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Wie Wien mehr Leute aufs Rad bringen will

 
©  Velo-City 2013 Christian Fürthner
© Velo-City 2013 Christian Fürthner

Heute beginnt in Wien die größte internationale Radverkehrskonferenz Velo-City. Radfahrer machen in Wien nur sechs Prozent des gesamten Verkehrs aus. Die Stadtregierung will den Anteil bis 2015 auf zehn Prozent steigern. Ein guter Motor auf diesem Weg ist die Velo-City, die Wien gemeinsam mit der European Cyclists‘ Federation (ECF) organisiert. Mit dem Ziel vor Augen hat die Stadt in den vergangenen zwei Jahren viele Ressourcen mobilisiert und ebenso kreativ wie vehement begonnen, ihr Ziel umzusetzen.

Wien ist in der Welt beliebt. In Rankings der meistbesuchten und lebenswertesten Metropolen belegt die österreichische Hauptstadt meist einen der ersten drei Plätze. Außerdem gilt sie als Smart City, eine Stadt, in der man komfortabel und umweltschonend gut leben kann. Das macht sie zu einem attraktiven Wohnort. In Europa ist sie laut Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou die Metropole mit dem höchsten Wachstum. Mit ihr wächst die Infrastruktur – doch konzentriert sich die Stadt nur auf das Auto und den öffentlichen Personennahverkehr, werde sie an Grenzen stoßen, sagt Vassilakou.

Mehr Radverkehr soll hier helfen. Die rot-grüne Stadtregierung wirbt vehement fürs Radfahren: mit Image- und Aufmerksamkeitskampagnen, mit mehr als 1.200 Leihrädern und einem Infozentrum zum Fahrradfahren in zentraler Lage. Dort bekommen Radler Tipps zur Fahrradreparatur und -kultur, es gibt Workshops zu verschiedenen Themen und im Sommer touren Mitarbeiter mit einem pinkfarbenen Fahrradcontainer durch die Stadt, um die Menschen vor Ort übers Radfahren zu informieren.

Konflikte vermeiden, Menschen überzeugen, das ist das Motto von Maria Vassilakou. Das gilt vor allem für die Menschen, die sie fürs Radfahren gewinnen will. In ihrem politischen Umfeld muss sie dagegen immer kämpfen und Kompromisse eingehen, wenn sie beispielsweise Fahrradstraßen für die Stadt plant.

Wien hat 23 Bezirke. Jeder Bezirk, durch den eine Straße verläuft, hat ein Mitspracherecht, wenn man die Fahrbahn verändern will. Das erschwert manchmal Entscheidungen, macht aber auch kreativ. So hat Wien im Herbst eine fahrradfreundliche Straße eingeführt, die bis dahin in der Straßenverkehrsordnung Österreichs gar nicht vorgesehen war. „Auf der 2,5 Kilometer langen Hasnerstraße gilt Tempo 30, zudem haben Radfahrer und Autofahrer an fast allen Kreuzungen Vorrang, abgesehen von jenen mit öffentlichen Verkehrsmitteln“, sagt Andrzej Felczak von Argus, Österreichs Pendant zum ADFC. Eigentlich sollte die Regelung auch für die Pfeilstraße gelten, in die die Hasnerstraße übergeht, aber das hat die dortige Bezirksregierung verhindert. Fast zeitgleich mit der Novelle der StVO in Österreich hat Wien im März die erste Fahrradstraße eröffnet. In dieser haben Radfahrer Vorrang, sie dürfen nebeneinander fahren und Autofahrer nur zu- und abfahren.

Abstellplatz in zweiten Stock © Reidl
Abstellplatz in zweiten Stock © Reidl

Ein Vorzeigeobjekt und der Traum vieler Radfahrer ist das Haus Bike City mitten in Wien. Es ist die erste Wohnanlage, die speziell für Radfahrer gebaut wurde. 100 Wohnungen und 260 Fahrradstellplätze gibt es hier. Der Clou: Die Bewohner nehmen ihre Räder mit in ihr Stockwerk. Auf den verschiedenen Ebenen gibt es gläserne Abstellräume oder Stellplätze direkt vor der Haustür.

Das funktioniert auch für Familien mit Kindern, weil der Fahrstuhl für drei Personen und drei Räder konstruiert ist. 2008 hat die Gemeinnützige Siedlungs- u. Bau AG (Gesiba) das Haus gebaut. Im vergangenen Jahr hat sie das Folgeprojekt Bike und Swim gestartet. Neben den Fahrradstellplätzen gibt es einen Swimmingpool auf dem Dach und ein Spa mit Dampfbad.

Das Ergebnis: Laut Michael Szeiler, einem Wiener Verkehrsexperten, sind die Wohnungen begehrt. Selbst die weniger velobegeisterten Bewohner fahren mehr Rad als vor ihrem Einzug in Bike City.

Szeiler hat außerdem eine Neuerung bei der Ampelschaltung in Wien eingeführt. Sie verkürzt bei wenig Verkehr die Wartezeiten für Radfahrer und Fußgänger, zum Beispiel auf der Straße Rossauer Lände. Sie ist eine der Haupteinfallstraßen Wiens, dreispurig führt sie als Einbahnstraße am Donaukanal vorbei. Hier queren viele Radfahrer und Fußgänger die Straße.

Immer wieder huschten einige von ihnen trotz Rotsignal über die Ampel, wenn kein Auto kam. Statt sie zu bestrafen, suchten die Verkehrsplaner nach einer Lösung. Die Erfahrung zeigte, dass hier die Autos überwiegend als Kolonne auf die Ampel zufahren. Hat das letzte Auto die neu installierten Sensoren in den Fahrspuren passiert, schaltet nun die Fußgängerampel wenige Sekunden später auf Grün. Es gibt zwar einen Takt, aber der wird kurzzeitig aufgehoben, wenn die Sensoren kein Signal erhalten.

Einfacher geht es nicht. Die Idee ist ideal für Radfahrer und Fußgänger, weil sie die Wartezeit auf ein Minimum verkürzt. Und wer wartet schon gerne an einer vereinsamten Kreuzung auf das Grünsignal.

16 Kommentare

  1.   gekkox

    Das einzig gute an Wien, ist das Radler noch nicht flächendeckend mit Radverkehrsanlagen schikaniert werden – aber dort wo man solche gebaut hat, funktioniert es meist sehr gut (das Schikanieren).


  2. Wien wird in obigem Artikel etwas zu optimistisch als Radfahrparadies dargestellt. Ja, es stimmt, dass sich viel tut und vor allem viel getan hat seit die grünen mit in der Stadtregierung sitzen. Aber es stimmt leider auch, dass für die wirklich wichtigen Entscheidungen – nämlich Kfz-Infrastruktur zurückzubauen und in Fahrrad- und Fußverkehrsinfrastruktur umzuwandeln – die Grünen zu wenige Stimmen haben und die anderen Parteien die Zeichen der Zeit noch in 30 Jahren nicht erkannnt haben werden. Und dass oben erwähntes Bezirkskaisertum auch noch positiv ausgelegt wird… nun, damit habe ich als Radlobby-Aktivist eher schlechte und kontraproduktive Erfahrungen gemacht. Denn wenn in einem der Bezirke ein Verkehrsplaner, der das in den 70er Jahren studiert hat und kurz darauf pragmatisiert wurde, nun, der verficht noch heute Le Corbusier-sche Ideal im Städtebau. Und da der Herr dann auf dem Posten bis zu seiner Pensionierung sitzt, geht halt dann einfach so lange nix weiter in dem Bezirk.

    Mikael Colville-Andersen hat die Lage für nicht Motorisierte in Wien sehr gut erfasst: http://derstandard.at/1369363646437/Kultur-der-Angst-gegen-Radfahren

  3.   Wilhelm Koellesberger

    Investieren Sie die wenigen Euro,fliegen Sie für drei od.vier Wochen nach Los Angeles,mieten Sie ein Rad,montieren Sie eine stoßsichere Video Camera und dann radeln Sie immer mit den Radlerströmen/Gruppen..kreuz und quer durch die City und ihre eingegliederten Gemeinden!
    Automatische ,Induktions gesteuerte Ampeln sind Standard,Fließverkehr gleich-berechtigt für cars and bics,wobei die Rücksichtnahme auf die Radler sehr ausgeprägt ist. Kurz um,nicht so tun als ob diese Symbiose neu erfun- den werdern müssste, die ist ausgereift in Betrieb,ANSEHEN/ÜBERNEHMEN und auf zu neuen,anderen wichtigen Aufgaben ! Beides jahrelang erlebt,per-
    fekt,einfach für Europa adaptieren und los geht`s! Herzliche Grüsse aus Wien.

  4.   Jens Schwoon

    “Auf der 2,5 Kilometer langen Hasnerstraße gilt Tempo 30, zudem haben Radfahrer und Autofahrer an fast allen Kreuzungen Vorrang..“

    was die Stadt von Münster deutlich unterscheidet.. Hier werden im Bereich der Promenade zwar eindeutig die Fahrradfahrer hofiert, aber ansonsten werden alle Ampeln an Bedürfnissen der Autos geschaltet. Da steht man als Radfahrer zu oft an Ampeln. Besonders die Ampeln vor dem Schlossplatz die alle 50 Meter gebaut wurden, sind bei Motorradpolizisten beliebt, um abzukassieren.

    Sinnvolle fahrradfreundliche Verkehrsführung sieht anders aus. In vielen anderen Städten ist es nicht anders.. die Autolobby regiert immer noch!

  5.   rt

    @10
    Würden Sie Ignoranz unter „das universelle Leben“ kategorisieren?
    Unter Illuminaten doch wohl eher nicht – oder?
    Im Ernst – ich weiß nicht, ob Sie schon mal in der Stadt mit dem Rad gefahren sind – versuchen Sie es einmal.
    Vielleicht werden Sie meine Wahrnehmung danach teilen.
    Sie sollten allerdings nicht eine holländische Stadt für den Versuch heranziehen, denn dort sind die Vorzeichen umgekehrt.


  6. @9 – „Die Benachteiligung von Radfahrern hat in unserem Lande vielerorts System.“
    Ich vermute, da steckt das Universelle Leben dahinter oder die Illuminaten.

  7.   lauermann

    „Laut Michael Szeiler, einem Wiener Verkehrsexperten, sind die Wohnungen begehrt.“

    Geförderte Wohnungen wie bei der GESIBA sind begehrt, egal ob mit Fahrrradplatz oder ohne. Es gibt Wartelisten wo man sich als Nr. 9887 eintragen kann. Wohnungen in Wien sind grundsätzlich sehr begehrt und schwer zu bekommen.

    Ich erlebe den Wiener Radfahrer übrigens als rücksichtslos, aggressiv und präpotent. Da nutzt es nichts, wenn sich 99 korrekt verhalten, wenn dieser einer kommt.

  8.   rt

    Die für Radfahrer und Fußgänger optimierte Ampelschaltung sollte auch in Deutschland Schule machen.
    Vielleicht können sich hier die entsprechenden Verbände dafür einsetzen, dass so etwas Standard wird.
    Für Radfahrer ist es immer wieder frustrierend, wenn an einer Kreuzung die geradeaus fahrenden Autos grün haben, und die geradeaus fahrenden Radfahrer vor der roten Ampel stehen bleiben müssen, weil sie den rechten Zeitpunkt, den Ampelknopf zu drücken, verpasst haben.
    Die Benachteiligung von Radfahrern hat in unserem Lande vielerorts System.

  9.   Hans Doppel

    Velo-City 1989 in Kopenhagen…
    24 Jahre, fast ein Viertel Jahrhundert ist das her!
    >> 1989 meinte der damalige Wiener Radverkehrskoordinator DI Ernst Glaser „Die sind uns um 20 Jahre voraus“, als man auf dem Fahrrad die Situation in Kopenhagen erkundete…
    Weiter lesen:
    http://honzosblog.wordpress.com/2013/06/11/velo-city-1989-in-kopenhagen/

  10.   Thuata

    Dazu passend auch ein Artikel der (österreichischen) Presse:
    http://diepresse.com/home/panorama/wien/1416498/Gruene-hoeren-nicht-auf-die-Radfahrer

    So wirklich zufrieden ist man in Wien weder mit den Grünen noch mit der „Radfahrbeauftragten“ oder mit der Vizebürgermeisterin und deren Ideen bezüglich des Radfahrens scheint es.

 

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