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AfD-Schock durchkreuzt Prognose des Kanzlermodells

 

Von Thomas Gschwend und Helmut Norpoth
Die Prognose des Kanzlermodells von 51,2% für Schwarz-Gelb weicht deutlich vom kombinierten Stimmenanteil von 46,3% dieser Parteien am Wahlabend ab. Scheint das erfolgreiche Kanzlermodell plötzlich auf dem Holzweg zu sein? Die eigentliche Stärke des Kanzlermodells, das es Prognosen schon lange vor der Wahl erlaubt, konnte bei dieser Wahl durch einen Schock wie dem plötzlichen Aufstieg der AfD nicht zum tragen kommen.

Für jede Vorhersage müssen Annahmen getroffen werden, ob es jetzt Volkswirtschaftler sind, die das Bruttoinlandsprodukt oder das Wirtschaftswachstum schätzen, oder eben Politikwissenschaftler, die den Wahlausgang vorhersagen. Das liegt in der Natur der Sache. Sind dann diese Annahmen nicht gegeben, kann es zu fehlerhaften Prognosen kommen.

Für das Kanzlermodell müssen wir etwa annehmen, dass diese Wahl sich nicht systematisch von anderen Bundestagswahlen unterscheidet, sofern das nicht über unsere drei erklärenden Faktoren, den längerfristigen Wählerrückhalt der Regierungsparteien, den Abnützungseffekt der Regierung sowie die KanzlerInnenpopularität hinreichend genau beschrieben werden kann. Wir hatten zwar darauf hingewiesen, dass es der Union alleine zu einer Mehrheit nicht reichen wird, falls die FDP nicht in den Bundestag einziehen würde. Freilich haben wir das nicht für wahrscheinlich gehalten, nach allem was wir aus der Geschichte von Bundestagswahlen wissen. Das besondere am gestrigen Wahlergebnis ist die Tatsache, dass es rechts von der Union ein Partei dabei ist sich zu etablieren, die AfD, die wie Phönix aus der Asche in den letzten Wochen vor der Wahl aufgestiegen ist und nun stolz sein kann, die üblichen Annahmen zur Wahlarithmetik, auch die unseres Modells, ordentlich durcheinander zu wirbeln.

In 2005 hatte das Kanzlermodell mit einer ähnlichen Herausforderung zu kämpfen. Links von SPD und den Grünen hatte sich eine neue Partei formiert, die Linken. Allerdings konnten wir aufgrund der Umfragen diese Entwicklung besser abschätzen und letztlich den Wert für den längerfristigen Wählerrückhalt dafür erfolgreich korrigieren. Diese Möglichkeit gab es diese Mal nicht. Als wir am 24. August, etwa vor einem Monat, unsere Prognose auf diesem Blog veröffentlichten, wurde die Unterstützung für die AfD noch nicht zuverlässig mittels Umfragen gemessen und folglich von den Umfrageinstituten nicht extra ausgewiesen. Daher haben wir in unserem Wert für den längerfristigen Wählerrückhalt von Schwarz-Gelb auch fälschlicherweise das Wählerreservoir der AfD abgebildet – ohne es zu wissen. Insofern deckt unsere Vorhersage von 51,2 % eigentlich das gesamte konservativ-liberale Lager, einschließlich der AfD ab – und diese Parteien kommen zusammen übrigens auf 51% der Zweitstimmen. Das zeigt, dass die Logik des Kanzlermodells auch bei dieser Wahl funktionierte. Das Modell konnte nur nicht mehr kurzfristig eine politisch relevante Prognose für Schwarz-Gelb bei gleichzeitigem Auftreten der AfD formulieren. Solche kurzfristigen Entwicklungen können nicht systematisch in Vorhersagemodelle integrierte werden, wenn diese den Wahlausgang nicht erst am Wahlabend um 18 Uhr vorhersagen sollen sondern möglichst lange vor einer jeden Wahl formuliert werden.

1 Kommentar

  1.   Thorsten Haupts

    Selten genug und dafür ernstgemeinten Beifall: Ein Modellversagen eingestehe und es verständlich erklären.

    Macht einmal mehr deutlich, wie stark Modellierungen menschlichen Verhaltens aller Art auf die Fortschreibung von Trends aus der Vergangenheit angewiesen sind. Und schon deshalb immer mit äusserster Vorsicht zu geniessen sind – die nächste in der Vergangenheit noch nicht existente Überraschung lauert an der nächsten Ecke.

    Gruss,
    Thorsten Haupts