Streik

Aus einem fahrenden Bus heraus streikende BVG-Mitarbeiter fotografieren – kann man origineller bloggen? Ich glaube, nicht.

 

Ich hätt gern von der Wurst, von der grünlich schimmernden

Ich habe heute etwas sehr zartes bei meinem Stammmetzger erlebt. Der Metzgersladen, eine normalerweise sehr solide geführte Fleischverkaufsfachstube, befindet sich schon seit Wochen organisatorisch in Schieflage, weil der Metzgermeister längerfristig influenzal erkrankt ist.

Jedenfalls arbeitete heute dort eine Hilfskraft, ein flaumbärtiger hagerer Auszubildender, der auch schon recht stark erkältet schien und ansonsten sehr langsam arbeitete, weil ihm die gereichten Wurstsorten überwiegend nicht geläufig waren. Die Kundenschlange war dementsprechend lang und alles zog sich hin. Ich beobachtet den jungen Mann bei seiner Arbeit, wie er bald hier, bald dort Leber- und Gelbwürste anschnitt, ein wenig Hackfleisch aus der Hackfleischmaschine sprotzeln ließ undsoweiter undsoweiter.

Plötzlich brach ich in einen stummen spastisch zuckenden Lachanfall aus. Was war geschehen? Ganz einfach, mir war erst nach einigen Minuten aufgefallen, dass der – erkältete – Metzgerslehrling stets aufs neue für jede angeschnittene Wurst ein kleines knisterndes Zellophanverpackungstütchen aus einer sterilen Verpackung holte, und weil ihm das aufpitzeln der Einfüllöffnung (statische Aufladung!) zu lästig war, pustete er jeweils in diese Öffnung rein und ribbelte mit beiden Händen daran herum, weil sie sich dann leichter öffnen ließ.

Niemand bemerkte was. Niemand schnallte, dass er ausgerechnet in die vormals sterile Zellophanumverpackung seinen bakterienumwölkten Atem reinpustete.

Das ließ mich den Rest des Tages immer wieder kurz und hell auflachen.

 

Götter basteln in Schöneberg

Dass ich eine Kirche nochmal von innen sehen würde – ich hätte es nicht gedacht. Ich bin nämlich mit einer bekennenden Atheistin zusammen und auch mir ist das Summen, Brummen und Klimbim der Religionen zuweilen suspekt. Gestern saß ich aber doch in einer Kirche. Meine Die Tochter singt nämlich auf ausdrücklichen, eigenen Wunsch in einem Kinderchor mit und dieser Kinderchor wurde von einer Schöneberger Kirchengemeinde angefragt, einen Nachmittagsgottesdienst für Jugendliche zu verschönern. Dass die Atheistenfrau und ich da als Publikum zugegen sind, ist natürlich Ehrensache.

Ich sitze da also hineingezwängt in einer Kirchenbank. Zur rechten die erwähnte Atheistin, zur linken eine mir nicht bekannte, glockenrockumwogte, weithin sichtbar gläubige Christin. Ich bin quasi gesandwicht. Ansonsten rekrutiert sich das Publikum aus ein paar versprengten Konfirmanden, zitternden Opas und den Eltern der Kinderchormitglieder. Auftritt Pfarrer, ein korpulenter Lebemann mit weißweinbedingter Erdbeernase. Er macht auf lässig, ökumenisch, flockig – und anstatt, wie es sich gehört, eisenharte Liturgie mit donnernden Predigten zu verbinden, beginnt er die anwesenden Halbstarken und Eltern der Chorkinder in den Gottesdienst mit einzubeziehen. „Ja, wem von euch ist Gott denn schon mal begegnet“, fragt er mit blitzenden Schweinsäuglein in die Runde. Obwohl ich nicht gläubig bin bete ich, dass er nicht meine Atheistenfrau anspricht, denn so, wie sie drauf ist, sagt sie knallhart, dass sie nicht an Gott glaubt. Macht er aber auch nicht, er spürt es wohl irgendwie. Mürbe rhabarbert der eine oder andere Anwesende von Epiphanien im Kaisers-Supermarkt oder ähnlich unwirtlichen Orten, der Pfarrer ist’s soweit zufrieden. Doch dann ein Schock. Der Pfarrer erhebt seine Stimme: “Wir teilen uns nun in vier Arbeitsgruppen. Wir haben vier Tische mit Bastelmaterial vorbereitet. Jeder, ich wiederhole jeder, auch die Erwachsenen – er blickt neckisch über den Rand seiner Lesebrille – darf nun gestalten, wie er seinen Gott sieht.“ Ohje. Ich mache ja bei sowas immer sofort mit. Ich kann jederzeit die feine Membran zwischen Ironie und Mitmachen durchlässig werden lassen und schlendere zu einem Basteltisch. Ergreife eine Packung „Wasserbomben“, blase einen dieser Miniaturluftballons bis kurz vors Platzen auf, male mit Edding einen Smiley darauf, knote ihn unten zu, stecke ihn oben auf einen Strohhalm, dessen unteres Ende ich ein einem Fünfmarkstückgroßen Stück Knetmasse fixiere. Fertig ist mein Gott. Rundherum Supersache.

Oh, der Pastor hat mich beobachtet. Er sieht mich aus einigen Metern entfernung durchdringend an. Lasse schuldbewusst meinen Gott auf die Tischplatte sinken und versuche mich vom Tisch wegzuschleichen. Zu spät. Der Pfarrer eilt auf mich zu. Schweißperlen auf der Nase, schnauft er: „Das ist von Ihnen, ja? Darf ich das haben? Ich möchte dazu gleich was sagen“. Scheiße. Gleich wird er mich vor allen Leuten fertig machen, mich unwürdigen kleinen Lästerboy, der alles mit einer in Sekunden hingequasten Gott-Karikatur ins Lächerliche zieht. Wird mich das Stahlgewitter seiner kirchlichen Macht spüren lassen. Doch damit nicht genug, ich habe Kinder infiziert, alle wollen auch so einen Gott basteln, Wasserbomben aufpusten und es mir nachtun, aber ihre kleinen Kinderlungen schaffen es nicht. Ich weide mich ein bisschen an ihrem Elend und schleiche mich zur Kirchenbank zurück, wo die Gattin mich ebenfalls bereits mit wütend grünen Augen anfunkelt. Sie findet es natürlich doof Gott basteln zu müssen. Aber genauso doof und noch dazu kindisch findet sie, dass ich mich über das Gottbasteln lustig mache. Alles findet sie doof, ich sehe es in ihrem Gesicht.

Eine Viertelstunde später werden die Arbeiten vorgestellt. Der Pastor hält vollgekleckste Kinderbilder und schiefe Basteleien hervor, alles höchst gut gemeint. Dann macht er eine Kunstpause und holt meine, nun, Installation hervor. Hält sie in die Luft. Eisiges Schweigen in der Kirche. Nun wird er mich in der Luft zerreißen. Ich senke mein Haupt.

Der Pastor hebt an und deutet in meine Richtung: „Dieser junge Mann hier, er hat etwas ganz Besonderes gebastelt.“ Dann hält er meinen wackeligen Gott in die Höhe. Das Grinsegesicht wackelt auf dem Strohhalm hin und her. Die ersten Konfirmanden beginnen zu kichern. Der Pastor fährt fort:
„Es ist schön zu sehen, wie euch dieses Bildnis erfreut hat. Ihr alle habt fröhlich gelacht. Freude, das ist die Botschaft Gottes. Doch in diesem kleinen Kunstwerk steckt noch mehr. Man könnte zum Beispiel einwenden, diese Wasserbombe ist nicht zum Aufblasen gedacht. Doch weit gefehlt, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, geht es. Die Überwindung von Schwierigkeiten, das Durchhalten, das Festhalten an einem Ziel, das ist hier wunderschön ausgedrückt. Doch noch mehr sehen wir: Hoch schwebt Gott – an einem Strohhalm – über uns und betrachtet unser Tun. Doch er hebt nicht ab, erhebt sich nicht über uns. Erdverbunden ist er, durch den Strohhalm.. Er ist biegsam, aber er bricht nicht. Einem Bambusstengel gleich trägt dieser leichte, kleine Strohhalm dieses große, fröhliche Gesicht, mühelos. In stürmischen Zeiten – er pustet gegen den Halm, sodass der Luftballon wie eine Boxbirne vor- und zurückschauckelt – gibt er nach, hält aber seine Last nahezu spielerisch. Und ja – woran denken wir, wenn wir nicht weiter wissen? An den rettenden Strohhalm, an den wir uns klammern.“

Kunstpause.

„Die Knetmasse hier unten wiederum soll uns ein Vorbild für Festigkeit sein. Auch sie ist eigentlich weich, gibt aber einen festen Halt, so wie die Ackerkrume für die Saat. Auch erlaubt uns die Knetmasse, den Gott überall hinzustellen.“ Zum Beweis pappt er meinen Gott seitlich an sein hölzernes Rednerpult und fährt fort: „Gott ist, wo wir gehen und stehen. Gott ist bei uns, immer und überall!

Es ist still geworden in der Kirche. Hinten höre ich, wie sich jemand gerührt schneuzt. Sagenhaft.
Bin auch ganz bewegt. Erwäge kurz, mich spontan taufen zu lassen.

Dann macht es „klatsch“ und mein gebastelter Gott fällt zu Boden. Billige Knetmasse halt. Ich schwöre, in dem Moment als er zu Boden fiel, hat er mich kurz angezwinkert, mein kleiner Gott. Und daher sind Gott und ich jetzt Freunde.

 

Schwaben und Servicewürste

Es geschah an einem Grünkohltag. Grünkohltag? Ich muss es wohl erklären. Ein Grünkohltag ist ein Tag, an dem man morgens aufwacht, müde, erschöpft und übellaunig. Man weiß genau, dass das Einzige, was einen überhaupt aus dem Bett hochreißen kann die Aussicht ist, des Abends Grünkohl mit Kartoffeln und Schinkenknackern zu essen. Man nimmt hierfür daselbst ein Kilo tiefgefrorenen Grünkohl, schält etwa die selbe Menge an Kartoffeln, schwitzt eine kleingehackte Zwiebel in etwas Schweineschmalz an, löscht mit einem Viertelliter Rindskraftbrühe, gibt eine Kinderhand voll Liebstöckel hinzu, kantet den tiefgefrorenen Grünkohlklotz nebst den in kleine Stifte geschnittenen Kartoffeln hinzu, salzt beherzt, verlängert mit einem Viertelliter Wasser, legt vier geschälte Knoblauchzehen und mehrere Schinkenknacker, notfalls Landjäger obendrauf, auf dass Knoblauch- und Wurstsud in den Grünkohl hineindiffundieren mögen, deckelt all jenes und lässt es ein bis zwei Stunden auf kleiner Flamme kochen. Danach lupft man den Deckel, schmeißt den Knoblauch weg, legt die Würstel beiseite, mengt zwei Esslöffel Dijonsenf in die Grünkohl-Kartoffel-Masse und beginnt mit rosigen Wangen zu fressen.

Solcherart waren meine Gedanken beim Aufwachen. Ein Stündlein später stand ich frischgewienert im Kaiser’s-Supermarkt, lud Grünkohl und Kartoffeln in mein drahtiges Einkaufswägelchen und stellte mich an der Fleischtheke an, zu kaufen die Schinkenknacker. Eine mittelalte Frau stand bereits da und kaufte ebenso gemählich wie ausführlich Aufschnitt hoher Diversität in Großfamilienmengen. Ebenfalls am Orte: Ein Mittdreißiger, schlank, eng sitzende schwarze Röhrenjeans, dunkelblaue Kickers-Schuhe, dunkelblaue Jack Wolfskin-Outdoor-Jacke höchster Vernunftstufe, dunkelgrüner Plastikrucksack, überdies eine Brille mit runden Gläsern tragend, leicht angegraute Langhaarfrisur, zum Pferdeschwanz gebündelt. Also: Ein Schwabe.

Zwei Kilo Rindsrouladen bestellt er. Und fügt an: „Geschnitten“.

Die Bedienung merkt auf: „Aber sicher, wenn Sie Rouladen bestellen, sind die immer vorgeschnitten.“

Der Schwabe retourniert sofort, als hätte er diese Antwort bereits einkalkuliert. „Des saget SIE.“

Fragend schaut die Bedienung. Der Schwabe legt nach: „Meine Fraú habet Sie ledschde Woche sséhr geärgert. Sehr geärgert.“

„Wie das?“

„Sie hat zwei Kilo Schweinskotelett bestellt. Und hat die komplett am Stück bekommen. Da war nix geschnitten. Gar nix.“

„Und warum hat Ihre Frau nix gesagt?“

„Meine Frau? Die Geli? Warum die nix gsagt het? Sie kennet halt die Geli net“, stößt er verbittert lachend hervor.

„Na, ärgern wollten wir sie bestimmt nicht“, sagt beschwichtigend, vermittelnd die Bedienung.

Die mittelalte, Aufschnitt kaufende Frau dreht sich um: „Mein lieber Herr, so ungewöhnlich ist das übrigens nicht, das Fleisch am Stück zu verkaufen. Hätte ja sein können, dass Sie einen Braten machen möchten.“

„Oder für die Gastronomie einkaufen“, schalte ich mich unvermittelt und überraschend in die Dreierkonferenz zu. „Da schneidet man sich das dann selber zu“. Dazu mache ich ein sehr schlaues Gesicht, indem ich den Kopf nach hinten lege und dann mit einer „Tja!“-Geste ruckartig nach vorne sacken lasse.

Nun sitzt er in der Falle, der Schwabe. Doch er ist ein echter Schwabe, er hat sein Pulver noch nicht verschossen, und daher zischt er jetzt die schlimmsten Schwabenworte, die es auf der ganzen Welt gibt, es sind Worte, die nur Dummbatzen höchster Dummbatzigkeit von sich geben, und diese Worte lauten:

SERVICEWÜSTE DEUTSCHLAND!

Doch meine Fleischfachverkäuferin schaltet noch einen Gang höher. Nach einem Blick in meinen Einkaufswagen, wir erinnern uns: Grünkohl, Kartoffeln, greift sie an den Haken, wo die zarten, saftigen Schinkenknackerwürstl hängen, zwinkert mich an und fragt rhetorisch: „Für Sie sicher zwei Servicewürste“.

„Ja“, sage ich, „zwei Servicewürste Deutschland. Am Stück, wie Gott sie schuf, keinesfalls geschnitten“. Der Schwabe zuckt zusammen und schleicht gedemütigt in Richtung Pfandautomat, wo er seine Apfelsaftfläschlein in Reih und Glied einstellen wird. Da keimt in mir ein teuflischer Plan auf. Ja, ich werde gleich, an der Kasse, mir meine Treueherzen auszahlen lassen und sie wegschmeißen, vor seinen Augen. Weiden werde ich mich an seinen traurigen Schwabenaugen, die voller Schmerz die Verschwendung schauen. Und danach, ja, danach werde ich meinen Grünkohl aufsetzen.

 

Preist das Finanzamt

Heute morgen um halb neun mit Bauchweh und Diarrhoe am Telefon gesessen; aus Gründen brauche ich eine Zweitausfertigung meines Einkommensteuerbescheids für das Steuerjahr 2005. Und zwar bis übermorgen. Meinen Originalbescheid hatte ich verloren. Ich saß vor dem Telefon und fixierte es. Was würde geschehen? Ich würde stundenlang abwechselnd auf ein ewig durchtutendes Freizeichen bzw. ein Besetztzeichen stoßen. Gegen Mittag würde ich durchkommen, man würde mich mannigfaltig weiterverbinden, die zuständige Dame letztlich würde mich auslachen, demütigen, verstoßen und mich auffordern am Samstag um 06.30 Uhr zur Außenstelle Treuenbrietzen zu kommen, 8 Passfotos mitzubringen und 80 Euro Gebühren in kleinen Scheinen.

Aber nein. Ich rief an. Kam sofort durch. Wurde weiterverbunden, und zwar richtig. Ja, ich kann die Kopie bekommen. Wie lang das dauert, frage ich. Eilt es? Ja, es eilt. Na, dann schicken wir das heute noch raus.

BUMM!

Nun danket alle Gott! Preiset und rühmet das Finanzamt Berlin-Schöneberg!!

 

Berliner Polizei bewerten

Heute sehr niedlicher Anruf auf meinem Handy.

Juten Tach, spre’ck mit Jochen Reinecke?
Ja, am Apparat.

Warnke, Berliner Polißei, Sie hám vor einijer ßeit den Notruf anjerufen. Is det korrekt?
Ja, das ist richtig.

Wir machen jerade eine Qualitétsübaprüfung und ick wollte frahren ob ick Ihnen ein paar Frahren frahren kannn.
Können Sie gern.

Jut. Denn komm wa ßu die erste Frahre: [liest hörbar ab] Was war der Anlass Ihres Notrufs?
Ich wollte eine defekte Ampelanlage an der Potsdamer Straße melden, an der es bereits einen Unfall gegeben hatte.

Mussten Sie lange warten?
Nein.

Wie beurteielen Sie die Freundlichkéit des diensthabenden Kolléjen. Sehr jut, jut, ßufriedenstellend oder unjenüjend?
Sehr gut.

Wie beurteielen Sie die Kompetenz des diensthabenden Kolléjen. Sehr jut, jut, ßufriedenstellend oder unjenüjend?
Sehr gut.

Wie sind Sie insjesamt mit dem Jespräch ßufrieden….
Also, ich meine, es war ja nur wenige Sekunden…

Ds janz éjal, ick muss hier den Frahrebohren abarbeiten.
Ja, dann war ich wohl sehr zufrieden mit dem Gespräch.

Jut dem Dinge, denn sahr’ck herzlichen Dank und n schönen Sonntag noch.
Wiederhören.

 

Clärchens Ballhaus – the place to be.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich dies hier öffentlich zugeben soll, aber: Egal! Im Rahmen umfangreicher Feierlichkeiten war man in Clärchens Ballhaus eingerückt: und es war gut! Ein großer Ballsaal, warmgebollert von zwei gigantischen Kachelöfen und Hunderten von Menschen. Eine Tanzfläche, über der die größte vollständige Spiegelkugel hängt, die ich je sah, auch muss, so behauptet zumindest steif und fest, mein Rest-Erinnerungsvermögen, ein nicht geringer Teil der Lokalität mit Alufolie ausgestaltet gewesen sein. Die Tanzfläche wird umringt von Tischen, eine Bierbar und eine „Weinbar“, die aber auch Longdrinks und ein paar Cocktails bereithält, am Nord- und Westflügel der Tanzfläche.

Was auffällt: Das Personal! Ganz, ganz alte Schule. Und äußerst gemischt. Eine pummelige Kaltmamsell, eine atemberaubende, direkt aus einem Almodóvar-Film entsprungen scheinende, an Rassigkeit und Grazilität nicht zu überbietender Kellnerin, mehrere schrullige, livrierte Herren, extrem serviceorientierte Barmänner, die auch ausgefallene Getränke-Extrawünsche gern erfüllen – kurz: ein bunt zusammengecastetes Sammelsurium von Originalen. Man muss sich Clärchens Ballhaus so vorstellen, wie das Kumpelnest 3000 zu besten Zeiten, allerdings auf etwa einem Viertel der Drehzahl. Was hier an Leuten zusammenkommt, ist dermaßen bizarr und wundervoll gemischt, dass es schwer zu beschreiben ist. Völlig durch Schminkexzesse und abartigste Kostümierung entstellte Sekretärinnengruppen aus Lichtenrade, hochnäsige Tango-Tänzer, Gigolos in den späten Fünfzigern, komplett in Woolworth gekleidet, aber begnadet beim Tanzen, Touristen, Nachbarn, ganze Partybesatzungen, schöne, hässliche, gerade, krumme. Es herrscht hochansteckende Ausgelassenheit.

Ich beobachtete einen einsamen, vierschrötigen Mann Mitte Fünfzig, der allein an einem Tisch saß und sein Hartz IV Monatssalär vertrank. Er stierte umher, nach einem Tanzopfer suchend. Er sah eine Frau, die mit ihrem Freund am Tisch saß. Er stand mühsam auf, was viele Sekunden dauerte, wankte langsam zu dem Paar hin. Forderte die Frau zum Tanz auf. Die Frau schaute eine Hundertstelsekunde lang angewidert, dann zog sie ihre Miene gerade, zwinkerte Ihrem Freund zu und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen. Es lief irgendein im Grunde genommen unerträgliches Tanzlied, möglicherweise „Sex Bomb“, egal, jedenfalls tanzten die beiden in einer Entfesseltheit miteinander, die beängstigte. Der Mann, so schien es, wollte jeden Moment vor Glück platzen. Nach dem Tanz führte er die Frau brav zurück, setzte sich wieder an seinen Trinktisch und trank weiter. Diesem Mann war geholfen worden. Wie sehr, wissen wir alle vielleicht gar nicht.

Tatsache ist, in Clärchens Ballhaus möchte man am liebsten täglich. Es ist ein herrlicher, kranker, gesund machender Ort. Es möge bitte immerdar bestehen.

Mehr hier: http://www.ballhaus-mitte.de/

 

Antennenarm

In Berlin ist man sich-bei-Rot-über-stark-befahrene-Straßen-mogelnde Radler so gewöhnt, dass mich die ältere Dame völlig überrascht, die an der Kreuzung vor mir steht und auf Grün wartet. Sie will nämlich nicht etwa geradeaus, über die vierspurige Straße, nein, sie will nur rechts abbiegen. Also einmal um die Bürgersteigsecke kurven. Gerade mal zwei Meter Verkehrsrowdietum! Das nenne ich vorbildlicher als bei der Verkehrserziehung in der 1. Klasse. Die ältere Dame hat den rechten Arm formvollendet bis in die Fingerspitzen nach rechts ausgestreckt, der linke Fuß steht auf der Pedale und ihr ganzer Körper verharrt in leichter Spannung, die beim Umschalten der Ampel ein sofortiges, den Verkehr nicht verzögerndes Anfahren ermöglicht. Besonders schön der kurze Moment, als ein Fußgänger auf die bis auf den Gehweg ragende Arm-Barriere zuläuft: Ohne ihren auf die Ampel gerichteten hochkonzentrierten Blick abzuwenden, zieht die ältere Dame teleskopartig den Arm ein, lässt den Mann passieren um ihn gleich danach wieder akkurat auf volle Länge auszufahren. Zzzzzzzt, zzzzzzzt.

 

Den Tag ausklingen lassen

Jeden Abend, wenn es dämmrig wird, füllt sich die Admiralsbrücke, die östlich vom Urbankrankenhaus über den Landwehrkanal führt. Da sitzen dann Bier aus Flaschen trinkende Menschen auf den breiten Brückenköpfen, auf den Betonpollern, die praktischerweise wie Sitzhocker über die ganze Brücke verstreut sind (Verkehrsberuhigung?), oder einfach auf dem Boden.
Ich behaupte, die Berliner Abenddämmerung ist nirgends romantischer als hier. Schmal und kopfsteingepflastert ist die Brücke an sich schon ganz hübsch. Noch viel hübscher ist jedoch der Ausblick: Bei Sonnenuntergang scheinen sämtliche Schwäne Berlins vors Urbankrankenhaus zu schwimmen, während sich der Landwehrkanal fast schon kitschig rosa-rot färbt. Ist es dann dunkel, wirft die Schummer-Beleuchtung der Restaurantschiffe auf dem Kanal goldene Reflexe aufs Wasser.
Auf dieser Brücke fühlt man sich wie im Urlaub, irgendwo in Spanien oder Italien. Man sitzt in der lauen Abendluft, plaudert entspannt und lässt den Tag gemütlich ausklingen – manchmal bis in die frühen Morgenstunden.

 

Uniform oder auffällig

Jeden Morgen beim Frühschwimmen das gleiche Bild: Das Bad ist noch fast leer, keine herumtobenden Kinder, keine flanierenden Teenies, keine Sonnenanbeter auf Strandlaken. Nur Schwimmer, die eifrig das Becken rauf und runter pfügen. Kopf eintauchen, prusten, auftauchen, Luft holen, wieder eintauchen. Das bisschen Mensch, das da aus den Wellen ragt, sieht schwimmbebrillt ziemlich uniform aus.
Umso auffälliger sind diejenigen, die hier nicht zielstrebig ihre Bahnen ziehen.
Da wäre das Bleienten-Duo. Die klassische Besetzung: zwei ältere Damen, die halb so schnell schwimmen wie alle anderen, dafür jedoch nebeneinander und meist mitten im Becken. Das Hindernis ist zum Glück gut zu erkennen: Steif recken die Damen ihre Hälse weit aus dem Wasser, damit die gut frisierten und einparfümierten Locken keinen Schaden nehmen.
Weitaus amüsanter anzuschauen: die nahtlos gebräunte Schönheit, die sich jeden Morgen Schaumstoff-Gamaschen um die durchtrainierten, schlanken Waden schnallt. Bojenartig steht sie dann aufrecht im Wasser und joggt mit angestrengtem Gesichtsausdruck fast auf der Stelle.
Den Vogel schießt jedoch jene Lady ab, bei der ich nicht genau weiß, ob sie zum Sporteln ins Prinzenbad gekommen ist, oder nur, um am frühen Morgen die Herren ein wenig aufzumischen. Oben ohne stolziert sie am Beckrand entlang, hüpft höchstens mal kurz ins Becken, um sich dann mit einer gut einstudierten lasziven Bewegung wieder aus dem Wasser zu stemmen, und legt schließlich ein Laken direkt neben das Schwimmbecken, auf dem sie dann Sit-Ups macht.
Nein, langweilig wird es wirklich nicht, morgens im Freibad.