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Das einzig wahre war Steiner

 

Ich habe mich immer gefragt, warum die Waldorfschulen diesen sagenhaften Claim, der mir irgendwann nach dem achten Bier einfiel, nicht genutzt haben. Ich schreibe diese heiteren Zeilen, da heute um 12:30 Uhr die Jahrespressekonferenz 2007 über die Lage der deutschen Waldorfschulen und ihre ökonomischen Perspektiven im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm stattfindet. Das Thema ist aber nicht nur deshalb mit Berlin verknüpft, sondern auch, weil es ja in der Vergangenheit ein arges Gezerre um die Novalis-Waldorfschule gab, die jetzt Friedrich-von-Hardenberg-Schule heißt. Die Schulbehörde hatte der umstrittenen Privatschule die Lehrbefugnis ab Klasse 9 entzogen. Schon im März sorgte die Schule für Schlagzeilen, weil der Elternverein mitten im Schuljahr alle Lehrer entlassen und ihnen gar Hausverbot erteilt hatte.

Ich bin bedauerlicherweise in einer Familienangelegenheit unterwegs heute und kann an der Konferenz nicht teilnehmen, es würde mich aber sehr freuen, hier eine Diskussion zu diesem Thema anzuzetteln. Vielleicht melden sich aktuelle oder ehemalige Waldorfschüler, vielleicht sogar Schüler oder Eltern der bezeichneten Novalis / Hardenberg – Schule, um ihre Sicht der Situation zu benennen. Andiamo!

Zum Thema hier ein Interview mit dem Lehrerausbilder Wenzel Götte.

31 Kommentare


  1. ICH! FASS! ES! NICHT!

  2.   Gero von Randow

    Bis zur 7. Klasse war ich in so einer Schule, dann erhielten meine Eltern das consilium abeundi. Gottlob. Habe damals viel Esoterisches, Parawissenschaftliches, Reaktionäres und, ja, gelegentlich auch Rassistisches gehört. Als Student dann hatte ich den Nebenjob angenommen, Indizes von Werken Steiners zu verfassen. Bin aus dem Staunen nicht herausgekommen – was für ein groteskes Durcheinander von Wahnvorstellungen, Rassismus inklusive.

    Meine dritte Begegnung mit dieser Sekte indes verlief erfreulich: Es gibt bestimmte Weine, die von anthroposophischen Winzern hergestellt werden und zu den Besten der Welt zählen (namentlich Domaine Leflaive sowie der Clos de la Coulée de Serrant).

    Soll man aber, wie zur Zeit beantragt, Bücher des Sektenvaters als „jugendgefährdend“ einstufen, mitsamt den rechtlichen Folgen? Ich meine nein. Eine aufgeklärte Gesellschaft muss auch so etwas aushalten.


  3. Ich habe als Student mal in mehreren Waldorfschulen (Aachen, Frankfurt) gejobbt, und zwar als Pianist des Eurythmie-Unterrichts. Nach meiner Erfahrung steht und fällt die Qualität der Schule mit der Reformfähigkeit des Kollegiums. In Aachen habe ich ein recht angenehmes, modernes Lehrervölkchen erlebt, das sich erfreulich von den allzu muffigen Auswüchsen der Steinerschen Lehre emanzipiert hatte. In Frankfurt war es durchwachsen. Aber das ist inzwischen auch alles 17 Jahre her, daher würde mich aktuelles von Leser/innenseite sehr interessieren.

    Was ich weiß ist, dass meine Tochter unbedingt auf eine Waldorfschule wollte und wir daher mal einen Testtermin dort vereinbart hatten. Nachdem wir erfuhren, dass sie aber in den ersten vier Jahren jeweils nur mit einer ganz bestimmten Farbe malen darf, haben wir davon abgesehen. Die E-Mail-Absage hat meine Tochter selbst geschrieben und versandt 🙂


  4. Aha, das mit dem Malen hat sich also auch nicht verändert. Mir waren Filzer und Kulis verboten, dabei war ich gerade mit denen gut. ich erinnere mich auch noch an den Chemieunterricht: „Worin gleicht der Mensch der Flamme?“ – „Oben das Licht, unten die Asche“.

  5.   portif

    Nun ja, Waldorfexperten unter sich. Soweit ich weiß (ein Teil meiner Verwandtschaft ist anthroposophisch geprägt), hat Rudolf Steiner aber keins seiner Bücher selbst verfasst, er hielt Vorträge über Pädagogik und fand dann viele Anhänger, die sich dafür begeistern konnten. Natürlich gibt es immer Leute, die Dinge fehlinterpretieren oder sich auf krude Art und Weise zu eigen machen, im Allgemeinen habe ich aber nichts gegen die Waldorfschulen einzuwenden, gerade im Kontrast zu vielen staatlichen Schulen, die ich kenne. Es hängt natürlich sehr vom Schüler (und dem jeweiligen Klassenlehrer) ab, ob was daraus wird, darum sind die Meinungen ehemaliger Waldorfschüler auch immer so konträr, aber Faschismus oder dergleichen habe ich noch nicht entdecken können, höchstens fundamentalistische Esoterik. Das reicht aber auch nicht an meine alte Ethiklehrerin (auf einem angesehenen staatl. und weitgehend humanistischen Gymnasium) heran, die uns im Unterricht von ihren Fehlgeburten erzählte, Dinge, die ihr als Vertrauenslehrerin mitgeteilt wurden, munter ausplauderte, und aus ihrem latenten Männerhass heraus Jungen konsequent schlechter bewertete als Mädchen. Also bitte auf dem Teppich bleiben.

  6.   Dorothee Sehrt-Irrek

    Ein Thema mit Zukunft!

    Ist das nicht toll, dass Buchstaben in Waldorfschulen getanzt werden?
    Ich bin positiv geprägt worden durch eine meiner geliebten Tanten. Die war nie sklavisch gefesselt an Worte des Meisters, ich sag mal, wenn er das nicht vertreten hätte, hätte sie ähnliches ge- nicht erfunden.
    Als „Literaturwissenschaftlerin“ bin ich auch sehr an Steiner interessiert. er hat doch vieles vom naturwissenschaftlichen Goethe.
    Ich glaube wir sollten keine Angst haben vor der Natur, ihr nicht nur wissenschaftlich, sondern auch als Verwandte begegnen.
    Eines habe ich jedenfalls gemerkt, Anthroposophen sprechen in gewisser Weise eine andere Sprache, da muß man übersetzen und sprachlich selbst lernfähig bleiben.
    Steiner hat ja auch Arbeiterbildung vorangetrieben.
    Was spricht dort gegen eine anthroposophische Erweiterung bzw. Ergänzung.
    Machen Naturfreunde auch Antroposophie?
    Die Japaner(?) machen morgens Meditationsübungen. Ihr Naturbild ist mystisch stark durchsetzt, wie ich früher in England an ihren Filmen und Zeichentrickserien sehen konnte.
    Wir sind eben literarische und philosophische „Spinner“ im positiven Sinne.
    Das sollten wir nicht ungenutzt liegen lassen; übrigens die beste Abwehr von zweifelhafter Esoterik. Aber wichtigen Erkenntnissen will ich mich nicht verschließen.

  7.   birba

    Man kann viel über das Für und Wider verschiedener Weltanschauungen und pädagogischer Konzepte diskutieren – Fakt ist und bleibt, dass eine Schule nur so gut ist wie ihre Lehrer! Ich selbst als ehemalige Waldorfschülerin habe mich nie gehirngewaschen gefühlt, sondern die Lehrer an meiner Schule waren ganz normale, etwas idealistische Menschen. Dass so etwas an anderen Waldorfschulen anders aussehen kann, ist klar, aber in dem angesehensten Gymnasium in meiner Stadt wurden immerhin Schüler geschlagen. Ohne entsprechende Konsequenzen für den Lehrer.

  8.   Thomas

    Habe 13 Jahre Waldorfschule miterlebt und sie NIE als rassistisch oder sonstwie krude erlebt. Sicher hängt das von dem jeweiligen Lehrpersonal ab, aber immer so pauschal auf Waldorfschulen rumzuhacken ist billig. Ich denke dass zwar ein großer Reformbedarf besteht, aber viele Sachen schon heute „besser“ gemacht werden als an Staatsschulen. Es hängt letztlich vom Individuum ab und von der Schule, ob es gut wird oder weniger. Keiner wird zu einer Waldorf-Ausbildung gezwungen…

  9.   inti

    wenn ich auf meine waldorferfahrungen zurück blicke so stelle ich fest: rassistisches oder ähnliches gab es da sicher nicht von seiten der schule, das problem ist eher, wie mit den geistigen ressourcen der kinder umgegangen wird … die werden verschwendet und verkannt … abitur gab es seit vielen jahren nur in kunst, deutsch, englisch und biologie, mit anderen interessen war man also 100% falsch an der schule

    und an das Jochen Reinecke: die absage war vermutlich das beste für ihr kind, die klassenkameraden hätten mitunter bis zur 6ten klasse gebraucht bis sie lesen können … was ihr kind bis dahin gelernt hätte können sie sich ja denken

 

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