Das Politik-Blog

Was ist bloß aus den US-Medien geworden?

Von 23. Oktober 2012 um 18:14 Uhr

Es war eine große Show, eine Serie von medialen Großereignissen. Aber man fragt sich nach drei intensiven TV-Debatten zwischen dem republikanischen Herausforderer Mitt Romney und US-Präsident Barack Obama dann doch: Was haben wir daraus eigentlich gelernt? Nicht ganz so einfach – denn die Erwartungen an diese Rededuelle im Wahlkampf sind enorm. Nähern wir uns der Antwort, indem wir zunächst grundsätzlich nach der Wirkung solcher Formate fragen.

Die empirische Forschung spricht dazu eine klare Sprache: TV-Duelle haben – wenn überhaupt – nur einen geringen Effekt. Mehr noch: Nach drei bis vier Tagen ist dieser normalerweise verblasst. Das gilt zumindest, wenn sich beide Kandidaten keine gravierenden Schnitzer erlauben. Im Falle der Debatten zwischen Obama und Romney jedoch zeigt sich ein differenziertes Bild: Die erste Runde konnte der Herausforderer überraschend positiv gestalten und für sich verbuchen. Die beiden folgenden Duelle hat Umfragen zufolge zwar Obama gewinnen können. Aber der Eindruck des ersten Duells bleibt nun schon seit mehreren Wochen der dominante: Obama und Romney bewegten sich auf Augenhöhe und tun dies nun auch in den Umfragen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Was haben wir inhaltlich gelernt? Die erste Antwort muss lauten: nicht viel. Die Narrative der Debatte lassen sich wohl folgendermaßen darstellen: „Was Sie, verehrter Herr Kandidat, heute sagen, stimmt in keinster Weise mit dem überein, was Sie vor vier Wochen zu diesem Thema gesagt haben.“ – „Dies ist eine glatte Lüge.“ – „Die Zahlen, verehrter Herr Präsident, die Sie hier präsentieren, stimmen in keinster Weise mit den kürzlich veröffentlichten Zahlen aus Ihrem Hause überein.“ – „Ihre Additionen stimmen hinten und vorn nicht“ … Man kann den Gesprächsfaden beliebig weiterspinnen.

Den Mächtigen widersprechen

Dennoch war die Show erhellend, denn sie hat in einer seltenen Deutlichkeit die schwache Rolle der amerikanischen Medien gezeigt. Dass wir uns hier im Heimatland des kritischen, aufgeklärten Journalismus befinden, wurde in dieser Debattenphase in keiner Weise deutlich. Denn ebenso wichtig wie die Präsentation der Kandidaten selbst ist es, deren Aussagen hinterher einzuordnen und der Öffentlichkeit eine ausgewogene Einschätzung zu den diskutierten Themen zu bieten.

Wo aber waren hier die kritischen Journalisten in der Nachlese der Debatten (aber auch während der gesamten Kampagne)? Seit sich die Gründer der USA gegen den britischen König stellten, galt das “speaking truth to power” als Lebenselixier, als Manifest der amerikanischen politischen Kultur: Unbequeme Wahrheiten müssen ausgesprochen werden, auch wenn sie den Mächtigen widersprechen mögen. Dies galt auch und vor allem als zentrales Element einer kritischen Presse – und genau dieser Aspekt ist über die vergangenen Jahre verlorengegangen.

Anstelle kritischer Berichterstattung, die bemüht ist, Fakten auf den Tisch zu bringen, ergehen sich die amerikanischen Medien mehr und mehr im sogenannten “Horse-race”-Journalismus. Nicht Sachfragen, etwa nach den angestrebten sozialen und wirtschaftlichen Reformen oder deren Finanzierung, werden gestellt; die brennenden Fragen sind vielmehr: Wer liegt in den Umfragen vorn? Wer war Sieger der Debatte? Dies zu diskutieren ist natürlich legitim, aber wenn solche Einschätzungen die sachorientierten Analysen fast völlig verdrängen, dann werden die Medien ihrem Anspruch nicht mehr gerecht. Nicht “truth to power” wird mehr gesprochen, sondern eher “opinion to public”. Und gerade weil amerikanische Medien traditionell meinungsstark sind und beispielsweise bestimmte Kandidaten offen unterstützen und andere heftig kritisieren, lässt diese einseitige Art der Berichterstattung viele Zuschauer ratlos zurück.

Fact Checking oft ausgelagert

Um es klarzustellen: Dies ist keine Kritik an den Moderatoren der TV-Duelle. Vor allem Candy Crowley, die CNN-Moderatorin der zweiten Debatte, hat live vor Millionen von Zuschauern Darstellungen der Kandidaten richtiggestellt. Aber dies ist die Ausnahme – das sogenannte fact checking, eine Kernkompetenz der Medien, wird zunehmend ausgelagert. Unabhängige Organisationen nehmen sich dieser wichtigen Aufgabe an. Ihnen gebührt alle Ehre, hier wird hervorragende Arbeit geleistet – etwa wenn die Aussagen der Kandidaten anhand von Statistiken und früheren Verlautbarungen darauf geprüft werden, wie zutreffend beziehungsweise realistisch sie sind.

Hier beispielsweise das aktuelle Bild, das sich auf politifact.com ergibt:

Diese Website ist zugleich eines der seltenen Beispiele für ein Faktencheck-Portal, das von einer Zeitung betrieben wird. Andere sind hingegen an Forschungseinrichtungen angesiedelt (etwa factcheck.org) oder werden von – oftmals einem bestimmten Kandidaten zugeneigten – Organisationen betrieben (etwa actually.org).

Gemein ist ihnen allen, dass diese wichtige Form der “Nacharbeit” die breite Öffentlichkeit nicht (mehr) erreicht. Sie wird kaum noch in die mediale Berichterstattung eingespeist. So ist ihr Stellenwert verglichen mit all dem, was das “horse race” zu bieten hat, sehr gering. Was wir aus den TV-Duellen in diesem Wahlkampf gelernt haben, ist also in erster Linie, dass die Medien zwar starke Meinungen, nicht aber starke Analysen bieten.

Kategorien: Medien, TV-Duelle, USA
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Richtig peinlich wird es, wenn ich erst in Russian Today lesen muss dass es auch eine Diskussionsrunde der alternativen Kandidaten mit Larry King gegeben hat.

  2. 2.

    Ich hoffe mal, dass dieser Blockeintrag auch etwas zur Selbstkritik beiträgt.
    Man braucht nicht erst in die USA zu schauen. Ein Blick auf die deutsche Medienlandschaft reicht doch auch. Es reicht alleine schon auf die Artikel in Zeit Online zu schauen. Wie viele Artikeln werden hier veröffentlicht, die weniger Nachrichten, sondern viel mehr Meinungen sind (und nicht als solche deklariert werden)? Wie oft werdne einfach Nachrichten von den Agenturen einfach so übernommen? Wie oft werden bei z.B. naturwissenschaftlichen/technischen Artikeln die falschen Begriffe verwendet (z.B. “Arbeit” statt “Leistung”)? Wie oft werden Studien unhinterfragt weiterverwendet (Das beliebte Thema “Fachkräftemangel”, die Frage nach Korrelation und Kausalität etc.)? Wie viele Artikel erscheinen hier den, welche wirklich gut recherchiert sind?
    Die Liste ließe sich weiter fortführen. Es ließen sich unzählige Beispiele anführen. Bevor man den mangelden kritischen Journalismus, den fehlenden Faktencheck, den “Horse-race”-Journalismus, den “opinion to public” etc. bei den amerikanischen Medien kritisiert, sollte man sich zuesrt im eigenen Hinterhof umschauen. Von einer Zeitung (bzw. dessen Online-Portal), welcher eigentlich für Bildungsbürger gemacht ist, sollte man den Leser mehr “speaking truth to power” zumuten können.

    • 24. Oktober 2012 um 12:06 Uhr
    • McBudaTea
  3. 3.

    Was ist bloss aus den deutschen Medien geworden? Zu diesem Thema könnte man einen ganz ähnlichen Artikel schreiben. Die Kommentare zu den sogenannten TV-Duellen in den Online-Ausgaben deutscher Zeitungen sind kein bisschen besser als die amerikanischen. Und das schon deshalb, weil man dabei von einer unsinnigen Voraussetzung ausgeht. Ich meine die Annahme, dass man etwas Wichtiges über den Verlauf des amerikanischen Wahlkampfs und die Gewinnchancen der Kandidaten erfährt, wenn man gesagt bekommt, wer jeweils das “Duell” gewonnen hat. Als ob die Wahl durch den Punktsieg in den medialen Schaukämpfen entschieden würde.

    • 24. Oktober 2012 um 12:35 Uhr
    • Dieterf
  4. 4.

    Es besteht tatsächlich kein Grund, sich über US-Medien zu mokieren.
    Gleiches lässt sich doch gut auch hierzulande beobachten. Und ohne jetzt explizit die Zeit online anzusprechen, sind es oft die online Medien, die mit schlechtem Qualitätsbeispiel vorangehen.
    Was ich aber nicht verstehe, sind Einschränkungen wie “Dies ist keine Kritik an XY”. Natürlich muss das eine Kritik auch an den handelnden Personen sein, wer sonst soll die Zustände ändern?

  5. 5.

    Immerhin kennt CNN alle Fakten zum internationalen Terroristmus – und von dessen Zukunft, und kann genau sagen was hier alles wahr und falsch ist.
    ( http://edition.cnn.com/2012/10/22/politics/fact-check-al-qaeda/index.html?iid=article_sidebar )
    Auch wenn die Geheimdienste, Polizei und Militär hier trotz Milliardenetat oft im Trüben fischen. Erstaunlich, nicht?

    • 24. Oktober 2012 um 13:11 Uhr
    • me
  6. 6.

    Wau, man … scheint zu bemerken, dass bei diesen gleich geschalteten Massenmedien so ganz und gar nichts mehr in Ordnung ist. Demnach können wir eine einzige Zeitschrift auf der gesamten Welt benutzen, weil alle eh immer nur das gleiche schreiben. Es ist ein Unding, dass nur wenige die Medienlandschaft beherrschen und vorgeben, was zu schreiben ist. Der Journalismus ist tot, es gibt nur noch Handlanger, die irgend etwas abliefern – selbst total getürktes, erlogenes und erstunkenes – und irgend einen Obolus dafür erhalten. Hinterfragt werden diese Meldungen kaum noch, sie müssen dann nur noch in irgend ein negatives Schema passen und werden dann gesendet, oder geschrieben. Wird Zeit, dass Europa ein Kontrollgremium eröffnet, dass die Meldungen überprüft und ABMAHNANWÄLTE beschäftigt, die den Schwachsinn bearbeitet. Hier hätten diese schmierigen Abmahnanwälte endlich mal eine ehrliche Aufgabe zu erledigen!

    • 24. Oktober 2012 um 13:18 Uhr
    • Kurtrichard
  7. 7.

    Um hier auch mal eine Lanze fuer gute journalistische Arbeit in Deutschland (auch der ZEIT) zu brechen:

    Wer nicht bereit ist fuer guten Journalismus angemessen zu bezahlen, der bekommt eben nur die schlappen Artikel der Online-Portale zu lesen. Als Abonnent der gedruckten ZEIT bin ich einigermassen froh dass nicht auch noch die gesamte Ausgabe kostenlos online erscheint, wo schon genuegend Beitraege fuer die ich bezahle unveraendert online erscheinen. Die aufwaendigen Reportagen und features gibt es eben immer noch nur gegen Geld. Die Online-Portale sind kein Massstab fuer den Zustand der deutschen Presse!

    Der Erfolg der (gedruckten) ZEIT in der aktuellen Krise der Printmedien beruht meiner Meinung nach darauf, dass die ZEIT eben keinen horse-race-Journalismus der neuesten News betreibt, sondern Analysen, Kommentare und Meinungen bietet, oft genug gegensaetzliche Meinungen zu einem Thema innerhalb einer Ausgabe.

    Wenn ich die gesamte Medienlandschaft in Deutschland (auch in Funk und Fernsehen: ARD, WDR, NDR, 3sat, Arte, Deutschlandfunk) z.B. mit dem mageren und oekonomisierten Angebot der niederlaendischen Medien vergleiche, habe ich keinen Grund zu klagen!

    • 24. Oktober 2012 um 13:39 Uhr
    • Pubert
  8. 8.

    Die Medien sind nur das Abbild der Journalisten. Natürlich verstehe ich die komfortable Anonymisierung, weil die persönliche Verantwortung nicht angesprochen wird. Aber wer selbst in einem solchen System mitmacht, kann nicht später behaupten, er sei bestenfalls nur Mitläufer gewesen, nein. Allenfalls müsste festgestellt werden, dass die viel beschworene Unabhängigkeit reine Behauptung ist und es kritische Artikel kaum auf die Titelseite bestimmter Medien schaffen, weil eben doch redaktionelle Vorgaben massgebend sind.

  9. Kommentar zum Thema

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