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Clärchens Ballhaus – the place to be.

 

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dies hier öffentlich zugeben soll, aber: Egal! Im Rahmen umfangreicher Feierlichkeiten war man in Clärchens Ballhaus eingerückt: und es war gut! Ein großer Ballsaal, warmgebollert von zwei gigantischen Kachelöfen und Hunderten von Menschen. Eine Tanzfläche, über der die größte vollständige Spiegelkugel hängt, die ich je sah, auch muss, so behauptet zumindest steif und fest, mein Rest-Erinnerungsvermögen, ein nicht geringer Teil der Lokalität mit Alufolie ausgestaltet gewesen sein. Die Tanzfläche wird umringt von Tischen, eine Bierbar und eine „Weinbar“, die aber auch Longdrinks und ein paar Cocktails bereithält, am Nord- und Westflügel der Tanzfläche.

Was auffällt: Das Personal! Ganz, ganz alte Schule. Und äußerst gemischt. Eine pummelige Kaltmamsell, eine atemberaubende, direkt aus einem Almodóvar-Film entsprungen scheinende, an Rassigkeit und Grazilität nicht zu überbietender Kellnerin, mehrere schrullige, livrierte Herren, extrem serviceorientierte Barmänner, die auch ausgefallene Getränke-Extrawünsche gern erfüllen – kurz: ein bunt zusammengecastetes Sammelsurium von Originalen. Man muss sich Clärchens Ballhaus so vorstellen, wie das Kumpelnest 3000 zu besten Zeiten, allerdings auf etwa einem Viertel der Drehzahl. Was hier an Leuten zusammenkommt, ist dermaßen bizarr und wundervoll gemischt, dass es schwer zu beschreiben ist. Völlig durch Schminkexzesse und abartigste Kostümierung entstellte Sekretärinnengruppen aus Lichtenrade, hochnäsige Tango-Tänzer, Gigolos in den späten Fünfzigern, komplett in Woolworth gekleidet, aber begnadet beim Tanzen, Touristen, Nachbarn, ganze Partybesatzungen, schöne, hässliche, gerade, krumme. Es herrscht hochansteckende Ausgelassenheit.

Ich beobachtete einen einsamen, vierschrötigen Mann Mitte Fünfzig, der allein an einem Tisch saß und sein Hartz IV Monatssalär vertrank. Er stierte umher, nach einem Tanzopfer suchend. Er sah eine Frau, die mit ihrem Freund am Tisch saß. Er stand mühsam auf, was viele Sekunden dauerte, wankte langsam zu dem Paar hin. Forderte die Frau zum Tanz auf. Die Frau schaute eine Hundertstelsekunde lang angewidert, dann zog sie ihre Miene gerade, zwinkerte Ihrem Freund zu und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen. Es lief irgendein im Grunde genommen unerträgliches Tanzlied, möglicherweise „Sex Bomb“, egal, jedenfalls tanzten die beiden in einer Entfesseltheit miteinander, die beängstigte. Der Mann, so schien es, wollte jeden Moment vor Glück platzen. Nach dem Tanz führte er die Frau brav zurück, setzte sich wieder an seinen Trinktisch und trank weiter. Diesem Mann war geholfen worden. Wie sehr, wissen wir alle vielleicht gar nicht.

Tatsache ist, in Clärchens Ballhaus möchte man am liebsten täglich. Es ist ein herrlicher, kranker, gesund machender Ort. Es möge bitte immerdar bestehen.

Mehr hier: http://www.ballhaus-mitte.de/

2 Kommentare

  1.   Kersten

    Hier ist der Artikel aus der Zeit

  2.   rosi wesiak

    das tollste, das wir je sahen, ein für uns unvergessliches highlight, hoffentlich bleibt es so wie es ist

 

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