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Götter basteln in Schöneberg

 

Dass ich eine Kirche nochmal von innen sehen würde – ich hätte es nicht gedacht. Ich bin nämlich mit einer bekennenden Atheistin zusammen und auch mir ist das Summen, Brummen und Klimbim der Religionen zuweilen suspekt. Gestern saß ich aber doch in einer Kirche. Meine Die Tochter singt nämlich auf ausdrücklichen, eigenen Wunsch in einem Kinderchor mit und dieser Kinderchor wurde von einer Schöneberger Kirchengemeinde angefragt, einen Nachmittagsgottesdienst für Jugendliche zu verschönern. Dass die Atheistenfrau und ich da als Publikum zugegen sind, ist natürlich Ehrensache.

Ich sitze da also hineingezwängt in einer Kirchenbank. Zur rechten die erwähnte Atheistin, zur linken eine mir nicht bekannte, glockenrockumwogte, weithin sichtbar gläubige Christin. Ich bin quasi gesandwicht. Ansonsten rekrutiert sich das Publikum aus ein paar versprengten Konfirmanden, zitternden Opas und den Eltern der Kinderchormitglieder. Auftritt Pfarrer, ein korpulenter Lebemann mit weißweinbedingter Erdbeernase. Er macht auf lässig, ökumenisch, flockig – und anstatt, wie es sich gehört, eisenharte Liturgie mit donnernden Predigten zu verbinden, beginnt er die anwesenden Halbstarken und Eltern der Chorkinder in den Gottesdienst mit einzubeziehen. „Ja, wem von euch ist Gott denn schon mal begegnet“, fragt er mit blitzenden Schweinsäuglein in die Runde. Obwohl ich nicht gläubig bin bete ich, dass er nicht meine Atheistenfrau anspricht, denn so, wie sie drauf ist, sagt sie knallhart, dass sie nicht an Gott glaubt. Macht er aber auch nicht, er spürt es wohl irgendwie. Mürbe rhabarbert der eine oder andere Anwesende von Epiphanien im Kaisers-Supermarkt oder ähnlich unwirtlichen Orten, der Pfarrer ist’s soweit zufrieden. Doch dann ein Schock. Der Pfarrer erhebt seine Stimme: “Wir teilen uns nun in vier Arbeitsgruppen. Wir haben vier Tische mit Bastelmaterial vorbereitet. Jeder, ich wiederhole jeder, auch die Erwachsenen – er blickt neckisch über den Rand seiner Lesebrille – darf nun gestalten, wie er seinen Gott sieht.“ Ohje. Ich mache ja bei sowas immer sofort mit. Ich kann jederzeit die feine Membran zwischen Ironie und Mitmachen durchlässig werden lassen und schlendere zu einem Basteltisch. Ergreife eine Packung „Wasserbomben“, blase einen dieser Miniaturluftballons bis kurz vors Platzen auf, male mit Edding einen Smiley darauf, knote ihn unten zu, stecke ihn oben auf einen Strohhalm, dessen unteres Ende ich ein einem Fünfmarkstückgroßen Stück Knetmasse fixiere. Fertig ist mein Gott. Rundherum Supersache.

Oh, der Pastor hat mich beobachtet. Er sieht mich aus einigen Metern entfernung durchdringend an. Lasse schuldbewusst meinen Gott auf die Tischplatte sinken und versuche mich vom Tisch wegzuschleichen. Zu spät. Der Pfarrer eilt auf mich zu. Schweißperlen auf der Nase, schnauft er: „Das ist von Ihnen, ja? Darf ich das haben? Ich möchte dazu gleich was sagen“. Scheiße. Gleich wird er mich vor allen Leuten fertig machen, mich unwürdigen kleinen Lästerboy, der alles mit einer in Sekunden hingequasten Gott-Karikatur ins Lächerliche zieht. Wird mich das Stahlgewitter seiner kirchlichen Macht spüren lassen. Doch damit nicht genug, ich habe Kinder infiziert, alle wollen auch so einen Gott basteln, Wasserbomben aufpusten und es mir nachtun, aber ihre kleinen Kinderlungen schaffen es nicht. Ich weide mich ein bisschen an ihrem Elend und schleiche mich zur Kirchenbank zurück, wo die Gattin mich ebenfalls bereits mit wütend grünen Augen anfunkelt. Sie findet es natürlich doof Gott basteln zu müssen. Aber genauso doof und noch dazu kindisch findet sie, dass ich mich über das Gottbasteln lustig mache. Alles findet sie doof, ich sehe es in ihrem Gesicht.

Eine Viertelstunde später werden die Arbeiten vorgestellt. Der Pastor hält vollgekleckste Kinderbilder und schiefe Basteleien hervor, alles höchst gut gemeint. Dann macht er eine Kunstpause und holt meine, nun, Installation hervor. Hält sie in die Luft. Eisiges Schweigen in der Kirche. Nun wird er mich in der Luft zerreißen. Ich senke mein Haupt.

Der Pastor hebt an und deutet in meine Richtung: „Dieser junge Mann hier, er hat etwas ganz Besonderes gebastelt.“ Dann hält er meinen wackeligen Gott in die Höhe. Das Grinsegesicht wackelt auf dem Strohhalm hin und her. Die ersten Konfirmanden beginnen zu kichern. Der Pastor fährt fort:
„Es ist schön zu sehen, wie euch dieses Bildnis erfreut hat. Ihr alle habt fröhlich gelacht. Freude, das ist die Botschaft Gottes. Doch in diesem kleinen Kunstwerk steckt noch mehr. Man könnte zum Beispiel einwenden, diese Wasserbombe ist nicht zum Aufblasen gedacht. Doch weit gefehlt, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, geht es. Die Überwindung von Schwierigkeiten, das Durchhalten, das Festhalten an einem Ziel, das ist hier wunderschön ausgedrückt. Doch noch mehr sehen wir: Hoch schwebt Gott – an einem Strohhalm – über uns und betrachtet unser Tun. Doch er hebt nicht ab, erhebt sich nicht über uns. Erdverbunden ist er, durch den Strohhalm.. Er ist biegsam, aber er bricht nicht. Einem Bambusstengel gleich trägt dieser leichte, kleine Strohhalm dieses große, fröhliche Gesicht, mühelos. In stürmischen Zeiten – er pustet gegen den Halm, sodass der Luftballon wie eine Boxbirne vor- und zurückschauckelt – gibt er nach, hält aber seine Last nahezu spielerisch. Und ja – woran denken wir, wenn wir nicht weiter wissen? An den rettenden Strohhalm, an den wir uns klammern.“

Kunstpause.

„Die Knetmasse hier unten wiederum soll uns ein Vorbild für Festigkeit sein. Auch sie ist eigentlich weich, gibt aber einen festen Halt, so wie die Ackerkrume für die Saat. Auch erlaubt uns die Knetmasse, den Gott überall hinzustellen.“ Zum Beweis pappt er meinen Gott seitlich an sein hölzernes Rednerpult und fährt fort: „Gott ist, wo wir gehen und stehen. Gott ist bei uns, immer und überall!

Es ist still geworden in der Kirche. Hinten höre ich, wie sich jemand gerührt schneuzt. Sagenhaft.
Bin auch ganz bewegt. Erwäge kurz, mich spontan taufen zu lassen.

Dann macht es „klatsch“ und mein gebastelter Gott fällt zu Boden. Billige Knetmasse halt. Ich schwöre, in dem Moment als er zu Boden fiel, hat er mich kurz angezwinkert, mein kleiner Gott. Und daher sind Gott und ich jetzt Freunde.

3 Kommentare

  1.   Bernie

    Die sanfte Einbindung aller Kritiker war schon immer das Erfolgsrezept der Kirche. Naja, nicht immer sanft vielleicht.

  2.   portif

    Schöne Fazit, aber was sagt die Atheistin dazu? Oder steht sie der Ökumene aufgeschlossen gegenüber?


  3. Sie hat kurz gelächelt. Immerhin.

 

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