, bis zum Jahr 2020 vier Millionen Arbeitsplätze schaffen und das Ziel die Vollbeschäftigung nicht aus den Augen verlieren zu wollen. Von einem „unseriösen Versprechen“ spricht der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, und der Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erklärte, „die Menschen sind es leid, immer zu Wahlkampfzeiten mit Versprechen überschüttet zu werden“.

Ach, wenn der Baron doch geschwiegen oder zumindest sein eigenes Regierungsprogramm für die Jahre 2009 bis 2013 gelesen hätte. Denn dort heißt es auf Seite 9 eindeutig und schwarz auf weiß: „Seit Ludwig Erhard gilt der Grundsatz ‚Wohlstand für alle‘. Für uns bedeutet das heute vor allem: Arbeit für alle, Leistungsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit“.

Arbeit für alle, heißt also ein gemeinsames Wahlversprechen von CDU und CSU im Wahlkampf. Was ist das anderes als Vollbeschäftigung? Nur einen Zeitpunkt, bis wann die Union ihr Ziel zu erreichen gedenkt, nennt sie nicht. Ist das seriöser? Sind es die Menschen weniger leid mit Versprechen überschüttet zu werden, von denen eine Partei nicht einmal sagt, bis wann sie diese zu erfüllen gedenkt. Die Menschen würden konkrete Vorschläge erwarten, sagt der Baron zu Guttenberg, davon sei bei der SPD bisher „wenig zu finden“.

Und bei der Union? Wie sie „Arbeit für alle“ schaffen will, das sagt sie in ihrem Regierungsprogramm: mit Steuersenkungen. Wann genau, der Bürger allerdings mit Steuerentlastungen rechnen kann, sagt sie freilich nicht, zumindest nicht konkret. Irgendwann in der nächsten Legislaturperiode und erst dann, wenn der Haushalt saniert ist. Denn „Haushaltskonsolidierung bleibt unser Ziel“, heißt es im Unions-Programm, „sie schafft Spielräume, um mit attraktiven steuerlichen Rahmenbedingungen die Grundlage für mehr Wachstum und Beschäftigung zu legen.“

Und noch einen „konkreten“ Vorschlag macht die Union, wie sie Arbeit für alle schaffen will: mit einer Bildungs- und Qualifizierungsoffensive. Im Wahlprogramm heißt es dazu: „Die deutsche Industrie, der Mittelstand, das Handwerk und die Freien Berufe, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, Besitzer von Arbeitsplätzen und Arbeitslose – alle in unserer Gesellschaft müssen ihren Beitrag leisten, damit Arbeitsplätze erhalten und geschaffen werden.“

Wenn Unionspolitiker nun Steinmeiers „Deutschland-Plan“ lächerlich machen, tun sie das im Grunde auch mit ihrer Kanzlerin. Bereits vor einem Jahr antwortete die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel in der Bundespressekonferenz auf die Frage, ob sich die Politik das Ziel Vollbeschäftigung setzen solle, mit den Worten: „Ja, man sollte es sich setzen“. Und auf die Nachfrage, ob es realistisch sei, antwortete sie: „Ich setze mir doch keine unrealistischen Ziele.“

Schon vor zwölf Monaten also hielt Angela Merkel Vollbeschäftigung und damit „Arbeit für alle“ für ein realistisches Ziel der Regierung. Und auch wenn Deutschland mittlerweile tief in einer Rezession steckt und die Zahl der Arbeitslosen wieder steigt, heißt es nun im Regierungsprogramm der Union für die Jahre 2009 bis 2013: „Wir halten Arbeit für alle für möglich und arbeiten für die Erreichung dieses Ziels.“

Wie sagte doch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer am Wochenende zu den Vorschlägen des SPD-Kanzlerkandidaten: „Das ist doch Fantasialand“

53 Kommentare


  1. Sehr geehrter Herr Seils, in Ihrem Blog machen Sie den Wirtschaftsminister zum Grafen. 2. Absatz: Ach, wenn der Graf doch geschwiegen […] hätte. Einen Freiherrn dürfen Sie als Baron anreden, ein Graf ist er deshalb noch lange nicht…

  2.   aha

    großartig! Und jetzt bleiben Sie bitte am Ball:)
    Und wir vergessen nicht die LeichathletikWM in Berlin!


  3. @Hans Henrik Ohff: Ja, das war ein Fehler. Ist behoben, herzlichen Dank.
    Grüße, Markus Horeld. ZEIT ONLINE

  4.   eg

    @markus horeld

    im 3. absatz steckt noch ein „graf“

  5.   eg

    im 3. absatz steckt noch ein „graf“…

  6.   eg

    @technik

    beim 4. posting kam eine meldung „doppelter beitrag gelöscht“, schon beim ersten abschicken. der 5. war ein versuch, es ohne das @ durchzubekommen. danach waren dann plötzlich beide online.

    (gerne löschung nach bearbeitung)


  7. […] Man könnte jetzt seitenweise über die verschiedensten Kritiken schreiben, über die scheinheilige Kritik des neuen Volkstribunen Guttenberg, über Plagiatsvorwürfe oder den allzu langen Zeitraum der […]

  8.   nö.

    “Seit Ludwig Erhard gilt der Grundsatz ‘Wohlstand für alle’. Für uns bedeutet das heute vor allem: Arbeit für alle, Leistungsgerechtigkeit und Generationengerechtigkeit”.

    Ich bin zwar kein anhänger der union, aber ihnen in diesem zusammenhang diesen grundsatz vorzuhalten ist erbsenpulerei, da sich die formulierungen doch sehr klar unterscheiden, auch in ihrer bedeutung.

  9.   Hans Henseler

    Arbeitsplaetze schaffen ist sicherlich das Ziel aller
    Parteien, aber eine Partei die 2010 aufgegeben hat,
    wird das wohl kaum schaffen. Die Politik kann dauerhaft
    keine Arbeitsplaetze schaffen, sie kann und muss den
    Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen, die es
    ermoeglichen neue Arbeitsplaetze zu schaffen (und
    die alten zu stabilisieren!) Sollten wir dafuer Frau
    Nahles waehlen?

  10.   Gerhard Seifert

    Ach, hätte der Seils doch nichts geschrieben …
    was wollen Sie uns denn hier mitteilen – dass in Wahlkampfzeiten Politiker übereinander herziehen, statt wie es sich Ihrer Ansicht nach scheinbar gehören würde, das Programm des Gegners über den grünen Klee zu loben ? Überraschende Erkenntnis !
    Oder ist es verwerflich, dass auch die Unionsparteien das Ziel haben, in Deutschland den Wohlstand für alle zu vermehren ?
    Mal abgesehen davon, dass eine Partei, die dieses Ziel NICHT hätte, kaum zur Wahl antreten bräuchte, würde mit dem Ziel „Minderung des Wohlstands und Steigerung der Arbeitslosigkeit“ ein künftiger Bundesminister sich beim Amtseid strafbar machen …

    Den hier zur Schau getragenen Realitätsverlust der SPD kann man doch auch als Baron (!) nicht unkommentiert stehen lassen. Das ist so ähnlich, als würde Norbert Blüm morgen eine Pressekonferenz geben und verkünden, er möchte 2012 bei Olympia in London am Hochsprungwettbewerb teilnehmen. Ich würde ihm den Erfolg übrigens gönnen – wie auch dem Steinmeier, wenn er seine Deutschland-Plan wirklich umsetzen könnte. Aber in welcher politischen Konstellation denn? 4fach-Ampel (rot-rot-gelb-grün) oder als Juniorpartner in der großen Koalition?

    Es ist diese dramatische Diskrepanz zwischen dem hehren Ziel und der realen, für die SPD fast hoffnungslosen Lage, der den Spott provoziert. Und wenn man das vor der letzten Wahl gegebene Versprechen „mit uns keine Mehrwertsteuer-Erhöhung“ als Maßstab nimmt, steht der Bundesagentur für Arbeit einiges bevor …