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Egal wo – einseinszwo

 

Die Notrufnummer 112 funktioniert mittlerweile europaweit. Das verkündete kürzlich nicht ohne Stolz die EU-Kommission. Diese beruhigende Nachricht kann ich jedenfalls für Belgien persönlich bestätigen.

Neulich, gegen zwei Uhr nachts, auf dem Heimweg von einem dringenden dienstlichen Termin, öffnete sich in einer schlecht beleuchteten Straße mitten im EU-Viertel plötzlich die Tür eines Bürogebäudes. Ein Betrunkener taumelte heraus, stolperte über die Bordsteinkante, fiel mir direkt vors Fahrrad, den Kopf voran auf den Asphalt, und rührte sich nicht mehr.
Nachdem ich 1. die Atmung überprüft und 2. die stabile Seitenlage hergestellt hatte, dachte ich natürlich 3. sofort an die neuen Regeln der EU-Kommission. Also 112, den nunmehr europaweiten Notruf, gewählt.

„Bonsoir?“
Siehe da, er funktionierte.

Allerdings hält Europa ja viel auf seine nationalen Eigenheiten. Warum also nicht auch im Bereich den vereinheitlichen Notrufwesens?

Nachdem ich dem durchaus aufmerksamen jungen Mann in der Notrufzentrale Situation, Straßenname und Hausnummer mitgeteilt hatte, fragte der mich in sehr selbstverständlichem Ton nach der Postleitzahl.
Ich sagte neinnein, es handele sich nicht um eine Warensendung.
Er sagte, jaja, gewiss, aber er brauche die trotzdem. Das mache es für die Krankenwagenbesatzung leichter, den Ort zu finden.
Ich sagte, ich könne gerade leider nirgendwo eine Postleitzahl entdecken. Ob es der Krankenwagenfahrer nicht vielleicht in Erwägung ziehen wolle, sich auch ohne diesselbe auf den Weg zu wagen?

Durch die mittlerweile erhitzte Diskussion erwachte nun der Gestürzte und erhob sich wacklig vom Asphalt. Ihm gehe es gut, sagte er, indem er sich das Blut von der Wange wischte, er brauche keinen Krankenwagen. Ich sagte, naja, vielleicht besser doch, aber er klopfte mir auf die Schulter und sagte, nein danke wirklich nicht, er gehe dann mal sein Auto suchen.

Ich sagte, das sei nicht gut. Er sagte doch und ich sei ein nice guy und Pfoten weg jetzt! und taumelte seines Weges. Ich dachte kurzzeitig an den europäischen Haftbefehl, wobei der freilich mit der Situation rein gar nichts zu tun hatte.

Ungefähr fünf Minuten lang wartete ich noch auf den Krankenwagen. Dann rief ich die europaweite Notrufnummer noch einmal an und sagte, die Sache habe sich erledigt.

Fazit: Wenn die EU-Kommission demnächst eine europaweite Postleitzahlenansagenummer einrichtet, regen wir uns bitte mal nicht auf über die vermeintliche Brüsseler Regelungswut.

 

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