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Weltweite Radlerparadiese

 

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Mikael Colville-Andersen ist wahrscheinlich der bekannteste Fahrradlobbyist weltweit. Mit seinem Blog Cyclechic und den ästhetischen Fotos von Radfahrern hat er Kopenhagens Bild als weltoffene, innovative und lebenswerte Fahrrad-Metropole entscheidend geprägt. Jetzt hat seine Firma Copenhagenize.eu zum zweiten Mal eine Liste mit den 20 fahrradfreundlichsten Städten weltweit veröffentlicht. Allerdings ist es eher ein Ranking für Theoretiker als eine Empfehlung für Radfahrer.

Anders als der Fahrradklima-Test des ADFC zeigt The Copenhagenize Index 2013 –bicycle friendly cities nicht ausschließlich den Ist-Zustand der Städte an. Er beschreibt neben der Infrastruktur auch die Entwicklung und politische Lage aus Radfahrersicht in der Stadt.

Vor diesem Hintergrund schaffte es Sevilla mit einem Radanteil von gerade mal sieben Prozent auf Platz vier, direkt hinter den großen Fahrrad-Metropolen Amsterdam, Kopenhagen und Utrecht. Die Erklärung steckt im Bewertungssystem. Bis zu vier Punkte vergaben die Kopenhagener und ihre weltweit 400 Helfer in 13 Kategorien. Dazu gehören die Infrastruktur, der Radanteil am sogenannten Modal Split, das Sicherheitsgefühl oder das Engagement der Politiker für eine fahrradfreundliche Infrastruktur. Ausschlaggebend waren oft die 12 Bonuspunkte. Die konnten die Prüfer pro Stadt für besonderes Engagement oder eine rasante Entwicklung vergeben.

Sevilla hat als einzige Stadt sämtliche Bonuspunkte erhalten. 2006 lag der Anteil der Radfahrer noch bei 0,5 Prozent. Aber dank einer politischen Initiative wurden laut Copenhagenize.eu in einem Jahr 80 Kilometer Radwege gebaut, und die Entwicklung hält weiter an. Der politische Wille und ein erklärter Paradigmenwechsel brachten auch Nantes auf Platz 6 im Ranking. 40 Millionen Euro investierten die Politiker innerhalb von fünf Jahren, um 400 Kilometer Radwege zu bauen. Punkte brachte wahrscheinlich auch ein Vorzeigeprojekt: Rechtsabbiegen an roten Ampeln. Nantes war die erste französische Stadt, die dies den Radfahrern gestattete.

Spitzenreiter waren dann aber doch die etablierte Radfahrer-Metropolen Amsterdam, Kopenhagen und Utrecht. Damit hat Amsterdam seinen ersten Platz verteidigt. Die niederländische Hauptstadt macht aus Sicht von Copenhagenize.eu fast alles richtig. Freundliche Kritik gab es in der Begründung dennoch: Die gute Platzierung beruhe auf dem Status quo. Doch könne die Stadt durchaus von innovativen Projekten profitieren und ihren Radverkehrsanteil noch weiter steigen.

Statt ihren zweiten Platz zu feiern, nutzten die Kopenhagener den kurzen Begründungstext, um auf die aktuelle Situation zu verweisen. Sie loben zwar die Vorreiterrolle in Sachen Infrastruktur und dem Ausbau der Rad-Autobahnen, aber ihre Kritik ist deutlich: Niemand glaube mehr den Politikern, das sie einen Radfahranteil von 50 Prozent anstreben.

In ihren Augen fehlt ihrer politischen Führung eine positive Haltung zum Radverkehr. Sie belegen ihre Schlussfolgerung mit einem Tunnelprojekt, das seit Monaten in der Hauptstadt für Aufregung sorgt. Dieses Vorhaben werde letztendlich mehr Autos in die Innenstadt führen und das, nachdem jahrelang die Stadtverwaltung Parkplätze entfernt habe. Wenn Kopenhagen seine Vorreiterrolle behalten wolle, sei mehr Engagement erforderlich, lautet das nüchterne Resümee.

Erstaunlich ist, dass Hamburg es von 150 Städten tatsächlich auf den letzten Platz der 20 Besten geschafft hat. Die Hansestadt erreichte beim Fahrradklimatest des ADFC gerade mal Platz 34 von 38. Allerdings fordert Copenhagenize.eu die Politiker Hamburgs deutlich dazu auf, die Infrastruktur auszubauen und Erfolgsmodelle umzusetzen. Setzt die Hansestadt den Rat um, hätte sie das Zeug dazu, in einer Liga mit Amsterdam und Kopenhagen zu spielen.

Berlin und München liegen im guten Mittelfeld. Die Prüfer loben die pragmatischen Berliner Radfahrer. Aus Planersicht sei die Stadt sehr interessant, weil man eine fantastische Vielfalt von Infrastrukturlösungen sehe. Sie selbst bevorzugen jedoch ein einheitliches Netzwerk auf Basis von Best Practice.

Auch München sei nach der Werbekampagne „Radlhauptstadt“ nun reif für den nächsten Schritt. Es sei an der Zeit die Ärmel hochzukrempeln, den Worten Taten folgen zu lassen und eines der weltbesten Fahrrad-Infrastruktur-Netzwerke zu schaffen. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Ranking gibt einen kurzen, dafür sehr interessanten Überblick über die weltweite Entwicklung in Sachen Radverkehr. Schade, dass nur die 20 Siegerstädte aufgeführt sind.

 

4 Kommentare

  1.   Rod

    Wieviel die Wertung wert ist, lässt sich am Beispiel Hamburg wunderbar zeigen: sie ist gar nichts wert.

    Ich wette, dass die hanseatischen Verkehrsplaner und der Senat die Wertung aber trotzdem als großartigen Erfolg und Bestätigung für ihre rückständige, minimalinvasive Politik feiern werden.

    Hauptsache, es fällt kein Parkplatz weg.

  2.   Quirinus

    Die Initiative in Nantes ist eine einfache Möglichkeit, den Verkehrsfluß für Radfahrer erheblich zu steigern: Rechtsabbiegen an roten Ampeln.
    In Holland gibt es das auch an vielen Kreuzungen. Funktioniert einwandfrei. In Deutschland wäre das auch möglich… Ach nein, da gibt es bestimmt mindestens 10 Gruppierungen, die etwas dagegen einzuwenden hätten.

  3.   Schwoon

    Wichtig sind infrastrukturelle Entscheidungen durch die Bewohner einer Stadt. Wenn genügend Menschen sich stark machen werden Politiker dieses umsetzen müssen. Denn Politiker mit Tanken und Carleasing Flats auf Staatskosten sind wahrscheinlich die Letzten die sich für mehr Radwege oder autofreie Innenstädte stark machen werden.

  4.   lui

    tokio fahrradfreundlich? ich bin erstaunt. nja, solange man gern auf dem fussweg im schneckentempo fährt…

 

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