Das Politik-Blog

Politiker müssen Anti-Sexismus-Rhetorik Taten folgen lassen

Von 3. Februar 2013 um 16:07 Uhr

Betrachtet man die deutsche Sexismus-Debatte mit einer gewissen Distanz, etwa aus der Perspektive der USA, so wird deutlich, welche Auswirkungen derartige gesellschaftspolitische Diskussionen hier wie dort haben können. Man darf allerdings hoffen, dass die dortigen Regeln der “political correctness” nicht bald auch hier gelten. Sie entstanden sicherlich mit besten Intentionen. Inzwischen aber haben sie Dimensionen angenommen, die für keinen der Beteiligten hilfreich sind. Statt Respekt und Verständnis füreinander zu fördern, verhärten sie die Fronten bisweilen eher noch.

Am Beispiel Rainer Brüderle zeigt sich: In Deutschland geht man mit solchen Anlässen durchaus anders um als in den USA. Er steht ganz persönlich in der Kritik, doch viele Kommentatoren haben längst und mit Recht angemerkt, dass die Debatte nicht anhand einer bestimmten Person geführt werden sollte. Denn die Beobachtungen, um die es geht, treten im Alltag zuhauf und an ganz unterschiedlichen Stellen auf. Die politische Dimension für Brüderle und die FDP ist verglichen damit zweitrangig.

In den USA hingegen sind gesellschaftspolitische Debatten noch stärker mit Personen verknüpft. Das hat einen bemerkenswerten Effekt: Insbesondere Politiker der Republikanischen Partei “üben” in diesen Tagen verstärkt das politisch korrekte Auftreten. Der lange Wahlkampf im vergangenen Jahr hat viele unbedachte oder auch tatsächlich respektlose Äußerungen zutage gebracht, die der Partei in der öffentlichen Wahrnehmung und damit auch in der harten politischen Währung der Wählerstimmen nachhaltig geschadet haben.

Rhetorik und politisches Handeln klaffen auseinander

Den Republikanern geht es nun darum, mittelfristig wieder Wählerschichten für sich zu gewinnen, ohne die in Zukunft keine Präsidentschaftswahl mehr zu gewinnen ist: etwa Hispanics, Asiaten – oder eben Frauen. Über diese Gruppen will man nicht mehr herablassend sprechen, einem “Sensitivitätstraining” sollten sich die Politiker unterziehen, heißt es. Und die selbst auferlegte Maßregelung nimmt absurde Züge an: Beispielsweise ist doch tatsächlich mit Blick auf mittel- und südamerikanische Einwanderer der Ratschlag zu hören: “Don’t use phrases like ‘send them all back’.” oder; “Don’t characterize all Hispanics as undocumented and all undocumented as Hispanics.” Dies nur als kleine Kostprobe.

Über diese republikanische Rhetorik wird in den USA gerade viel berichtet. Das politische Handeln auf diesen Themenfeldern findet dagegen oft unterhalb des nationalen (kritischen) medialen Radars statt. So werden etwa in den Staaten, in denen Republikaner reagieren, Abtreibungskliniken geschlossen. Die Amtsträger dort vertreten auch vielfach deutlich frauenfeindliche Standpunkte zu Verhütung oder Gesundheitsvorsorge. Gleichzeitig spricht die Struktur der Abgeordneten im Kongress nicht gerade dafür, dass aktiv Frauen rekrutiert werden. Die Republikaner haben sehr viel weniger weibliche Abgeordnete im Repräsentantenhaus als die Demokraten: Von den 234 Mitgliedern sind lediglich 20 Frauen; bei den Demokraten sind es immerhin 61 von 201 (mehr dazu auch in einer aktuellen Ausgabe der Rachel Maddow Show).

Über konkrete Veränderungen nachdenken

Die Diskrepanz zwischen Rhetorik und tatsächlichen politischen Positionen mag in Deutschland weniger drastisch sein, allerdings besteht sie auch hierzulande. Mit Blick auf die Sexismus-Debatte sollte man vor allem die Politik nicht nur an Worten, sondern auch an Taten messen. Wo bleiben die Frauen in den Aufsichtsräten? Wo bleibt die Quote? Wie steht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Warum haben wir im Jahre 2013 immer noch zu wenige Kita-Plätze? Auch dies sind Fragen, die im Zusammenhang mit alltäglichem Sexismus gestellt und beantwortet werden müssen.

Die derzeitige Debatte ist wichtig. Aber ihr ganzes Potenzial entfaltet sie erst, wenn wir sie zum Anlass nehmen, über konkrete Weichenstellungen zu sprechen. Nur dann kann es nachhaltige Veränderungen für unser Miteinander geben. Lasst uns über gesellschaftspolitische Positionen sprechen!

Kategorien: Brüderle, USA
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wir müssen in dieser Debatte nicht nur von Brüderle wegkommen, sondern auch vom “Mann” als sexistischem Tätergeschlecht. Die krassesten sexistischen Übergriffe in meinen Erlebnissen gingen nämlich von Frauen aus – und richteten sich gegen andere Frauen. Beispiel: An meiner ersten Arbeitsstelle schlossen sich Kolleginnen gegen zwei gut aussehende neue Mitarbeiterinnen zusammen und ließen allein aufgrund deren Aussehen kein gutes Haar an ihnen. Es wurden Intrigen gesponnen und wiederholt beim Vorgesetzten deren Leistungen in Frage gestellt. Am Ende mussten beide gehen, um den Frieden wiederherzustellen.

    Die alten Mann-gegen-Frau-Grabenkämpfe werden dem Thema einfach nicht gerecht.

  2. 2.

    “Wo bleiben die Frauen in den Aufsichtsräten? Wo bleibt die Quote?”

    Sie fordern Sexismus mit Sexismus und sexueller Diskriminierung zu bekämpfen.

    Eine Quote ist für mich ganz Eindeutig sexuelle Diskriminierung des des jeweils anderen Geschlechts. Damit ist es meiner Meinung nach auch ein Verstoß gegen das AGG und somit illegal.

  3. 3.

    Trotz anders lautender Gerüchte, sind Frauen nicht die “menschlicheren” Menschen und werden in Macht- oder Verteilungskampf auch immer alle Mittel einsetzen, egal ob gegen Mann oder Frau.
    Eine Quote für Führungsposten mag ggf. dazu führen, dass einer Elite von Frauen der Bergaufkampf erspart bleibt, aber in den Chefetagen angekommen wird dadurch der Sexismus nicht kleiner, bestenfalls durch einen anderen ersetzt.
    Frau Merkel kann potentielle Konkurrenten ebenso gut wegbeissen wie Herr Kohl es konnte.

    Maßnahmen gegen Sexismus, dürfen und können sich nicht am Geschlecht festmachen, denn das ist schlicht widersinnig.

    Vlt. sollte man einfach damit anfangen Respekt und Anstand wieder als erstrebenswerte “Softskills” zu propagieren. Dann kann man sich weite Teile der Sexsmus-Debatte sparen.

    • 4. Februar 2013 um 19:20 Uhr
    • welll
  4. 4.

    Sexismus ist eine Waffe der Frauen, die manche skrupellos einsetzen und eine Debatte aus den Achtzigern des letzten Jahrhundert, die aufgewärmt nicht appetitlicher wird. Frauen sind eben keine besseren Menschen.

  5. 5.

    Ich bedanke mich für die bisherigen Kommentare, ein guter Weg die Debatte zu versachlichen. Es wird Zeit.

    • 4. Februar 2013 um 20:15 Uhr
    • Quas
  6. 6.

    .. fällt herab ein träumelein

    >>Vlt. sollte man einfach damit anfangen Respekt und Anstand wieder als erstrebenswerte “Softskills” zu propagieren.<<

    ja, genau. warten wir einfach mit der zivilisierung der geschlechterverhältnisse, bis die betreiber des vernunftlosen marktkompetitiven rattenrennens ihre materiellen interessen treuherzig den 'guten sitten' unterordnen. auf die erfüllung der aufklärerischen mindestanforderung egalitärer geschlechterverhältnisse haben die frauen eh schon ziemlich lange gewartet. auf ein paar generationen mehr kommts da nicht an.

    nur mal so: sind naiv-überschnappende argumentationen wie die in den ersten drei beiträgen ihren schöpfern nicht doch ein bisschen peinlich?

  7. 7.

    @ hier kommt die Braut

    Es hätte an sich keiner Untermauerung meines Kommentars bedurft, aber ich sanke Ihnen dennoch herzlich.

    • 4. Februar 2013 um 20:29 Uhr
    • welll
  8. 8.

    sanke gleichfalls

  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)