Das Politik-Blog

Die Angst der Grünen vor den Piraten

Von 17. April 2012 um 11:29 Uhr

Von unserem Autor in NRW, Malte Buhse:

Claudia Roth lässt sich eigentlich nicht so schnell zum Schweigen bringen. Die Bundesvorsitzende der Grünen, bekennende Schnellrednerin und rhetorische Allzweckwaffe ihrer Partei liebt die direkte Konfrontation mit dem politischen Gegner und ist daher in Talkshows seit Jahren gern gesehener Gast.

Doch plötzlich will Roth nicht mehr reden: Eine für morgen geplante Podiumsdiskussion mit dem Spitzenkandidaten der Piratenpartei in Nordrhein-Westfalen, Joachim Paul, sagte sie kurzfristig ab.

Grund sind die neusten Umfragezahlen, die die Piraten im bevölkerungsreichsten Bundesland erstmals vor den Grünen sehen. "Die Rahmenbedingungen haben sich durch den Höhenflug der Piraten verändert", sagte der Pressesprecher von Claudia Roth dem Handelsblatt, das die Podiumsdiskussion veranstaltet.

Plötzlich nur noch vierte Kraft, aus dem Stand überholt von den politischen Frischlingen? Die Grünen sehen ihre Felle davon schwimmen, in einem für sie schwierigen Wahlkampf: Fukushima ist vorbei, jung und anders sind jetzt die Piraten. Die Grünen schalten daher auf stur. Statt inhaltlicher Auseinandersetzung wollen sie das Piraten-Problem aussitzen.

Doch Roths Rückzieher ist nicht nur mutlos – er geht auch nach hinten los. Die Angst der Grünen lässt die Piraten noch größer erscheinen. Wer eine Regierungspartei derart in Hektik versetzt, wird für Protestwähler erst recht interessant. Außerdem verpasst Roth eine gute Gelegenheit die Piraten zu entzaubern. Denn der nordrhein-westfälische Oberpirat Joachim Paul mag ein guter Redner sein, im politischen Geschäft ist er ein absoluter Neuling.

Und das frisch zusammengezimmerte Wahlprogramm der Piratenpartei bietet inhaltlich viele Angriffspunkte mit den teuren Forderungen nach kostenlosem Nahverkehr und geschenkten Laptops für jeden Schüler. Wo das Geld für all die Wohltaten herkommen soll, bleibt vage bis völlig unklar.

Auch sollte es auf dem Podium um die Energiewende, Umweltschutz und Bildung gehen – alles grüne Kernkompetenzen. Die Talkshow-gestählte Claudia Roth hätte für die Grünen viel Terrain zurückerobern können. Auch mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr, wenn die Piraten die Grünen erneut ärgern werden.

Was noch viel wichtiger ist: In der Diskussion mit den Piraten hätten die Grünen die Wähler kennen lernen können, die ihnen gerade abhanden kommen. Denn eines ist klar: Einmal im Landtag lassen sich die Piraten nur noch schwer aussitzen.

Update:

Claudia Roth hat auf ihrer Internetseite inzwischen eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie der Aussage widerspricht, den Piraten aus dem Weg gehen zu wollen. Sie hätte die Podiumsdiskussion in Düsseldorf abgesagt, weil sie am selben Tag an einem Doppel-Interview mit dem Bundesvorsitzenenden der Piraten, Sebastian Nerz, teilnehmen will. Die Grünen hätten als Ersatz für Roth die Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke nach Düsseldorf schicken wollen, sagt Roths Pressesprecher Jens Althoff. Das lehnte das Handelsblatt ab, weil Lemke „weitgehend unbekannt sei“, wie eine Sprecherin des Verlags sagt. Die Grünen sind empört: „Es ist aus unserer Sicht schlicht unverschämt, wenn das Handelsblatt meint, dass weder der grüne Landesvorsitzende aus NRW noch die Politische Geschäftsführerin keine angemessene Diskussionspartner für den Spitzenkandidaten der Piraten seien“.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Jetzt, wo die Piraten – zumindest was die Umfragen angeht – auf Augenhöhe sind, kneift Claudia Roth. Oder mit anderen Worten: Sie suchte ein Opfer, keinen Gegner.

    • 17. April 2012 um 11:55 Uhr
    • Shred
  2. 2.

    „Journalisten“, die nur Handelsblatt-Artikel recyclen statt zu recherchieren. Laut Claudia Roths Homepage stellt sich der Sachverhalt anders da: http://www.claudia-roth.de/startseite/volltext-startseite/article/nimmt_claudia_roth_eissaus_vor_piraten/

    • 17. April 2012 um 12:30 Uhr
    • Timothy Simms
  3. 3.

    Lieber Timothy Simms,
    diese Stellungnahme von Frau Roth gab es ganz einfach noch nicht, als der Blogeintrag recherchiert und geschrieben wurde. Trotzdem ist es nun natürlich interessant, wie die Kollegen vom Handelsblatt auf die Roth-Version der Ereignisse reagieren.

  4. 4.

    Statt das Handelsblatt zu zitieren, hätte man ja mal bei Claudia Roth nachfragen können, oder? Oder worin bestand die „Recherche“? Im Lesen eines Handelsblattartikels?

    • 17. April 2012 um 12:52 Uhr
    • Timothy Simms
  5. 5.

    Hätte Sie dann die Wahrheit gesagt?

  6. 6.

    Da muss man erstmal drauf kommen, Frau Roth zu unterstellen, Sie hätte „Angst“ vor dem Herrn Paul. Die Lady hat sich schon mit ganz anderen Schwergewichten gestritten, da kann Herr Paul noch lange üben. Diese Unterstellung ist daher schon absurd.

    • 17. April 2012 um 16:38 Uhr
    • Schnel
  7. 7.

    Der Zuspruch der Piraten entsteht weder wegen der ÖPNV-Idee noch wegen kostenloser Laptops. Wer dies als Grundlage für seine politische Gegenkampagne nimmt, hat schon verloren.
    Der Zuspruch der Piraten entsteht aus dem Versprechen und der Demonstration, Politik anders organisieren zu wollen! Wer das nicht erkennt und gleichzeitig durch das eigene Verhalten die eigene Verkrustung demonstriert, der hat schon verloren. Ohne nennenswerten Inhalt und ohne Reformidee stehen die Grünen nämlich ziemlich ärmlich da. Das ist das Problem.

  8. 8.

    Was erwartet man von etablierten Parteien?

    Zu den Etablierten gehören die Grünen spätestens seit der Regierungsbeteiligung unter Schröder und so verhalten sie sich nicht nur in Talkshows oder im Bundestag.

    Sie sind wie die anderen Parteien mit etwas anderem Outfit. Das war’s dann aber schon mit den Unterschieden, würde ich sagen.

    Und vor allem sollten sie sich etwas erden, denn ohne das zum „Atomumfall“ umbenannte Naturkatatrophe (Tsunami und Erdbeben mit vielen Toten) wären sie in den letzten Wahlen schon mit weniger Stimmen nach Hause gegangen.

  9. 9.

    Journalistisch war das in der Tat nicht sauber, liebe Zeit. Trotzdem ist eine Sache interessant: Sowohl Grün-Sein als auch Pirat-Sein ist eine Attitüde. Die Anhänger beider Gruppierungen haben keine „Ideologie“, die ihrer politischen Arbeit zugrunde liegt. Daher konkurrieren beide Parteien im Kern um die gleichen Wähler. Und die Grünen sind auf der Verliererstraße. Sie werden in einer neuen politischen Landschaft in Deutschland das gleiche feststellen, wie die FDP: Zum Regieren werden sie nicht mehr gebraucht. Für Rot/Grün wird es keine Mehrheiten in Deutschland mehr geben. Ebenso wenig für Schwarz/Gelb. Wenn die Grünen und die FDP künftig mitregieren wollen, müssen sie sich andere (Dreier-)Bündnisoptionen erarbeiten.

    • 17. April 2012 um 16:45 Uhr
    • Neutral
  10. 10.

    Sie sollten die Richtigkeit ihres Artikels überprüfen, denn die vom Handelsblatt behauptete Aussage, Claudia Roth nähme „Reißaus vor den Piraten“ stimmt nicht! Richtig ist hingegen, das es für den gleichen Zeitraum eine weitere Anfrage der BAMS für ein Doppelinterview mit Sebastian Nerz, dem Bundesvorsitzenden der Piraten gab.

    • 17. April 2012 um 16:46 Uhr
    • RenGo
  11. 11.

    Das ist wie mit der SPD und der Linkspartei. Man entstammt eigentlich derselben oder zumindestens einer ähnlichen Ideologie, aber wegen „unüberbrückbaren Differenzen“ die auch mit „Angst um den eigenen Posten“ übersetzt werden können kommt man leider nicht auf einen Nenner.

    Eine Frechheit gegenüber denen die einen gewählt haben.

    • 17. April 2012 um 16:48 Uhr
    • deDude
  12. 12.

    Man kann daraus auch schließen, dass der NRW-Wahlkampf für Frau Roth nicht so wichtig ist, denn Joachm Paul ist der Spitzenkandidat der Piraten in NRW und nicht der Bundesvorsitzende der Piraten Sebastian Nerz. Aus einer Diskussion von Frau Roth mit Herrn Nerz kann man für die Wahl in NRW und über die NRW-Piraten nichts lernen.

    Spannend wäre es deshalb allemal gewesen, den Biophysiker und Medienpädagogen in der Diskussion mit Frau Roth zu sehen.

    • 17. April 2012 um 16:57 Uhr
    • Ano-Nym1984
  13. 13.

    Viel in Talk Shows ist sie schon. Aber diskutieren kann sie eigentlich nicht. Dazu ist sie viel zu emotional und ihre ideologischen Grenzen halten sie von differenzierten Sichtweisen ab. (In Talk Shows ja sowieso nicht gewünscht).

    M. E. kann sie mit den Piraten und ihrer teils widersprüchlichen und pragmatisch chaotischen Sichtweise gar nicht umgehen. Vermutlich weil sie zur Welt der Technik und Datenverarbeitung im Grunde keinen Draht hat.

    • 17. April 2012 um 16:58 Uhr
    • TDU
  14. 14.

    Frau Roth kneift. Ein Erfolg der Piraten. Es wäre auch sehr unglaubwürdig, wenn jetzt die Grünen, in Vertretung von Frau Roth von den Piraten antworten wollten. Einst traten sie selbst mit nur zwei Themen in die Öffentlichkeit. Startbahn West und Wackersdorf. Mehr hatten die Grünen, zu beginn ihrer politischen Laufbahn auch nicht zu bieten. Sie hatten auch nicht auf alles eine Antwort. Und statt Strickzeug und Babys gibt es jetzt Laptops und Tablett-PC.

    Mit den Grünen, sind auch ihre Anhänger gealtert. Auch sie stellen fest, dass sie nicht mehr jeden politikfreudigen, jungen Menschen erreichen. Das es einen politischen Gegner gibt, der wie sie früher, von einer breiten Masse der Bevölkerung getragen wird. Allerdings haben die Grünen leider ihre Ideale verraten. Heute nutzen sie diese Annehmlichkeiten, die sie zu beginn ihres politischen Wirkens grundweg abgelehnt haben. Wein schmeckt anscheinend doch für die Grünen besser als Wasser.

  15. 15.

    Das Problem der Grünen ist, Sie sehen das vollkommen richtig, viel tiefgreifender.

    Die komplette grüne Spitzengarde macht sich aktuell zum Affen, und das in einer übersteigerten Weise, dass der Schaden für die Grünen ein langfristiger sein wird.

    Das politische Kabarett witzelt über die Zombies der FDP, gerade kann man sehen wie eine Partei sich aus Angst Zombiefiziert.

    Aus meiner sicht wird die Partei durch dieses Verhalten für einen großen Teil einfach ebenso unwählbar wie die CDU oder FDP.

    Marc-Uwe Kling hat dies schön erkannt.

    „Doch die blumenkinder, wer konnt das ahnen? Gingen der weg, aller Bananen.

    Heute grün und morgen gelb, und übermorgen schwarz.“

    • 17. April 2012 um 17:42 Uhr
    • Fluidum
  16. 16.

    Richtig muss das heißen:

    Vorgestern grün, gestern gelb und heute schon schwarz :-)

    • 17. April 2012 um 19:23 Uhr
    • Frohsinn
  17. 17.

    Mit Klimaretten und Stromverteuer und Dieselpreis heraufsteuer und
    Müllsortieren kann man auf Dauer keine Politik machen.
    Die grüne Altdamen- und Altherrendamenmannschaft ist megaout.
    Die Umsetzung der „Energiewende auf Landesebene“ wird ihenen den
    Rest geben.
    Bei den Piraten ist noch nicht transparent was sie wollen, da ist
    noch Hoffnung drin.

    • 18. April 2012 um 08:53 Uhr
    • Halapp
  18. 18.

    Werte Zeit-Online“
    Ist denn so verwunderlich,wenn „Piraten“ erfolgreich werden,das Volk
    hat die Lügen+falschen Wachversprechungen der Koalition CDU/FDP dicke
    satt,der Bürger+Wähler wird denen die Antwort geben,denn wer mit Steu-
    ergelder,die meisstens vom Arbeitnehmer stammen so verplempert,anstatt
    die Staatsschulden ab zu bauen ,die steigende Armut ignoriert hat,bei
    mir verspielt !!!
    M.f.G.
    Dithie

    • 18. April 2012 um 15:57 Uhr
    • Dieter Thiele
  19. 19.

    aber geben wir denen die Chance,denn was willst Du mit der 18% FDP,
    Grünen groß anfangen,auch A,Merkel hat Ihr Wahlverprechen mehrmals
    gebrochen !!!
    M.f.G.
    Dithie

    • 18. April 2012 um 16:00 Uhr
    • Dieter Thiele
  20. 20.

    Frau Roth hat doch nur Angst das es in NRW kein Rot-Grün geht.Ich sage prima dann wird Frau Kraft wenigstens mal ohne höhere Schulden arbeiten müssen.

  21. 21.

    Gut analysiert.

    So ist das halt, wenn man zu den `etablierten` gehört hat man was zu verlieren und agiert anders bzw. organisiert sich vorher statischer und wenn dann noch in der oberen Führungsriege die Angst gastiert demnächst nicht mehr täglich auf Seite 1 mehrerer Gazetten abgelichtet zu sein kann das schon mal am Ego nagen.
    Kürzlich bekam ich in den Genuß eines Radiointerviews, in dem man grüne Nachwuchspolitiker zu diesem Thema interviewte, kurz es war sehr amüsant.

  22. 22.

    Die Angst der Grünen vor den Piraten: Die Grünen sind aber zu arriviert und träge geworden. Man ist eben angekommen.

    • 21. April 2012 um 15:57 Uhr
    • Bus-x
  23. 23.

    Extrem bedauerlich, dass es nicht zum verbalen Infight zwischen Joachim Paul und Cl. Roth gekommen ist – womöglich hätte es da eine große Überraschung gegeben, wenn die grüne Trompete Roth gegen den Politikneuling Paul ziemlich alt aussieht.
    Womöglich hat Fr. Roth auch genau das geahnt.

    • 22. April 2012 um 13:58 Uhr
    • Logos.
  24. Kommentar zum Thema

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